„Kein Drama, nur Tore“: Spaniens leiser Star bei der Fußball-Weltmeisterschaft
17 Treffer und sieben Vorlagen in 17 Spielen des Nationalteams: Der zurückhaltende Baske Mikel Oyarzabal ist bei Spaniens Rivalen zum Angstgegner avanciert

Mikel Oyarzabal feiert ein Tor gegen Österreich mit seinem Teamkollegen Alex Baena. / Ringo Chiu/ZUMA Press Wire/dpa
Fermín de la Calle
Mikel Oyarzabal ist so unauffällig, dass er nicht einmal wie ein Linksfüßer wirkt. Unauffällig in seinen Bewegungen auf dem Platz und besonders abseits des Rasens: Der unermüdliche Kapitän der Real Sociedad aus San Sebastián, der vor 15 Jahren zum Verein kam, hat sich mit Toren und Vorlagen zum spanischen Überraschungsstar entwickelt. „Ich bin kein Anführer, ich bin Mikel, ein Typ aus Eibar, der versucht, alle zu unterstützen, wenn er kann. In dieser Mannschaft spielen die Jungen eine wichtige Rolle, und wir versuchen, ihnen so gut wie möglich zu helfen, denn vielleicht ist es genau dafür nützlich, erfahrener zu sein“, sagt er in diesem ruhigen Ton, der seine baskische Herkunft verrät.
Noch ist er keine 30 Jahre alt. Dennoch ist er schon so lange im kollektiven Bewusstsein verankert, dass so mancher ihn auf 34 oder 35 Jahre schätzen würde. Mikel liebt es, sich mit Martín, seinem Sohn, und Ainhoa, seiner Partnerin, die in diesen Tagen mit ihm in den Vereinigten Staaten bei der Fußball-Weltmeisterschaft sind, an den Pyrenäenhängen von Jaca und auf den Wiesen in der Nähe von Eibar zu verlieren.
Die Europameisterschaft - ein Wendepunkt
Ein Interview mit Oyarzabal läuft anders als eines mit jedem anderen Fußballer. Wenn man mit ihm spricht, sagen seine Schweigepausen mehr als seine Antworten. Und während andere ab der dritten Antwort lockerer werden, tut Oyarzabal das bestenfalls nach der fünften. Deshalb sind die ersten drei Fragen Wohlfühlfragen, Themen ohne Ehrgeiz und ohne Schärfe, die vor allem für Entspannung sorgen sollen.
Bei dem Real-Sociedad-Spieler gibt es keine Distanz zwischen dem Spieler und dem Menschen. Er hört dir mit hochgezogener Augenbraue zu, so wie wenn er einen Innenverteidiger beim Spielaufbau unter Druck setzt, und dann nimmt er sich eine Sekunde Zeit zum Antworten, genauso wie auf dem Rasen, bevor er den Ball berührt. Er ist kein Mann für große Schlagzeilen, wohl aber für aufschlussreiche Gedanken.
Nüchtern bis zum Äußersten
Oyarzabal ist nüchtern bis zum Äußersten, aber seine Überlegungen erklären einiges an der Erfolgsformel dieser Nationalmannschaft. In der idyllischen Festung in Donaueschingen im Schwarzwald, in die sich die Nationalmannschaft während der Europameisterschaft 2024 zurückzog, sagte er dem Reporter mit einem komplizenhaften Lächeln: „Meine einzige Tugend besteht darin, die Ansprüche im Training zu erhöhen, so sehr Druck zu machen, dass jeder, der mich schlagen will, bei jedem Ball alles geben muss. Das ist meine Art, der Mannschaft zu helfen, besser zu werden.“
Tage später bestätigte das ein anderer Mikel, nämlich Mikel Merino, Torschütze des entscheidenden Treffers gegen Portugal, auf demselben Stuhl sitzend, und legte noch drauf: „Mikel (Oyarzabal) gewinnt außerdem alle Tests, die wir machen. Wenn wir die Europameisterschaft gewinnen, werde ich mich besonders für ihn freuen, weil uns niemand so antreibt.“ Außerdem hat er sehr unter der Verletzung gelitten, jetzt genießt er wieder. Sie waren es, Merino und Oyarzabal, die Spanien schließlich den Titel brachten.
Was man von dem Mann aus Eibar erahnen konnte, denn er nimmt an Endspielen nicht nur teil, er entscheidet sie. Noch jedes Mal hat er getroffen: U21-Europameisterschaft (2019), Copa del Rey (2021 und 2026), Olympische Spiele (2021), Nations League (2021 und 2025), Europameisterschaft (2024). „Irgendwann wird das aufhören“, merkt Oyarzabal ironisch an.
Lob von Alaba, Henry, Scholes …
Gegen die Schweiz war er erneut der entscheidende Neuner, der das Spiel aufbrach. Und einer derjenigen, die am meisten unter ihm litten, der frühere Real-Madrid-Spieler David Alaba, hielt nach dem Spiel fest: „Wir haben nicht gegen Spanien verloren, wir haben gegen Oyarzabal verloren. Er ist nicht der schnellste Spieler auf dem Platz und körperlich auch nicht der stärkste, aber seine fußballerische Intelligenz ist auf einem anderen Niveau. Seine Bewegung zwischen den Linien und seine Positionierung im Strafraum machen es unglaublich schwierig, gegen ihn zu verteidigen. Er muss den Ball nicht beherrschen, um ein Spiel zu beherrschen. Spieler mit dieser Intelligenz sind meist diejenigen, die den Unterschied machen.“
Eine Meinung, die viele seiner Teamkollegen teilen, darunter auch Lamine Yamal und Pedri, zwei Fußballer, die gestanden haben, dass sie ihn gern im Barcelona-Trikot sehen würden.
So ist Mikel Oyarzabal zum Star des spanischen Angriffs geworden. 17 Tore und sieben Vorlagen in 17 Spielen haben ein Konzert an Lobeshymnen ausgelöst, das der Spieler von Real Sociedad anhört, als würde er dem Regen lauschen. Der elegante Thierry Henry hat ihm ein ebenso didaktisches wie kategorisches Kompliment gemacht: „Mikel schafft Räume, wo es eigentlich keine gibt, weil er im richtigen Moment in die richtige Zone läuft. Und das ist angeboren, man hat es oder man hat es nicht.“
"Einer der am meisten unterschätzten Angreifer"
Paul Scholes, ein weiterer berühmter Unterschätzter wie Oyarzabal, drückt sich noch drastischer aus, wenn er über den Mann aus dem Baskenland spricht: „Das Lustige an Oyarzabal ist, dass die Leute über andere Stars sprechen, während er weiter Zahlen liefert, von denen die meisten Stürmer nicht einmal träumen. Er ist einer der am meisten unterschätzten Angreifer im Weltfußball. Kein Drama, keine Tattoos, keine sozialen Netzwerke, nur Tore, Vorlagen und Leistungen auf höchstem Niveau. Ich liebe seine Konstanz. Er gehört nicht zu denen, die wochenlang verschwinden und dann einen Hattrick erzielen. Er prägt jedes Spiel wie ein Hammer.“
Und weiter: „Alle sprechen über die jungen Stars Spaniens, aber Mikel Oyarzabal ist still und leise zu dem Spieler geworden, den die Gegner am meisten fürchten. Jedes Mal, wenn er sich dem Strafraum nähert, passiert etwas. Wenn er dieses Niveau bei der Weltmeisterschaft hält, werden die Leute nicht fragen, warum er unterschätzt wird, sondern warum wir ihn nicht schon früher zu schätzen wussten.“
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