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Nach Pokalfight auf Mallorca lächelt Diego Simeone Frage nach Gerechtigkeit im Fußball weg

Atlético Baleares hat in einem wilden Spiel mit 2:3 gegen Atlético Madrid verloren. Am Ende machen Kleinigkeiten den Unterschied. Und doch ist es ein gelungener Abend für den Viertligisten

Atlético Madrids Trainer Diego Simeone sah einen knappen Sieg seiner Mannschaft beim Pokalspiel gegen Atlético Baleares im Estadio Balear in Palma.

Atlético Madrids Trainer Diego Simeone sah einen knappen Sieg seiner Mannschaft beim Pokalspiel gegen Atlético Baleares im Estadio Balear in Palma. / Cati Cladera

Es war die zentrale Frage nach Abpfiff des packenden Pokalspiels zwischen Champions-League-Teilnehmer Atlético Madrid und dem balearischen Viertligaclub Atlético Baleares, an dessen Ende der Außenseiter sich trotz zahlreicher vergebener Großchancen nach einer 2:3-Niederlage aus der Copa del Rey verabschieden musste: Was wäre gewesen, wenn…?

Atlético Madrid-Trainer Diego Simeone ließ sich in der anschließenden Pressekonferenz auf derlei Spekulationen nicht ein. Kurz angebunden, in schnellen und leise gemurmelten Worten gab der Trainer zu verstehen, dass er zufrieden sei mit der Leistung seiner Mannschaft. Er zollte dem Gegner Respekt, tat kund, dass ihn dessen leidenschaftlicher Auftritt nicht überrascht habe. Und auf die Frage, die sich vermutlich viele der an diesem Abend mehr als 5.000 Zuschauer im vollen Stadion stellten, ob das Ergebnis denn "gerecht" sei, musste er müde lächeln.

Gibt es Gerechtigkeit im Fußball?

Diese Kategorie gäbe es nicht im Fußball, sagte "El Cholo". Selbst wenn es von außen vielleicht so geschienen haben mag, dass der Sieg ungerecht sei, komme es im Fußball darauf an, Tore zu erzielen. Die Mannschaft, der das besser gelinge, gewinne. Das sei gerecht. "Das versteht man doch, oder?", fragte er in die Runde. Andersherum kenne das seine Mannschaft auch. Ob dabei Erinnerungen an bittere Champions-League-Endspiele gegen Real Madrid wach wurden? Diesmal war Atlético Madrid auf der Siegerseite. Simeone wollte die Sache sichtlich schnell abhaken und zu den nächsten Aufgaben übergehen.

Sein Gegenüber nahm sich mehr Zeit. Aus Luis Blancos Worten sprachen vor allem zwei Emotionen: Stolz und Enttäuschung. Dass es überhaupt dazu kam, dass Simeone gerne weniger, und er mehr reden wollte, dazu hatten Blancos Spieler in den vorangegangenen 90 Minuten plus Nachspielzeiten wirklich alles getan. Es war ein packendes Fußballspiel, in dem es auf und ab ging. Und das obwohl die Favoritenrolle zuvor überaus klar definiert war.

Zehn Spieler, die zuletzt Champions-League spielten

Einen großen Kampf lieferten die Spieler von Atlético Baleares ihren favorisierten Gegnern von Atlético Madrid.

Einen großen Kampf lieferten die Spieler von Atlético Baleares ihren favorisierten Gegnern von Atlético Madrid. / Guillem Bosch

Antoine Griezmann, Torschütze im letzten Erstligaspiel gegen Valencia, führte Atlético Madrid als Kapitän aufs Feld. Insgesamt kamen zehn der 15 Spieler zum Einsatz, die in der Woche zuvor in Eindhoven Champions-League spielten. Auf balearischer Seite zog ein Deutscher im Mittelfeld die Fäden: Ulrich Taffertshofer. Auch nach Rückschlägen animierte er immer wieder seine Mitspieler. Groß geglänzt hatten die Favoriten nicht. Vor allem waren sie in den entscheidenden Situationen effektiver. Daran zeige sich Qualität, ließ Simeone in der Pressekonferenz verlauten. So kann man es sehen.

Dennoch sah seine Mannschaft während der Partie häufig alles andere als souverän aus. Immer wieder gelang es den Balearenkickern ihren prominenten Gegenspielern Bälle abzuluchsen. Schon in der zehnten Minute waren die beiden Stürmer Joan Duran und Jaume Tovar frei durch, behinderten sich aber gegenseitig beim Abschluss, den Musso im Tor der Madrilenen mit einer Fußabwehr parierte. Vielleicht noch etwas in Gedanken bei dieser vergebenen Großchance, ließ die bis dahin diszipliniert stehende Hintermannschaft der Mallorquiner dem Gegner etwas zu viel Platz, was die Erstligaprofis zu einer ansehnlichen und schnellen Kombination nutzten, an deren Ende Griezmann das 1:0 erzielte. Als es in der Minute nach einer zu unbedrängt ermöglichten Flanke 2:0 stand, deutete alles auf einen eindeutigen Verlauf der Partie hin.

Atlético Baleares steckte nie auf

Doch Atlético Baleares gab sich in diesem Spiel zu keinem Zeitpunkt auf. Nach einer Ecke gelang der Anschlusstreffer zum 2:1. Die zweite Halbzeit begannen die Weißblauen noch entschlossener und druckvoller. Drei Mal erarbeiteten sie sich klare Torgelegenheiten, scheiterten aber an dem gut reagierenden Gästetorwart. Die große Laufbereitschaft schien etwas ihren Tribut zu fordern. Nach einem Ballverlust tief in der eigenen Hälfte konnten die Abwehrspieler den schnell umschaltenden Madrilenen nicht mehr folgen. Griezmann reagierte nach der Hereingabe am schnellsten, setzte sich mit einer schnellen Bewegung von seinem Gegenspieler ab und schoss freistehend zum 3:1 ein.

