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„Mein Körper wollte einfach weitermachen“ – Berglauf-Legende Kilian Jornet über sein härtestes Projekt

72 Berge in 31 Tagen – der Bergläufer spricht auf Mallorca über das Extremste, was er je getan hat

Bergläufer Kilian Jornet.

Bergläufer Kilian Jornet. / Cladera

David Boti

Auf Mallorca gibt es etliche Bergläufer, einige davon nehmen es besonders ernst. Der bekannteste heißt Tòfol Castanyer und hat in 30 Stunden alle 54 Tausender-Gipfel der Insel abgelaufen. Der Katalane Kilian Jornet sucht sich indes noch größere Herausforderungen. Kürzlich bezwang er an 31 Tagen die 72 höchsten Berge der USA. Sie maßen allesamt mindestens 4.267 Meter. Zuvor erlief er 2024 in 19 Tagen alle 82 Gipfel der Alpen, die über 4.000 Meter hoch sind. Jetzt war der 38-Jährige im Geschäft seiner Eigenmarke NNormal in Inca zu Besuch, um sein neues Buch „Alps, més enllà dels límits“ (Alpen, über die Grenzen hinaus) vorzustellen. Die MZ-Schwesterzeitung „Sport“ traf ihn dort zum Interview.

Es heißt, Ihr Projekt in den USA sei so anstrengend gewesen wie eine Etappe der Tour de France und ein Bergmarathon an einem Tag. Trifft das zu?

Ja. Kurios ist aber, wie sich der Körper an die Anstrengungen anpasst. Am Ende, also die letzten zwei Wochen, war ich komplett auf den Rhythmus eingestellt. Als es vorbei war, wollte mein Körper weiter die 9.000 Kalorien verbrennen, die ich vorher täglich brauchte. Meine Muskeln meinten: Wir müssen weitermachen. Das ist doch verrückt.

Also war die erste Woche die größte Hürde?

So ist es, denn ich legte mit Jetlag los. Am ersten Tag war ich 21 Stunden lang unterwegs. Mein Körper hatte zu kämpfen: mit dem Jetlag, mit der Höhe, mit der Anstrengung.

Wie wirkte sich das aus?

Es ist normal, dass sich der Körper nach einem extremen Wettrennen entzündet und ein paar Tage zur Heilung braucht. Nach einer Woche hörten die Entzündungen auf. Ich spürte Veränderungen an mir – aus physiologischer, zellulärer und hormoneller Sicht. Da spielte auch das Wassertrinken eine wichtige Rolle.

Wie sehr strengte Sie das Projekt mental an?

Da war Widerstandsfähigkeit gefragt. An manchen Tagen fühlte ich mich gut, an anderen fragte ich mich: Was zur Hölle treibst du eigentlich hier? Du quälst dich um fünf Uhr morgens nach zwei, drei Stunden Schlaf aus dem Bett. Es regnet, es sind drei Grad Celsius, und irgend etwas tut immer weh. Keine schwere Verletzung, aber halt Wehwehchen an verschiedenen Stellen von Stürzen oder einem Schlag. Dann sinkt die Lust. Und trotzdem passt sich der Körper an und macht weiter. In den Alpen ging das sogar mit einer gebrochenen Rippe.

Stehen Sie darauf, derart zu leiden?

Es gefällt mir, und mein Körper ist sehr anpassungsfähig.

Welches Projekt war schwieriger: das in den USA oder die Alpen?

Die körperliche Abnutzung war in den USA wesentlich größer, da die Distanzen länger waren. Mental waren die Alpen eine weitaus größere Belastung. Jeden Tag war ich dem extremen Wetter ausgesetzt. Wenn ich mich nachts hinlegte, ging ich im Kopf die möglichen Szenarien durch und wie ich überleben könnte. Das nagt an einem. In den USA gab es nur ein paar Etappen, die technisch anspruchsvoller waren, und ich musste etwas grübeln.

Sie leiten auch eine Stiftung, die sich für den Erhalt der Bergwelt engagiert. Welche Rolle spielt sie bei solchen Vorhaben?

Wir kontaktieren vorab die lokalen Umweltverbände, da wir die Probleme vor Ort nicht so genau kennen und bewerben diese Partner auch. Trockenheit und Waldbrände bedrohen sowohl die USA als auch Südeuropa. Hinzu kommt in den USA, dass verstärkt öffentlicher Grund privatisiert wird, seit Trump Präsident ist. Die Privatgrundstücke sind abgezäunt, wir Läufer können sie nicht betreten.

Sie haben Ihre Firma NNormal im Rücken. Sind Sie mit einem Team in die USA gereist?

Vor Ort waren wir zu fünft. Hier in Spanien hatten wir dann noch mehr Leute, die uns unterstützten und beispielsweise die Pressearbeit übernahmen oder Social Media bedienten. Für mich war es hilfreich, nicht alleine zu sein. Ich kam am Tagesende zum Wohnwagen und konnte den anderen meine Erlebnisse des Tages schildern. Das befreit den Geist.

Sie planen Ihre Läufe weit im Voraus. Wie sieht Ihr Kalender 2026 aus?

Das muss ich noch mit meiner Frau Emelie absprechen, die ebenfalls Bergläuferin ist. Sie lief zuletzt den Mallorca by UTMB. Ich muss schauen, welche Rennen sie interessieren, was ich machen möchte und wie wir das dann logistisch mit den Kindern unter einen Hut bringen können.

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