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„Mach den Abwasch“ – Wie eine toughe Frau auf Mallorca den Alltagssexismus im Fußball bekämpft

Susana Triguero kämpft in Capdepera für einen weiblicheren Fußball. Sie konstatiert Fortschritte – aber auch, dass weiterhin vieles im Argen liegt

Susana Triguero auf der Tribüne in der Sportanlage Es Figueral in Capdepera.

Susana Triguero auf der Tribüne in der Sportanlage Es Figueral in Capdepera. / Sophie Mono

Sophie Mono

Sophie Mono

„Geh doch nach Hause und mach den Abwasch.“ Mehr als ein Mal hat Susana Triguero diesen Satz zu hören bekommen. So – oder so ähnlich. Irgendwo aus den Zuschauerreihen kommend. Sie als Linienrichterin auf dem Spielfeld, gut sichtbar für alle, der Pöbler versteckt in der Masse des Publikums – und gedeckt von Hunderten, die ihn gewähren ließen. Sexistische Kommentare gegen Frauen: Noch immer sind sie Realität in der Welt des Fußballs. Einer Welt, in der Stärke mit Männlichkeit gleichgesetzt wird und Frauen die Außenseiter bleiben.

Und doch: Susana Triguero liebt diese Welt, oder besser gesagt: Sie liebt den Fußball. Und ist daher eine von jenen, die nicht klein beigeben, sondern dafür kämpfen, dass es besser wird. Seit einigen Monaten gehört sie als Koordinatorin der Frauenfußballabteilung dem Vorstand von Capdeperas Fußballverein „Club Esportiu Escolar“ an. Als einzige Frau unter Männern. Mal wieder.

Lieber Taten als Worte

„Das war schon früher so. Als Kind habe ich viel mit meinen großen Brüdern unternommen, da ging es immer um Fußball – wenn ich Glück hatte, ließen sie mich mitspielen“, erinnert sich Triguero. Man könnte sie als eine toughe Frau beschreiben, nach außen hin. Wäre sie ein Mann, würde man ihre Art wohl eher anpackend nennen. Triguero ist organisiert, kann sich behaupten, mag Taten lieber als Worte. Wenn auf dem Gelände des Sportplatzes in Capdepera etwas zu reparieren ist, macht sie es oft einfach selbst, statt lange zu fackeln. Und wenn die männlichen Vereinskollegen mal wieder nicht schnell genug auf ihre Nachrichten antworten, bleibt sie hartnäckig.

Sie sei immer schon la rara gewesen, die Seltsame, sagt Triguero und zuckt mit den Schultern. Bereits als Kind in der Schule spürte sie die Blicke einiger Eltern, die sie –mehr oder weniger offen – schief anschauten, wenn sie mal wieder als einzige mit den Jungs auf dem Schulhof Fußball spielte. „Vielleicht auch, weil ich lesbisch bin“, sagt Triguero. In jedem Fall anders, als es vor einigen Jahrzehnten als „normal“ galt.

Und doch. Capdepera ist die Heimat der 49-Jährigen, die Dorfgemeinschaft liegt ihr am Herzen – unabhängig davon, wie sehr sie darum kämpfen musste, akzeptiert zu werden, so, wie sie ist. Ihre Freizeit verbringt die Chauffeurin entweder damit, sich um Straßenkatzen zu kümmern, oder eben rund um den Fußballplatz. „Wir haben eine Frauenfußballmannschaft für alle ab 14 Jahren. Die Mädchen, die jünger sind, müssen mit den Jungs zusammen spielen“, sagt Triguero. Für die Kleinen sei das meist in Ordnung, für die Älteren aber oft eine Herausforderung. „Eine unserer Jugendspielerinnen ist wirklich gut, aber sie ist dunkelhäutig und weiblich, zieht alle Blicke auf sich. Gleichzeitig ist sie sehr zurückhaltend. Immer wieder sage ich ihr, sie soll nicht auf das hören, was die Zuschauer sagen könnten, aber das ist nicht leicht.“

Nach kurzer Zeit kapituliert

Andere kapitulierten nach kurzer Zeit. „Erst neulich hat eine Zwölfjährige sich gegen den Fußball entschieden, weil sie nicht das einzige Mädchen in der Mannschaft sein wollte. Ich kann es nachvollziehen. Man wird als Mädchen oder Frau anders bewertet als die Jungs“, sagt Triguero. Sie selbst spielte erstmals mit 25 Jahren offiziell registriert in einer Frauenmannschaft – vorher war dies in ihrer Umgebung schlicht nicht möglich. Später war sie auch als Trainerin aktiv. Die Erfahrung, wie es ist, als einzige Frau bei einem Männerspiel auf dem Platz zu stehen, kennt sie nur als Linienrichterin – nicht gerade angenehm. „Deshalb bin ich nie Schiedsrichterin geworden. Weil man dann noch mehr in der Schusslinie der Pöbler ist.“

