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Bahnrad-Star Lea Sophie Friedrich über Stürze auf Mallorca, Härte im Training und ein noch fehlendes Olympia-Gold

Die deutsche Bahnrad-Nationalmannschaft bereitet sich in Mallorca auf die neue Saison vor – mit dabei: Mehrfach-Weltmeisterin Lea Sophie Friedrich. Ein Gespräch über Risiken beim Training, Schmerzempfinden und das Leben abseits des Radsports

Die mehrfache Weltmeisterin im Bahnrad Lea Friedrich in der Lobby des Crew-Hotels in Arenal

Die mehrfache Weltmeisterin im Bahnrad Lea Friedrich in der Lobby des Crew-Hotels in Arenal / Nele Bendgens

Alexandra Bosse

Alexandra Bosse

Das Team der deutschen Bahnrad-Nationalmannschaft trainiert momentan auf Mallorca und legt damit die Grundlage für die kommende Saison. Die MZ traf sich vergangenen Freitag (21.11.) mit der mehrfachen Weltmeisterin Lea Sophie Friedrich (25) im Crew-Hotel in Arenal zum Gespräch.

Warum kommt das deutsche Team nach Mallorca und trainiert nicht beispielsweise in Zypern oder auf den Kanaren?

Mallorca bietet sich zum Radfahren super an. Einerseits sind die Routen hier gut für uns Sprinter, denn es ist nicht nur bergig, sondern sehr vielfältig. Außerdem ist es nicht so weit weg, die Hotels und das Essen sind immer super, und es ist nicht so teuer. Die Nationalmannschaft kommt meines Wissens schon seit 40 Jahren hierher. Ich selbst bin durch den Sport 2013 das erste Mal hergeflogen und bin seitdem jedes Jahr hier gewesen.

Geld spielt also eine Rolle in der Nationalmannschaft. Was bedeutet das konkret?

Wir haben ein Budget fürs Jahr und das muss gut ausgeglichen sein. In dieser Saison haben wir drei Weltcups in Übersee – in Australien, Hongkong und Malaysia. Die werden sehr teuer werden, und da müssen wir einfach schauen, was das Budget noch hergibt. Mallorca ist nicht so teuer wie beispielsweise Kapstadt, wo wir auch manchmal trainieren.

Im Januar war das deutsche Ausdauer-Herrenteam hier und hatte einen schweren Unfall, bei dem sich sechs Fahrer verletzten. Haben Sie dadurch jetzt hier mehr Angst auf der Straße?

Wir sind genau an dem Stück entlanggefahren, wo es geschah, und da läuft einem schon ein kalter Schauer über den Rücken. Besonders schlimm war, dass sie gar nichts dafür konnten und nichts dagegen machen konnten, denn der Autofahrer ist einfach hinten in sie hineingefahren. Normalerweise hat man als Radfahrer immer den Überblick: Wo sind die Autos, wie sind die Abstände und so etwas. Man achtet schon darauf, dass man relativ sicher ist, aber der Unfall bleibt immer im Hinterkopf.

Das Wort Angst verwende ich gar nicht, eher Respekt.

Selbst hatten Sie noch keine Probleme auf Mallorca?

In den Bergen oder jetzt, wenn die Straßen nass sind, fahren wir sehr vorsichtig, weil es extrem rutschig hier ist. Wir haben uns bei diesem Aufenthalt bereits einmal in der Kurve hingelegt, weil es nass war. Das passiert auf Mallorca sehr schnell, schneller als in Deutschland, würde ich sagen, das hängt wohl mit dem Blütenstaub hier zusammen.

Auf der Bahn erreichen Sie eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 70 km/h. Wie fühlt sich das an?

Die Geschwindigkeiten an sich nimmt man gar nicht so krass wahr, weil man sich in dem Moment auf das Fahren oder auf die taktischen Dinge konzentriert. Aber es ist schon geil, mit so einer schnellen Geschwindigkeit in die Kurve zu fahren und die Fliehkräfte zu spüren. Ich liebe das, dieses Adrenalin, weil es auch ein bisschen gefährlich ist.

Schmerz ist sozusagen mein Element, also das, was ich kann. Ich liebe es, an meine Grenzen und darüber hinauszugehen.

Sie sind ziemlich früh schon sehr erfolgreich gewesen.

Ich hatte mit 17 meine erste Junioren-WM, und da bin ich zweimal Zweite geworden und einmal Dritte. In dem Moment wusste ich: Krass, ich kann wirklich in der Weltspitze mitfahren. 2018 war ich bereits Junioren-Weltmeisterin, mit Junioren-Weltrekord. Das war einzigartig und bis heute ein toller Moment. Durch Kristinas Unfall ging es dann direkt in die Elite für mich (die Bahnradfahrerin Kristina Vogel hatte 2018 einen schweren Trainingsunfall auf der Bahn in Cottbus, seither ist sie querschnittsgelähmt. Anm. d. Red.). Wir waren wie die jungen Hühner, die einspringen mussten. Aber wir haben das ganz gut gemeistert und sind 2020 direkt Weltmeister geworden.

