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Vor dem Bayern-Spiel: Wer ist dieser Vedat Muriqi, dem nach seinem Siegtreffer gegen Real Madrid die Tränen kamen?

Der Kosovare Vedat Muriqi schoss Real Mallorca mit seinem 19. Saisontor zum Überraschungssieg gegen Real Madrid. Das war auch für ihn persönlich eine Erlösung

Muriqi bei seinem Torjubel gegen Real Madrid.

Muriqi bei seinem Torjubel gegen Real Madrid. / Cati Cladera / Efe

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Einen Vedat Muriqi in der aktuellen Verfassung könnte selbst der FC Bayern München gut gebrauchen. Zumal der Starstürmer Harry Kane angeschlagen in das Champions-League-Viertelfinale am Dienstag (7.4.) gegen Real Madrid geht. Real Mallorcas Lebensversicherung machte es am Samstag vor, wie man die Königlichen schlagen kann.

Für den Kosovaren war es nach einer Pech-Strähne und dem Ausscheiden im Playoff-Finale der WM-Qualifikation gegen die Türkei auch eine persönliche Erlösung. Ein gewaltiger Druck fiel von ihm ab, beim Torjubel kamen ihm die Tränen. "Ich sehe zwar wie ein hässlicher Klotz aus, bin aber tatsächlich ein Mensch", sagte der 31-Jährige nach dem 2:1-Sieg. "Manchmal überkommen dann selbst mich die Emotionen."

Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt

Neu sind die schwierigen Umstände für den 1,94 Meter großen Hünen gewiss nicht. Sein ganzes Leben war bislang eine Achterbahnfahrt. Im Alter von vier Jahren floh er mit seinen Eltern vor dem Krieg und wanderte nach Albanien aus. Mit 50 Leuten habe er zu der Zeit in einem Zimmer gewohnt, erzählte er einmal. Kaum war der kleine Vedat eingeschult, verließ er die Schule schon wieder. Mit acht Jahren fing er an zu kellnern. Schon damals sei er von beachtlicher Statur gewesen. Im Alter von 16 Jahren wuchs ihm bereits ein Vollbart.

Auch auf dem Fußballplatz bekam der Kosovare nie den roten Teppich ausgerollt. Er ist kein Akademieschüler, dem als Teenager die Schuhe geputzt wurden. Hart kämpfte sich Muriqi in das Profifußballgeschäft hinein. Über die albanische erste Liga ging es in die zweite türkische Spielklasse. Der Angreifer kommt aus Prizren und spricht fließend Türkisch. Immer wieder wechselte er den Verein, als Torjäger trat er lange nicht in Erscheinung.

Erst der Wechsel zu Caykur Rizespor im Januar 2018 brachte den Durchbruch. Muriqi schoss plötzlich ein Tor nach dem anderen. Das Fußballgeschäft ist schnelllebig, die großen Fische wurden auf ihn aufmerksam. Im Sommer 2019 ging es zum Spitzenclub Fenerbahce, wo der Kosovare seine Leistung bestätigte. Im Jahr darauf kaufte Lazio Rom den Stürmer für 21 Millionen Euro.

Vom Kannibalen zum Piraten

Seinen eigentlichen Spitznamen - der Kannibale - fand der italienische Vereinspräsident nicht so dufte. Er taufte Muriqi in den Piraten um. Den Fußballer störte es wenig, stolz bejubelt er seither jeden seiner Treffer, indem er sich eine Hand wie eine Augenklappe vorhält. Allzu oft durfte er diese Pose in der ewigen Stadt aber nicht vorführen. Nach 49 Spielen mit nur zwei Toren verloren die Italiener die Geduld und suchten einen Abnehmer.

Vedat Muriqi hat sich beim Länderspiel verletzt.  | FOTO: LAURA HASANI

Vedat Muriqi traf in 68 Länderspielen 32 Mal. / DM

Dieser fand sich mit Real Mallorca. Seine Worte aus dem Februar 2022 wird Sportdirektor Pablo Ortells heute wohl bereuen. "Er war nicht unsere Wunschlösung", sagte der Spanier über den damaligen Neuzugang, der erst einmal nur Leihweise kam. Veni, vidi, vici. Cäsars Leitspruch klappte auf der Insel. Es waren nicht nur die fünf Tore und drei Vorlagen, die Muriqi in jener Rückrunde beisteuerte. Mit seiner Kopfballstärke brachte er die spanischen Abwehrspieler zur Verzweiflung. Auf dieser Welt gibt es nur wenige Fußballer, die eine solche Dominanz in der Luft ausstrahlen.

Es war klar, dass Real Mallorca Himmel und Hölle in Bewegung setzen musste, um Muriqi zu halten. Die Mallorquiner überwiesen gut 8 Millionen Euro nach Rom. So viel Geld gab man auf der Insel nie zuvor für einen Fußballer aus - selbst für einen Samuel Eto'o nicht. Der Pirat dankte es mit 15 Toren. Längst war er Publikumsliebling, und die Trainer schnitten das komplette Spiel des Erstligisten auf ihn zu. Von einer Muriqipendencia sprechen die spanischen Medien - einer regelrechten Abhängigkeit des Clubs.

