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Bei der Arbeit angeschossen: Warum ein Mallorquiner seine Querschnittslähmung als Glücksfall sieht

„Mix“ Manresa hat mit seinem Handbike den Kilimandscharo erklommen. Dass er nicht laufen kann, stört ihn nicht sonderlich

Mix Manresa radelte den Kilimandscharo hoch.

Mix Manresa radelte den Kilimandscharo hoch. / Privat

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Miquel „Mix“ Manresa ist wahrlich kein Glückspilz. Denkt man zumindest. Vor 33 Jahren sorgte eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu, dass der Mallorquiner querschnittsgelähmt im Rollstuhl landete. „Ich hatte zwei Möglichkeiten: In einem Loch zu versinken und mein ganzes Umfeld herabzuziehen. Oder mich aufzurappeln, und es geht bergauf“, sagt der 58-Jährige der MZ. Letzteres meinte er wortwörtlich. Im September fuhr Manresa als erster Spanier überhaupt mit einem Handbike auf den Kilimandscharo.

„Meine Eltern haben in Hotels gearbeitet. Dort bin ich quasi aufgewachsen“, erzählt er. Urlauber gaben ihm auch seinen Spitznamen. „Mein Vater heißt ebenfalls Miquel. Aus Miquelito wurde dann irgendwann ‚Mix‘.“ Der junge Mallorquiner interessierte sich für Geografie und Meeresbiologie. „Zudem war ich sportbegeistert und immer mit Freunden unterwegs.“ Um sich sein Studium zu finanzieren, jobbte Manresa in einer Bar in Palmas Einkaufsstraße Jaume III.

Plötzlich knallte es

Dort geschah das Unglück am 11. Mai 1992. Er war damals 24. „Fünf Tage Schicht fehlten mir bis zu den Ferien“, erinnert er sich. Zu den Stammgästen der Bar gehörte ein Sicherheitsmann. „Das war ein aggressiver Typ, der oft betrunken war und schlechte Witze riss.“ So auch an jenem Montag im Mai. „Er zückte seine Pistole, zielte auf mich und sagte: ‚Gib mir einen Kaffee, oder ich knall dich ab‘.“ ‚Mix‘ Manresa saß hinter dem Tresen und machte große Augen, als es plötzlich knallte. Die Pistole war nicht gesichert. Der Schuss ging los.

Die Folgen des Schusses und der Weg zurück

Die Kugel traf den Barkeeper in der Schulter. „Blöderweise wurde sie von meinem Schulterblatt umgeleitet“, sagt Manresa. Statt einfach wieder rauszuschießen, durchquerte das 38 Millimeter große Geschoss seinen Leib. Die Kugel bahnte sich ihren Weg durch beide Lungen, Arterien und die Wirbelsäule.

Elf Monate lag er im Krankenhaus. „82 Tage versuchten es die Ärzte mit einer Therapie, bei der ich flach ohne Kissen im Bett lag. Den Blick immer starr auf die Decke gerichtet“, sagt er. Die Hoffnung bestand, dass die Lähmung verhindert werden kann. Dazu kam es aber nicht. „Heute spüre ich in den Beinen nichts mehr“, sagt Miquel „Mix“ Manresa.

Das Sprichwort „Morgen ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“ gab dem Mallorquiner Kraft. „In der Zeit ohne Kopfkissen habe ich quasi einen Master in Meditation gemacht. Ich lernte, meine Gedanken und Emotionen zu kontrollieren“, sagt Manresa. Heute blicke er daher anders auf die Welt. „Ich habe den Sicherheitsmann nach dem Vorfall nie wieder gesehen. Man hat mir erzählt, er sei wegen seines schlechten Gewissens schlechter dran als ich. Für mich war der Unfall das Beste, was mir im Leben passieren konnte.“

Angekommen: Das Team auf dem Gipfel.

Angekommen: Das Team auf dem Gipfel. / Privat

Tauchen, Reisen und das Handbike als Leidenschaft

Der Mallorquiner war auf einmal dankbar für die kleinen Dinge im Leben. An Zeit mangelte es nicht, da er fortan arbeitsunfähig war. Und er kam schnell wieder alleine zurecht. Schon zwei Tage nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, nahmen ihn seine Freunde zu einem Tauchausflug mit. „Das war der Sport, an dem ich mich in meinem Zustand am einfachsten anpassen konnte“, sagt Manresa. Durch die Zeit im Hotel hatte er viele Kontakte zu ausländischen Urlaubern. „Dadurch kam ich an Ausrüstung heran, um weiter Sport machen zu können.“

Besonders das Handbike – ein mit den Händen angetriebenes Fahrrad – hatte es ihm angetan. Er durchradelte Kuba und Frankreich, reiste nach Island, Japan oder Neuseeland. Vor zwei Jahren machte der Mallorquiner in Kenia und Tansania Urlaub. „Afrika ist für mich der beeindruckendste Ort auf der Welt. Der Kontinent hat so viel Power“, sagt Manresa. An dem knapp 5.900 Meter hohen Kilimandscharo konnte er sich gar nicht sattsehen. „Als Mallorquiner finden wir es doch schon faszinierend, wenn wir von Felanitx aus den 500 Meter hohen Randa sehen“, sagt er.

„Soweit ich weiß, haben vor mir vier Leute mit einem Handbike den Kilimandscharo erklommen“, sagt Manresa. Er kontaktierte sie und holte sich Informationen ein. Anders als seine vorherigen Projekte, wo er mitunter im Zelt übernachtete, war das Unternehmen nun aufwendiger. Der Balearensender IB3 plante eine Doku. „Das trieb die Kosten ungemein in die Höhe. Zudem mussten wir die Drehgenehmigungen beantragen.“

Vorbereitung, Forschung und der Gipfelmoment

Überall, wo Manresa anrief, rannte er praktisch offene Türen ein. Er fragte beim Arzt des Bergläufers Kilian Jornet an, wie sich der Körper einer querschnittsgelähmten Person in der Höhe verhalte. „Ich befürchtete, dass sich der Luftdruck auf meine Blase auswirken kann oder meine Beine anschwellen. Der Arzt war sofort Feuer und Flamme für das Projekt“, sagt der Handbiker. Er beorderte Manresa zu einer Studie nach Girona, später zur Forschungseinrichtung EURAC nach Bozen. „Eine Woche war ich dort und bereitete mich vor. Schließlich sah der Plan vor, dass ich jeden Tag 1.000 Höhenmeter schaffe. Das ist eine Menge.“ Beträgt der Sauerstoffanteil auf Meereshöhe 21 Prozent in der Luft, sind es auf dem Gipfel des Berges nur noch elf bis zwölf Prozent.

Im vergangenen September startete Manresa mit einem 30-köpfigen Team den Aufstieg. Der Großteil waren Helfer, die das Gepäck trugen. „Eigentlich sollten die Etappen um die sechs Stunden pro Tag betragen. Letztlich brauchte ich doppelt so lange. Ich war deutlich langsamer als die Fußgänger“, sagt Manresa. Immer wieder kippte er mit seinem Rad um. „Es ging die meiste Zeit über dicke Steine.“ Die letzten 300 Meter mussten ihn die Helfer mit Seilen über die Felsen nach oben ziehen. „Es war der Abschluss eines zweijährigen Projekts, das ich so nie für möglich gehalten hatte“, sagt Manresa.

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