Ich möchte auf jeden Fall noch mal zu den Olympischen Spielen und eine Sprint-Goldmedaille dort holen. Los Angeles wird wahrscheinlich mein letztes Olympia sein. 

Wie hat der Unfall von Kristina Vogel Sie beeinflusst? Hatten Sie damals Angst auf der Bahn?

Das Wort Angst verwende ich gar nicht, eher Respekt. Ich habe immer Respekt für diese Sportart und der Unfall hat gezeigt, wie gefährlich sie ist. Ich war an dem Tag, als es passiert ist, vor Ort, und es war ganz, ganz schlimm für uns alle. Wir wussten gar nicht mehr, wie wir uns fühlen sollten, und waren total schockiert. Es war kurz vor unserem Wettkampf, und wir sind trotzdem weitergefahren, halt auch für sie, als Symbol. Aber es hat gezeigt, wie hart dieser Sport ist. Ich würde ihn auf jeden Fall als Risikosportart bezeichnen.

Auf Ihrem Instagram-Profil schreiben Sie „Pain is my game“. Was ist damit gemeint?

Schmerz ist sozusagen mein Element, also das, was ich kann. Ich liebe es, an meine Grenzen und darüber hinauszugehen. Viele Fahrerinnen würden mich als eine Sportlerin beschreiben, die Schmerz sehr gut ertragen kann. Also in dem Sinne, wie hart ich trainiere.

Woher nehmen Sie die Disziplin, auch mit Rückschlägen umzugehen?

Wenn ich im Training an meine Grenzen gehe und denke, ich kann jetzt nicht mehr, dann sage ich mir: Andere ruhen sich vielleicht gerade nicht aus. So mache ich weiter, auch wenn es nicht leicht ist. Ein anderer Gedanke, der mich motiviert, sind meine Ziele in der Zukunft. Ich möchte auf jeden Fall noch mal zu den Olympischen Spielen und eine Sprint-Goldmedaille dort holen. Los Angeles wird wahrscheinlich mein letztes Olympia sein, und in allen anderen Disziplinen habe ich bereits Medaillen. 

Braucht man aus Ihrer Sicht mehr Kraft oder mehr Taktik als Profibahnradfahrerin?

Mittlerweile ist das Niveau so hoch, dass man beides braucht. Ich analysiere jede Gegnerin, gegen die ich antreten könnte, und schaue mir an, was sie für Fehler macht. Das versuche ich dann auszunutzen, es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel, und die Clevere gewinnt oft. Es sei denn, man ist physisch überlegen. Auf jeden Fall muss man gut mit Druck umgehen können, denn die Konkurrenz beobachtet mich natürlich genauso. Letztendlich muss man sein eigenes Ding machen und es einfach durchziehen.

Lea Sophie Friedrich, Weltmeisterin im Bahnrad, ist mit der Nationalmannschaft im Trainingscamp auf Mallorca.

Lea Sophie Friedrich, Weltmeisterin im Bahnrad, ist mit der Nationalmannschaft im Trainingscamp auf Mallorca. / Nele Bendgens

Mentale Stärke ist also genauso wichtig wie physische.

In dem Moment, in dem du im Wettkampf stehst, solltest du einfach funktionieren können wie eine Maschine und über nichts anderes nachdenken. Das kann ich gut, aber dann bin ich ein ganz anderer Mensch. Im Privaten bin ich lustig, locker und entspannt, und da gibt's für mich keinen Zeitstress. Ich bin ein spontaner Mensch und mag es gar nicht, nach Plan zu laufen. Aber sobald ich in diesem Wettkampfmodus bin, bin ich das komplette Gegenteil. Total fokussiert, in mich gekehrt, ruhig, konzentriert, habe meinen Plan. Ich bin dann in meiner Bubble. Aber es ist sehr anstrengend, diesen Fokus zu halten. Sobald der Wettkampf vorbei ist und ich ins Hotel gehe, bin ich nicht mehr so.

Olympia 2028 ist gefühlt noch weit entfernt, wie schaffen Sie es, so lange motiviert zu bleiben?

Auf jeden Fall versuchen, zwischendurch mal herunterzukommen. Mal an etwas anderes zu denken als an den Sport, mal länger Urlaub zu machen, andere Interessen im Alltag einzubauen. Ich denke, so etwas hilft mir immer sehr viel. Viele kennen mich nur durch den Sport, die Wettkämpfe oder durch meine Erfolge, und vergessen, dass es auch noch eine andere Lea gibt. Ich finde es total schön, wenn man einfach mal nur über „Wie geht's deiner Katze?“ oder so redet.

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