"Es wirkte, als stünden wir vor dem vorletzten Spieltag": Bayern-Legende Demichelis über Zustand von Real Mallorca überrascht
Der Ex-Profi soll Real Mallorca vor dem Abstieg bewahren. Dafür lehnte der Argentinier sogar ein attraktives Angebot aus der Wüste ab

Demichelis unterschrieb einen Vertrag bis Saisonende bei Real Mallorca. / Bosch
Im Fußballgeschäft ist es seit geraumer Zeit Sitte, sich die Hand beim Sprechen vor den Mund zu halten. Zu viele Kameras sind auf einen gerichtet, und es soll nicht jedes Wort in die Öffentlichkeit geraten. Als Real Mallorcas neuer Trainer Martin Demichelis am Samstagabend (28.2.) auf der VIP-Tribüne – zu der Zeit war er noch nicht im Amt – das Spiel gegen Real Sociedad mit seinem Co-Trainer besprach, könnte dabei der ein oder andere kritische Satz über seine Lippen gegangen sein. Der frühere Profi des FC Bayern München übernimmt den stark abstiegsbedrohten Erstligisten und muss dem Team neues Leben einhauchen.
„Wahrscheinlich ist es gut, dass eine neue Person von außen kommt, die nicht mit unserem Absteiger-Gen infiziert ist“, sagte Mittelfeldspieler Manu Morlanes nach der 0:1-Pleite gegen die Basken. Demichelis hatte sich direkt nach dem Abpfiff bei der Mannschaft vorgestellt. „Wir brauchen seine Energie. Er muss uns zeigen, dass wir nicht so schlecht sind, wie die Tabelle aussagt.“ Zwei Punkte Rückstand haben die Mallorquiner auf die Nicht-Abstiegsplätze. Zwölf Spiele bleiben noch, um das Ruder herumzureißen.
Dass die Wahl auf den Argentinier fiel, ist überraschend. Am Donnerstagabend bestätigte Real Mallorca die Verpflichtung und kündigte an, dass Interimstrainer Gustavo Siviero noch das Spiel gegen Real Sociedad übernimmt. Demichelis hätte sich wahrscheinlich nicht mal alle Spielernamen von einem Tag auf den anderen merken können. Für den 47-Jährigen ist es der erste Trainerjob in einer europäischen Spitzenliga. Zuletzt war Micho, so sein Spitzname, neun Monate arbeitslos.
Demichelis’ Weg und die überraschende Verpflichtung
Wie „Sky Sport“ berichtet, soll Demichelis vor dem Angebot von Real Mallorca sogar eine lukrative Offerte eines Erstligisten aus Saudi-Arabien abgelehnt haben. Drei bis vier Millionen Euro hätte er dort verdienen können. Sein Traum soll eine Rückkehr in die Bundesliga sein. Von 2003 bis 201 1 spielte der Innenverteidiger für die Bayern. Mit 259 Einsätzen belegt er den 47. Platz der ewigen Rangliste des Rekordmeisters. 2017 beendete er seine Karriere und kehrte 2019 zu den Münchnern zurück, wo er zuerst eine Jugendmannschaft und später die zweite Mannschaft trainierte. Ab Januar 2023 war er Trainer des argentinischen Spitzenclubs River Plate, mit dem er die Meisterschaft gewann. In der Spielzeit 24/25 übernahm Demichelis das mexikanische Team Monterrey, wo er im Mai 2025 entlassen wurde. Seitdem wartete er auf einen neuen Job.
Medienberichten zufolge erhielt der Argentinier in erster Linie den Zuschlag, weil er bereit war, ein Vertrag bis Saisonende zu unterschreiben. Andere Kandidaten wollten ein langfristigeres Engagement zugesichert bekommen. Im Fall des Klassenerhalts soll es eine Option geben, die den Vertrag von Demichelis um ein Jahr verlängert.
Laut Sportdirektor Pablo Ortells ist der Ex-Profi die Wunschlösung gewesen. „Von außen mag es alles etwas improvisiert aussehen, und wir hätten einen anderen Trainer schneller verpflichten können“, sagte er bei einer Pressekonferenz. „Uns war es aber lieber, auf Martin zu warten, den wir unbedingt wollten.“
Druck auf Ortells, Kabinenstimmung und neue Impulse
Die Entscheidung musste wohlüberlegt sein, denn Ortells’ Job dürfte an den Erfolg von Demichelis geknüpft sein. Der Sportdirektor setzte auf Vorgänger Arrasate, was anderthalb Jahre später betrachtet ein Fehler war. Die Mannschaft hat sich in der Zeit zum Schlechteren entwickelt. In Fankreisen war deswegen der Name Toni Amor sehr begehrt. Der Mallorquiner ist der Co-Trainer von Arrasates Vorgänger Javi Aguirre.
Demichelis bestätigte bei seiner Vorstellung, dass er in der Kabine eine Mannschaft vorgefunden habe, die völlig am Boden zerstört war. „Es wirkte, als stünden wir vor dem vorletzten Spieltag. Dabei haben wir noch ausreichend Zeit“, sagte er. „Die Redewendung ‚Sí se puede‘ ist doch in Spanien so beliebt.“ Ja, wir können es schaffen, heißt das.
Fußballerisch sei die Zeit beim FC Bayern bei ihm hängen geblieben, wobei Demichelis klar ist, dass er zuerst an anderen Baustellen arbeiten muss, ehe das bayerische Selbstverständnis „Mia san mia“ eingetrichtert werden kann. „Die Abwehr muss stehen. Sowohl in Heim- als auch in Auswärtsspielen.“
Maßnahmen, Spielplan und der Start gegen Osasuna
Der neue Trainer kündigte bereits an, dass es zu drastischen Maßnahmen kommen könnte. „Vielleicht stelle ich Spieler auf, die bislang kaum zum Einsatz gekommen sind. Ich will mir in der ersten Woche ein Bild davon machen, wer bereit ist. Ich fordere auf jeden Fall viel von den Profis und dulde nicht, wenn sie die Köpfe hängen lassen.“
Der Spielplan meint es gut mit dem Argentinier. Fast alle Begegnungen mit den Spitzenteams sind bereits absolviert. In den verbleibenden zwölf Spielen kann und muss Real Mallorca fleißig Punkte sammeln. Oviedo ist als Tabellenletzter mit neun Punkten Rückstand abgeschlagen. Levante mit fünf Zählern hinter dem rettenden Ufer kämpft um den Anschluss. Über dem Strich ist Elche die Mannschaft, die es einzuholen gilt. Die Valencianer gewannen keines ihrer vergangenen zehn Spiele und müssen nun je auswärts gegen den Vierten Villarreal und Real Madrid antreten. Danach kommt es in Elche zum möglicherweise vorentscheidenden Duell mit Real Mallorca. In der Verlosung stecken derzeit noch Alavés und Rayo Vallecano mit drei Punkten Vorsprung vor den Mallorquinern drin. Letztere haben am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) aber noch ein Nachholspiel gegen Schlusslicht Oviedo.
Demichelis gibt am Samstag (7.3.) auswärts gegen Osasuna seinen Einstand. Vielleicht ist dann auch Arrasate vor Ort. Schließlich sind es seine beiden Ex-Clubs. Der Tabellenzehnte verlor nach dem Überraschungssieg gegen Real Madrid zuletzt gegen Kellerkind Valencia. Das Heimdebüt feiert Micho gegen Espanyol Barcelona. Der Club wartet seit neun Spielen auf einen Sieg – und verlängert seine Durststrecke hoffentlich gegen die Mallorquiner.
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