Kampf um die Torjägerkanone

Natürlich gab es auch schwächere Phasen. In den vergangenen zwei Jahren hatte Muriqi öfter mit Verletzungen zu kämpfen und verlor zeitweise seinen Torriecher. Nur je sieben Tore genügten nicht seinen Ansprüchen. In dieser Spielzeit aber trumpfte er wieder voll auf. Mit Ausnahme eines gesperrten Spiels wegen roter Karte zu Saisonbeginn war der Stürmer immer fit und in bester Verfassung. "Vielleicht ist es die beste Saison meiner Karriere", sagte Muriqi bereits im Januar der Zeitung "Marca". Er gibt dafür alles. "Ich lasse mein letztes Hemd auf dem Platz", sagte er dem Journalisten. "Selbst das Einschlafen fällt danach schwer." Zwei Tage vegetiert Muriqi, um wieder in Verfassung für ein Spiel zu kommen.

Der Siegtreffer in der Nachspielzeit gegen Real Madrid war bereits das 19. Saisontor, das ist mehr als die Hälfte der 36 Tore seiner Mannschaft. Damit steht der Kosovare auf dem zweiten Platz der Torjägerliste hinter Mbappé (23 Tore). Zum Vergleich: Die Weltstars Lamine Yamal (14), Robert Lewandowski (12) oder Vinicius (11) haben deutlich weniger genetzt. Dani Güiza war in der Saison 2007/2008 der letzte Torschützenkönig Real Mallorcas in der ersten Liga mit 27 Treffern. Um diese Marke zu erreichen, müsste Muriqi in den verbleibenden acht Spielen jeweils treffen.

Die starken Leistungen von Vedat Muriqi (li.) sind anderen Teams nicht verborgen geblieben.  | FOTO: MOYA/EFE

Muriqi ist äußerst kopfballstark. / EFE

Im Real Mallorca-Ranking liegt der Kosovare auf dem zwölften Platz mit 54 Toren für den Club. Von den aktiven Spielern steht noch Abdón Prats (59) vor ihm. Den ersten Platz hält Joan Morro Albertí mit 95 Toren. Dafür bräuchte Muriqi wohl noch drei weitere erfolgreiche Jahre.

Rückkehr in die Türkei?

Ausgeschlossen ist das nicht, denn sein Vertrag läuft noch bis just Sommer 2029. Wobei es in den vergangenen Transferperioden immer wieder Gerüchte um einen Wechsel gab. Im Winter entsandte sein Ex-Club Fenerbahce sogar Verhandlungsführer, um Muriqi von Real Mallorca loszueisen. "Ich möchte meinen Lebensmittelpunkt auf der Insel aufbauen. Wenn ich dem Club aber durch eine Ablöse helfen kann, werde ich mich nicht querstellen", sagte er dazu gegenüber der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca".

Letztlich blieb Muriqi und kann jetzt helfen, den Klassenerhalt zu sichern. Ohne den treffsicheren Stürmer wäre das wohl eine aussichtslose Angelegenheit. Nach dem Überraschungssieg gegen Real Madrid hat Real Mallorca zwei Zähler Vorsprung auf Elche, die den ersten Abstiegsplatz belegen. Es hätten mehr sein können. Doch bei der 1:2-Pleite gegen den Konkurrenten verschoss Muriqi äm 21. März einen Elfmeter in der Nachspielzeit.

Bittere Niederlage im Playoff-Finale für die WM-Teilnahme

Das nagte an ihm ebenso wie die 0:1-Niederlage mit dem Kosovo im Playoff-Finale für die WM-Teilnahme gegen die Türkei. Sein größter Traum, einmal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilzunehmen, ist damit wohl geplatzt. Ein Fan beschuldigte den Kapitän der Nationalmannschaft danach, vorab dem Gegner die Taktik gesteckt zu haben. Schließlich komme der Angreifer aus dem Grenzgebiet und spreche die Sprache. "Möge Gott dich verfluchen", antwortete Muriqi in den sozialen Netzwerken. "Du musst psychische Probleme haben oder ein herzloser Mensch sein." Der kosovarische Fußballverband stärkte seinem Spieler den Rücken.

Der Druck in den vergangenen Wochen war so groß, dass Muriqi nach seinem Siegtreffer gegen Real Madrid die Tränen kamen. Bereits am Sonntag (12.4., 16.15 Uhr) spielt Real Mallorca erneut daheim im Son Moix. Gegner dann ist Rayo Vallecano. Gegen den Arbeiterclub trifft der Kosovare oft und gerne. Gut möglich, dass er dann wieder seinen Piratenjubel zeigt.

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