„Sie nennen uns die Plage“: Warum es selbst manchen Radfahrern inzwischen auf Mallorca zu viel wird
Frühjahr auf Mallorca heißt Hochsaison der Radurlauber. Der Sport boomt so sehr, dass selbst die Radfahrer anfangen, sich über die Massen aufzuregen. Offen über die Probleme wollen sie aber nicht sprechen, um sich nicht selbst um Kopf und Kragen zu reden

Radfahrer und Anwohner am Mittwochmorgen in Bunyola. / Muñoz
Die Serra de Tramuntana erinnert im Frühjahr immer stärker an ein populäres Skigebiet im Winter. Im Tal und auf dem Gipfel stauen sich die Menschenmassen. An den Abhängen geht es langsam nach oben und rasant herab. Galt Mallorca lange Zeit als Paradies für Radsportler, bekommt das Image immer mehr Risse. Nicht nur die Auto- und Busfahrer regen sich auf, sondern auch die Radfahrer selbst. Zu viele Anfänger quälten sich in großen Gruppen die Berge hoch und sorgten für Staus, heißt es dann beispielsweise.
Es ist ein heikles Thema. Die MZ kontaktierte Radfahrer, die ihrem Unmut zwar freien Lauf lassen, aber nicht in einem Zeitungsbericht erscheinen möchten. Die Angst ist wohl zu groß, die eigene Szene in Verruf zu bringen. Zumal jeder Radler selbst ein Teil der Masse ist, die im Frühjahr über die Insel rollt.
Neuralgische Punkte sind voll
„La plaga nennen sie uns“, sagt Marcel Wüst – die Plage. Der Ex-Profi bietet heute Radausflüge auf Mallorca an und wehrt sich gegen das Image der Überfüllung. „Wer sich über die Menge an Radfahrern aufregt, wundert sich wahrscheinlich auch, wenn es an Silvester auf dem Times Square in New York voll ist“, sagt der Kölner.
Der Vergleich ist treffend, besonders mit Blick auf die neuralgischen Punkte in der Tramuntana. Die Tankstelle auf dem Weg zum Kloster Lluc am Coll des Sa Bataia wird täglich von den Radfahrern überrannt. Sie machen Pause, holen sich einen Kaffee und mümmeln auf dem Bürgersteig Kuchen. Die Szenetreffs, wie das Cycling Planet von Ex-Profi David Muntaner oder das Sa Ruta Verda in Caimari sehen ähnlich aus.
Profitieren von der Masse
Die Betreiber haben mit der Masse naturgemäß keine Schwierigkeiten. „Die Radfahrer sind glücklich“, meint Muntaner. „Das Problem spielt mir in die Karten“, sagt Javier Ruiz Mateos, der das Sa Ruta Verda betreibt. Jegliche Kritik am Radsporttourismus wehrt er ab. „Ich werde einen Teufel tun und ein schlechtes Wort über die Urlauber verlieren.“ Radwege in der Tramuntana wären zwar schön, aber man könne doch erst einmal die Anzahl an Autos verringern. „Wenn zudem alle Radfahrer sich an die Regeln halten würden, gäbe es gar keine Probleme.“
In den sozialen Medien häufen sich hingegen die Klagen und Videos. Radfahrer, die in Can Picafort zwischen Passanten über den Markt fahren. Radfahrer, die bei der Abfahrt auf Serpentinenstraßen mit Zentimetern Abstand auf kurvigem Gelände Busse überholen. Radfahrer, die Dorfplätze und Gassen füllen und den Autoverkehr behindern. Radfahrer, die aus irgendeinem Grund Bananenschalen an Maschendrahtzäunen hängen oder die Hinweisschilder am Pass mit ihren Stickern verunstalten. Radfahrer, die die leeren Gelpackungen achtlos auf die Straße werfen, statt in den nächsten Mülleimer. Radfahrer, die sich am Straßenrand gemeinsam erleichtern.

Das Rennen Mallorca 312 gilt als Höhepunkt der Saison. / Veranstalter
Der Boom nach der Pandemie
Beschwerden gab es bereits vor Corona. Immer wieder ist die Insel als Velodrom bezeichnet worden. Doch seit der Pandemie boomt der Radsport regelrecht. Nicht nur auf Mallorca, sondern weltweit. Immer mehr Anfänger setzen sich auf den Sattel des Rennrades. „Ich sehe beim Mallorca 312 Leute, die seit ein, zwei Jahren fahren, sich aber benehmen, als hätten sie den Rennradsport erfunden“, sagt Wüst. Der Selfiestick gehört neben der Trinkflasche zur Standardausrüstung. Jeder will ein Foto von seiner Radtour durch die Berge haben, um vor den Freunden anzugeben.
„Sollte Mallorca jemals ein Geheimtipp gewesen sein, sind die Zeiten so was von vorbei“, sagt eine Rad-Influencerin, die unter dem Namen „henricyclinginparadise“ auf TikTok zu finden ist. Die Anzahl an Radkoffern, die Urlauber durch den Flughafen Palma ziehen, sei unglaublich. Und die klassischen Radstrecken heillos überfüllt. „Muss man sich nun eine neue Insel suchen?“, fragt sich die junge Frau.

Marcel Wüst bietet Radurlaub in Cala Murada an. / Foto: Privat
Alternativen abseits der Klassiker
Es gebe schon noch Strecken auf Mallorca, auf denen man in Ruhe in die Pedale treten kann, meint Marcel Wüst. Es muss eben nicht immer die Serra de Tramuntana sein. „Besonders im Südosten treffe ich meist keine Menschenseele“, sagt der Ex-Profi. Er vergleicht die Debatte mit den Diskussionen rund um die sogenannte Instagrambucht Caló des Moro. „Wenn ich dort im Hochsommer hinwill, muss ich mit Stau rechnen.“
Auf den Radsport bezogen könne man die Serpentinenstraße in der Sa-Calobra-Schlucht auch perfekt im Herbst oder Winter fahren. „Die ist nicht nur im Frühjahr geil.“ Er rät zudem zum frühen Aufstehen. Eine Sonnenaufgangstour um 6 Uhr am Cap de Formentor sei traumhaft. Zu seiner aktiven Zeit sei er regelmäßig um 5 Uhr morgens durch Paris gefahren, um auf leeren Straßen trainieren zu können.
Der 14-fache Etappensieger glaubt nicht, dass Mallorcas Ruf als Radsportinsel leidet. „Es braucht zwar nur drei, vier schwarze Schafe, um den Sport in Verruf zu bringen. Am Ende kommen aber alle Radsporturlauber immer wieder zurück.“ Dafür sei die Infrastruktur hierzulande einfach ideal. „Mallorca wird als Radsportdestination nie untergehen. Die Insel ist klar die Nummer eins“, sagt Wüst.
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