„Wenn Manuel Neuer fit ist, ist er der beste Torwart in Deutschland“: Das traut die ehemalige Frauen-Bundestrainerin den Deutschen bei der Fußball-WM zu
Das größte Turnier aller Zeiten mit 48 Mannschaften steht in Nordamerika an. Nicht alles lief im Vorfeld rund, findet auch Martina Voss-Tecklenburg

„Ich finde es richtig, kritisch zu hinterfragen, in welche Richtung die großen Sportevents gehen“: Martina Voss-Tecklenburg. / BORIS ROESSLER/DPA
Anpfiff zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, den USA und Mexiko: Am Donnerstag (1 1.6.) steht das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika auf dem Programm. Martina Voss-Tecklenburg, erklärte Mallorca-Liebhaberin, wird zwar nicht selbst über den großen Teich fliegen, aber fürs Schweizer Fernsehen die Spiele der deutschen Elf kommentieren. Die 58-jährige Duisburgerin trainierte zwischen 2019 und 2023 das deutsche Nationalteam der Frauen. Seither ist sie vor allem als Kommentatorin und Speakerin im Einsatz.
Vor der WM bestimmen negative Berichte über Kommerz, exorbitante Ticketpreise, fehlende Nachhaltigkeit und Menschenrechtsverletzungen die Schlagzeilen. Freuen Sie sich trotzdem auf das Turnier?
Es ist wichtig, das ganze Thema differenziert zu betrachten, etwa bei der Diskussion, wie politisch der Sport sein sollte. Andererseits: Es ist immer noch ein Sport, die Spieler spielen eine WM. Für die Austragungsorte sind andere verantwortlich. Ich finde es aber richtig, kritisch zu hinterfragen, in welche Richtung die großen Sportevents gehen. Wo sind wir bei Nachhaltigkeitsthemen, bei fairen Ticketpreisen? Es geht um die Frage, für wen eine solche WM eigentlich noch gemacht ist. Sie muss immer noch für den Menschen, den Fan und die Sportler sein. Und da gibt es berechtigterweise Kritik an vielen Dingen, die politisch schwierig sind.
Teilen Sie die Kritik am starken Kommerz?
Das ist ein systemisches Problem. Die Turniere haben sich über die Jahre hin zu immer mehr Wettbewerb, immer mehr Geld, immer mehr Konkurrenz entwickelt. Wenn man zu sehr die kommerzielle Seite sieht, verliert man Werte. Diese Gefahr besteht, wenn sich nur noch alles über Zahlen definiert. Das sieht man nicht nur an der steigenden Zahl der Teilnehmerländer, sondern auch daran, dass die Turniere inzwischen in mehreren Ländern ausgetragen werden. Das bedeutet einen großen Reisestress für die Spieler. Darunter leidet der Wettbewerb, die Verletzungsgefahr wird größer.

