So hat Mallorca die WM erlebt: Langsamer Bildschirm und Party am Schildkrötenplatz
Mallorca-Momente: ein radelnder Nationaltrainer, ein glücklicher Dorfklub-Funktionär, 20.000 ekstatische Fans und 25 übermüdete Straßenreiniger

Zur Erfrischung wurde das Fahnenmeer mit Wasser besprüht: Rund 20.000 sahen das WM-Finale in Son Fusteret vor den Toren von Palma. | FOTO: ANA BELÉN MUÑOZ MARTÍN
Eine Bar in Establiments, zwei Bildschirme auf der Terrasse, auf beiden läuft ein WM-Spiel der spanischen Nationalmannschaft, „La Roja“. Doch bald sind die Gäste verstört. Aus technisch schwer nachvollziehbaren Gründen zeigt ein Bildschirm das Geschehen mehr als eine Minute später als der andere. Das Publikum ist zweigeteilt. Beim Elfmeter gegen Frankreich jubelt die Terrasse auf der einen Hälfte, während die andere noch nicht einmal das Foul gesehen hat. Denen vom „langsamen Bildschirm“ wird bald klar, dass sich so kein Spiel genießen lässt.

Emotionaler Scherbenhaufen: argentinische Fans in Son Moix. | FOTO: JAIME REINA ALCOCER
Wir haben anstrengende Wochen hinter uns. Die Anekdote zeigt die große Stärke des Fußballs, des Sports generell auf: Die Emotionen sind authentisch, das Resultat unvorhersehbar, hier finden Geschichten, Dramen, Komödien in Realzeit statt, und kein Studioboss, keine Marketingfirma, kein Algorithmus legt fest, welches Ende dem Publikum am besten gefallen wird und welcher Prozentsatz Tragödie oder Komödie die besten Einschaltquoten bringt. Es passiert einfach.
Was Mallorca anbelangt, war es die WM der verrückten Zufälle. Zu den rund 20.000 Argentiniern, die auf Mallorca leben, gehört auch der Coach der argentinischen Nationalmannschaft, verheiratet mit einer Insulanerin. 34 Spiele bestritt Lionel Scaloni für Real Mallorca, 2022 wurde er als Trainer des Nationalteams mit dem anderen Lionel (Messi) Weltmeister. Wenn Sie sich auf Mallorca mal über Radfahrer ärgern, schauen Sie genau hin, es könnte Scaloni sein. Wenn er nicht gerade Weltmeisterschaftsspiele coacht, radelt er von seinem Haus nahe Bunyola gerne über die Insel. In Argentinien haben sie angeblich eine Eissorte nach ihm benannt: die „Scaloneta“.
Dorfkicker von Mallorca im WM-Finale
Am Sonntagabend beim Finale in New Jersey war Mallorca nicht nur in Gestalt dieses „Mannes aus Bunyola“ vertreten, sondern auch eines weiteren Vertreters des Inselfußballs, der weit weniger im Rampenlicht stand: Andreu Alcover, der Vizepräsident des Dorfvereins Llosetense, gewann bei einer Verlosung der Real Federación Española de Futbol eine Reise zum Big Apple und konnte dort die Fahne des Clubs aus Lloseta im Stadion schwenken. Der Verein hatte finanziell am Abgrund gestanden und verdankt sein Überleben dem Engagement von Leuten wie Alcover. Eine schöneres Belohnung für die viele ehrenamtlich geleistete Arbeit kann man sich als Dorf-Fußball-Funktionär im Leben nicht erwarten. Und dazu auch noch der WM-Titel.
Zum Finanziellen: Real Mallorca hat an der Mega-Fußball-Orgie mitnaschen können. Drei Spieler des Inselteams nahmen mit ihren Nationalmannschaften an der WM teil: Samu Costa mit Portugal, Johan Mojica mit Kolumbien und Cyle Larin (bis vor Kurzem Real Mallorca-Spieler) mit Kanada. Für jeden Tag, den diese Spieler ab zwei Wochen vor dem Turnier bis zum Ausscheiden – oder Endspiel – mit ihrem Nationalteam verbringen, werden zwischen dem jeweiligen Verein sowie Klubs, in denen der Spieler kurz zuvor war, mehr als 9.500 Euro aufgeteilt. Dank der Dauer dieser WM und insbesondere der Leistungen von Portugal und Kolumbien konnte Real Mallorca an die 600.000 Euro einstreichen.

Immerhin, ein Team hat gewonnen: Fan in Son Moix. / FOTO: JAIME REINA ALCOCER
Epizentrum der Emotionen im Gewerbegebiet
Zurück zu den Fans: Das Epizentrum der Emotionen auf der Insel befand sich einmal mehr in Son Fusteret, jenem Veranstaltungsgelände beim Gewerbepark Son Castelló, der abwechselnd als Rummelplatz, Konzertbühne und Zirkus-Standort dient. Um ihre Wiederwahl nicht unnötig zu gefährden, haben die Politiker der Stadtregierung ohne Wimpernzucken eine Riesenleinwand aufstellen lassen und auch alle mit diesem Massenauflauf verbundenen Kosten genehmigt. Für die Argentinier wurde eine eigene Fan-Zone im Stadion Son Moix eingerichtet.
Insgesamt rund 25.000 Menschen fieberten mit ihren Teams, und auf Mallorca zumindest ging es am Final-Abend zwischen Spaniern und Argentiniern friedlicher zu als auf dem Rasen im MetLife Stadion.
Auf der Plaça de les Tortugues, dem „Schildkrötenplatz“ in der Inselhauptstadt waren die La-Roja-Fans zum Feiern wieder unter sich. Dazu erübrigen sich die Worte. Daher richtet sich unser Blick auf jene 25 Stadtbediensteten, die um 4 Uhr morgens mit 14 Fahrzeugen anrückten, um die materiellen Überreste der Freudenausbrüche wegzuräumen. Während die argentinischen Inselbewohner daran gingen, ihre emotionalen Scherbenhaufen zu bewältigen. Dann bis zur nächsten WM.
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