Der Colchonero-Torwart Juan Musso pariert den Elfmeter von Atlético-Baleares-Stürmer Jaume Tovar.

Der Colchonero-Torwart Juan Musso pariert den Elfmeter von Atlético-Baleares-Stürmer Jaume Tovar. / Guillem Bosch

Doch auch auf diesen neuerlichen Rückstand folgte ein Comeback. Die größte Chance auf den Anschlusstreffer vergab Tovar zehn Minuten vor Schluss vom Elfmeterpunkt. In der 90. Minute machte es Mouhamadou Keita besser und verwandelte den zweiten Strafstoß zum 2:3. Die folgende vierminütige Nachspielzeit war chaotisch. Atlético Baleares warf animiert von ihrem an der Seitenlinie wild gestikulierenden Coachingstaff alles nach vorne. Es fehlte jedoch etwas die Ruhe, und viele der langen Bälle wurden vom routinierten Gegner schnell abgefangen. Das Publikum hatte jedoch ein mitreißendes Spiel gesehen, dass Atlético Baleares spannender und enger gestaltete, als es viele erwartet hatten.

So viel war noch nie los im Estadio Balear

Immer wieder standen die Zuschauer auf, peitschten ihre Mannschaft mit "Atleti, Atleti"-Sprechchören nach vorne. Selbst für gelungene Abwehraktionen oder erfolgreiche Pässe gab es Szenenapplaus. Es war ein Festtag, für alle, die es mit dem Viertligaclub halten. Einen solchen Andrang wie am vergangenen Mittwochabend sind sie nicht gewohnt bei Atlético Baleares. Vor Spielbeginn hatten sich an allen Eingängen zum Estadio Balear lange Schlangen gebildet. In den ersten Minuten strömten immer noch Zuschauer auf die schon vollen Ränge. Auf allen Tribünen standen Menschen in der oberen Reihe über den Sitzplätzen. In dem allgemeinen Chaos wussten auch Personen in Leibchen und Kleidung von Atletico Baleares nicht, wo die Presseplätze zu finden sind. Und doch: Auf der nicht bestuhlten Plattform über der hintersten Sitzreihe auf der Haupttribüne hatten sie Gartenstühle und teilweise auch Tische aufgestellt, die mit den Namen der akkreditierten Medien beschriftet waren. Auch Trainer Blanco erwähnte in der Pressekonferenz seine Freude über den ungewohnt vollen Raum.

Das Pokalspiel gegen Atlético Madrid sorgte für volle Ränge im Estadio Balear in Palma.

Das Pokalspiel gegen Atlético Madrid sorgte für volle Ränge im Estadio Balear in Palma. / Guillem Bosch

Manch einer kam extra aus Deutschland eingeflogen

Der deutsche Klubpräsident Ingo Volckmann flog ein, wie ein auf Instagram geteiltes Foto vor einer Chartermaschine zeigte. Auch ein Freund Taffertshofers hat extra einen Flug aus Deutschland genommen. Für ein Spiel gegen Atlético Madrid kann man das schon mal machen. Er war mit Taffertshofers Frau und dessen Kind und Vater auf der Haupttribüne und zeigte sich stolz auf die Leistung seines ehemaligen Mannschaftskollegen. Auch bei Patrick Messow, dem deutschen Geschäftsführer des Inselklubs, war die Stimmungslage ähnlich. Er empfand Freude über die Leistung, und Enttäuschung übers Ergebnis. Jetzt sei er froh, dass die Mannschaft nach dem Spiel am nächsten Wochenende erstmal eine kurze Pause habe, um sich zu erholen nach diesem Kraftakt. Dann soll in der Liga wieder angegriffen werden. "Wenn wir immer so spielen...", setzte er an. Ja, wenn. An einem einmaligen Ereignis wie diesem sind auch einmalige Dinge möglich. Ob man sich in Zukunft öfter auf so ein Interesse einstellen muss im Estadio Balear, gilt es abzuwarten.

Nahbarer Machtwinner und viel Anerkennung

Was bleibt, sind auch Bilder wie diese: Der zweifache Torschütze Antoine Griezmann nach dem Spiel mit Fans von Atlético Baleares.

Was bleibt, sind auch Bilder wie diese: Der zweifache Torschütze Antoine Griezmann nach dem Spiel mit Fans von Atlético Baleares. / Guillem Bosch

Nur wenige Momente nach dem Schlusspfiff im Estadi Balear als die Fans der Colchoneros ihre Spieler von einer der Hintertortribünen aus für den Sieg beklatschen, holten sich auch die in blau-weiß gekleideten Mallorquiner von der Haupttribüne und den gegenüberliegenden Rängen großen Applaus ab. Es war ein versöhnliches Ende eines Pokalspiels, von dem auch Bilder bleiben wie diese.

Antoine Griezmann, Starstürmer und Matchwinner an diesem Abend, ging nach Spielschluss zum Fanblock der Heimmannschaft, gab Autogramme und unterhielt sich harmonisch mit den im unteren Bereich stehenden gegnerischen Fans, während Ulrich Taffertshofer und seine Teamkollegen von Atlético Baleares an der Bande vor der Haupttribüne umringt von ihren Freunden und ihrer Familien standen. Deren Worte der Anerkennung haben sie sich an diesem Abend, der ihnen allen sicher lange in Erinnerung bleiben wird, redlich verdient. Und das ist auch ein großer Erfolg.

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