Eine Kundgebung im Vorfeld der Fußball-WM in Mexiko, hier Angehörige von Vermissten. / José Méndez/Efe
Verlieren die Turniere aus Ihrer Sicht den Reiz?
Es ist schöner, ein Turnier in einem Land zu veranstalten, um Verbindungen zu schaffen. Bei der WM 2006 in Deutschland war ich Botschafterin der Stadt Düsseldorf und habe miterlebt, wie toll das war, Zeit miteinander zu verbringen oder kulturelle Veranstaltungen abzuhalten. Das wird alles ungleich schwieriger, wenn die Distanzen zu groß sind. Am Ende geht es oft zulasten derjenigen, die auf dem Platz Leistung bringen sollen. Das ist aber immer noch der Parameter für ein sportliches Event, finde ich. Und weniger der kommerzielle Erfolg. Am Ende wird es heißen: wieder alle Rekorde gebrochen, die und die Umsatzzahlen gemacht, immer mehr Geld in die Verbände. Das gehört ja auch zur Wahrheit, dass die Verbände sich zum Teil auch nicht gegen die neuen Formen der Austragung aussprechen, weil sie ihnen deutlich mehr Einnahmen bescheren. Gleichzeitig bietet es natürlich Chancen, wenn mehr Länder teilnehmen können. Sie können Entwicklungen in ihren Ländern anschieben. Es wird Geld freigesetzt, womit Entwicklungsprojekte in den Ländern angekurbelt werden können. Alles hat eben zwei Seiten.
Welche Rolle trauen Sie Deutschland beim Turnier zu?
Wir haben eine sehr spannende Mischung aus guten Führungsspielern und ein paar jungen Spielern. Die Mannschaft wird sich wahrscheinlich eher über das Kollektiv definieren. Nicht immer gewinnt das Team mit den besten Einzelspielern. Der Teamgeist, den man in einem so langen Turnier braucht, führt hoffentlich dazu, dass die Spieler ihre Topleistung bringen. Wenn Deutschland das schafft, gehört es zum Favoritenkreis, der allerdings auch immer größer wird. Vieles hängt vom Achtelfinale ab, wo es schon zum Kracherduell mit Frankreich kommen könnte. Und dann kann sich so ein Turnier schnell mal in eine ganz andere Richtung entwickeln. Ich finde die Gruppe sehr spannend mit unterschiedlichen Gegnern. Ecuador hat 19 Spiele nicht verloren. Curaçao wird euphorisiert kommen, macht dieses erste Spiel bei einer WM. Das wird kein Selbstläufer, schon in der Gruppe nicht. Auch aufgrund der klimatischen Bedingungen. Hoffentlich gibt es keine Verletzungen mehr, denn mit Lennart Karl gab es schon einen kleinen emotionalen Dämpfer.
Dennoch: Viele Favoriten haben Topstürmer, die Spiele alleine entscheiden können. Dem deutschen Team fehlt das. Kein Nachteil?
Wir sollten zum Vorteil machen, dass wir viele torgefährliche Spieler haben. Wir spielen gute Standards, was immer wichtiger wird. Wir haben keinen klassischen Mittelstürmer, aber viele, die aus der zweiten Reihe torgefährlich werden können. Unter anderem ist Kai Havertz in sehr guter Form. Es wird darauf ankommen, wie sich die Mannschaft fühlt, wie sicher sie ist, wie konsequent sie in den Umschaltmomenten agieren wird. Da hat das Team zuletzt ein paar Lücken gezeigt. Das Spiel verändert sich auch, wenn Manuel Neuer im Tor steht. Aber falls die Wade von Neuer nicht hält, haben wir mit Oliver Baumann einen Toptorwart. Wenn es keine Eitelkeiten im Team gibt, kann das ein riesiger Vorteil werden im Turnier.
Ist aus Ihrer Sicht nachvollziehbar, dass Manuel Neuer wieder dabei ist?
Aus sportlicher Sicht ist es keine Frage: Wenn Manuel Neuer fit ist, ist er der beste Torwart, den wir in Deutschland haben. Für mich war der Zeitpunkt der Entscheidung ein bisschen schwierig. Er war mit seiner Verletzung längere Zeit nicht dabei, die Entscheidung ist sehr spät gefallen. Ich muss den größten Respekt vor Oliver Baumann aussprechen. Wenn man bis drei Wochen vor dem Turnier fest davon ausgeht, dass man die Nummer 1 ist und die anderslautende Entscheidung dann aber in der Außendarstellung so hinnimmt, wie er es getan hat, nötigt mir das den größten Respekt ab. Ich habe eine Doku gesehen, in der er über seine Träume spricht und wie viel ihm eine WM bedeutet. Trotzdem reiht er sich ins Kollektiv ein und unterstützt Manuel Neuer. Er ist ein Vorbild für einen Teamplayer.
Wenn alles perfekt läuft, was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?
Das Halbfinale ist auf jeden Fall drin. Der Knackpunkt ist das Achtelfinale. Wenn wir da einen großen Gegner schlagen, kann das einen Schub geben und vielleicht ins Finale führen.
Welchen Eindruck haben Sie von Spanien?
Das ist einer der absoluten Favoriten, klar. Eine tolle Mannschaft, so eingespielt, mit so viel Energie, so tollen jungen Spielern, gemischt mit Weltklassespielern. Und wie hat es Lennart Karl gesagt: die sich nix scheißen. Wenn es mal steinig wird, dann zeigt sich Charakter, Stärke und Glauben. Und das haben die Spieler beispielsweise mit Real Madrid in der Champions League bewiesen: Egal, wie es steht, wir gewinnen das Spiel auf jeden Fall.

Lamine Yamal (li.) und Kylian Mbappé bei der EM 2024. / Efe
Kann es die WM von Lamine Yamal werden?
Ich hoffe, dass er gesund bleibt. Ich habe ein bisschen Sorge, denn er hat so viel gespielt in den vergangenen Jahren. Und sein Körper ist immer noch in der Entwicklung. Die kleineren Verletzungen haben es jetzt gezeigt: Er hat immer auf Topniveau voll gepowert. Er ist nie im Stillstand und macht keine Pausen. Wenn er wirklich fit und gesund ist, traue ich ihm zu, einer der großen Spieler der WM zu werden. Dass er die Klasse hat, hat er längst bewiesen.
Trotz eines großen Favoritenkreises stellt sich ein wenig das Gefühl ein, dass gegen Frankreich kein Kraut gewachsen ist.
Auch die Franzosen müssen ins Turnier finden und es hinkriegen, alle Superstars zusammenzubringen. Im Erfolgsfall ist das immer einfacher. Wenn es nicht so läuft, zeigt sich der Charakter eines gesamten Teams. Klar, Frankreich wirkt im Moment so, als könnte das Team das Turnier für sich entscheiden. Aber jetzt schmeiße ich fünf Euro rein: Es muss alles erst einmal gespielt werden, und wir können uns darauf einstellen, dass spätestens in der K.-o.-Phase die Post abgeht.
Noch kurz zum Frauenfußball und dem 4:0 der Spanierinnen gegen England in Palma. Sind Sie vor Neid erblasst, was hier abgegangen ist?
Ja, absolut. Ich bin das ganze Jahr sehr nah dran am spanischen Fußball, weil ich als technical observer die Champions League analysiere und da einige Spiele von Real Madrid und dem FC Barcelona gesehen habe, aber auch von den englischen Teams. Ich war sehr überrascht über das hohe Ergebnis in Palma. Aber es zeigt das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein, das sich das Team über die Jahre aufgebaut hat. Den größten Fortschritt, den die Spanierinnen in den vergangenen Jahren gemacht haben, ist ihre Gefahr vor dem Tor. Das macht sie so unfassbar gut. Ich hoffe, dass der Frauenfußball sich diese Leichtigkeit bewahren kann und die Dinge, die wir kritisch im Männerfußball sehen, noch nicht so schnell kommen. Diese Nahbarkeit zu den Fans, diese fairen Ticketpreise: Das ist ein Riesenmehrwert.
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