Doch genau wie andere Aktive im Frauenfußball auf den Balearen versucht Susana Triguero, besser zu machen, was verbesserungswürdig ist. Zu verändern, was Veränderung bedarf. Von unten herauf. Keine leichte Aufgabe. Eine reine Mädchenmannschaft, die es in Capdepera gab, bevor der Vereinsvorstand sich im Sommer neu aufgestellt und Triguero mit ins Boot geholt hat, hatte sich aufgelöst, weil nicht genug Spielerinnen zusammengekommen sind. „Manche haben sich für andere Hobbys entschieden, manche sind weggezogen, und wieder andere haben wohl auch aufgehört, weil sie von ihren Familien keine Unterstützung bekamen“, so Triguero.

Getratsche, Mobbing und Ignoranz

Noch so ein Punkt. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich im Fußball in seinen hässlichsten Auswirkungen zeigt. Noch immer herrschen in vielen Familien in Spanien die alten Stereotype vor. Gerade in Dörfern wie Capdepera oder Cala Ratjada. Getratsche, Mobbing oder schlichtweg Ignoranz strafen auch heute noch viele, die „anders“ sind. Deshalb sind in der örtlichen Ballettschule kaum Jungen angemeldet – und im Club Esportiu Escolar nur wenige Mädchen. Deshalb ist das Geschlecht eines Babys noch heute oft meilenweit erkennbar: rosafarbener Kinderwagen, rosafarbener Strampelanzug, Schleife auf dem Säuglingskopf und Glitzerstecker im Ohr der Neugeborenen. Und die Puppe gleich daneben. „Dass es auch Mädchen gibt, die Fußball spielen wollen, passt für einige Eltern noch immer schlichtweg nicht ins Bild“, so Triguero. Alte Rollenbilder, weit entfernt von Gleichberechtigung. Und das im Jahr 2025.

„In der Gesellschaft ist das noch ein weiter Weg“, sagt Triguero. Teilweise habe sie das Gefühl, dass der Machismo in einigen Kreisen sogar immer schlimmer werde. Auf der einen Seite. Doch auf der anderen steht sie. Und neben ihr mittlerweile auch immer mehr Männer, die den Fußball genauso lieben und progressiv denken. „In der Welt des Fußballs gibt es Fortschritte, ganz klar“, sagt sie. Das fange auf nationaler Ebene an: Der WM-Titel der Spanierinnen hätte einige Vorurteile aufgebrochen und Nachwuchs motiviert. „Aber was mussten die Spielerinnen alles erreichen, um sich diesen Respekt zu erkämpfen?“

Auch auf Balearen-Ebene geht es voran: Der Fußballverband FFIB bemühe sich mit zahlreichen Kampagnen darum, Respekt im Fußball zu fördern und Diskriminierung zu bekämpfen. „Dort gibt es in den vergangenen Jahren viele neue Akteure, die ihren Teil dazu beitragen wollen, die Gesellschaft etwas zu verbessern“, lobt Triguero. Und letztlich seien der Fokus und die Philosophie der jeweiligen Vereine entscheidend. Einige seien da rückschrittlicher als andere.

Werte wichtiger als Siege

Bei „Escolar“ fühlt sich Susana Triguero unter der neuen Leitung gut unterstützt. Neben ihr als Koordinatorin des fútbol femenino gibt es auch einen Diskriminierungsbeauftragten. Immer wieder wenden sich die Verantwortlichen an die Eltern und Zuschauer, betonen, dass Werte wichtiger sind als Siege. Schilder am Spielfeldrand rufen zu zivilisiertem Verhalten auf den Tribünen auf. „In erster Linie geht es doch darum, Menschen zu formen – und erst in zweiter Linie Spieler. Es geht um Respekt, Teamgeist und Kameradschaft. Der Meinung sind wir hier alle.“

Es sind kleine, aber wichtige Fortschritte, die die Fußballwelt verändern. Triguero will daran anknüpfen. Vielleicht Kooperationen mit Schulen anstreben. Mehr Werbung im Dorf machen. Ein Training für Mädchen im Vorschulalter anbieten. Und eine zweite Ligamannschaft für ältere Mädchen oder Frauen. Auch eine Veteraninnen-Hobbymannschaft kann sie sich vorstellen. „Einfach mehr weibliches Leben in den Fußball bringen, das will ich schaffen“, resümiert sie mit leicht verträumtem Gesichtsausdruck. Vielleicht, lenkt sie ein, sei das unmöglich. „In jedem Fall bedarf es viel Anstrengung. In der Gesellschaft liegt noch vieles im Argen. Aber ein ‚Nein‘ habe ich schon – also kann ich nur gewinnen.“ Und mit etwas Hartnäckigkeit verstummen vielleicht irgendwann auch die Pöbler im Publikum – und konzentrieren sich auf den Sport statt aufs Geschlecht.

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