12. Dezember 2017
12.12.2017
40 Años

Das Meer um Mallorca muss leiser werden

Taube Delfine, Fische mit geplatzter Schwimmblase: Unterwasserlärm ist schlimmer als gedacht. In Split wurde nun an Richtlinien gearbeitet. Auch die Balearen waren beteiligt

13.12.2017 | 09:42
Besonders Finnwale brauchen Schutz, denn im Mittelmeer gibt es nur noch rund 3.500 Exemplare.

Du–an Varda liebt das Mittelmeer, seit er als Kind durch meterhohe Seegraswiesen getaucht ist. Heute ist der Serbe mit Wohnsitz in Montenegro Filmemacher und Biologe. Er hat Tauchführer geschrieben, Unterwasserfilme gedreht und wissenschaftliche Expeditionen geleitet. Und er ist Präsident der Umweltschutzorganisation MedCem. Varda kennt die 300 Kilometer lange Küste Montenegros ziemlich gut: „Sie ist fast intakt", sagt er, „wir haben mit die höchste Artenvielfalt in Europa und gut erhaltene Habitate."

Das könnte sich bald ändern. Die montenegrinische Regierung will erstmals Erdöl und Erdgas vor der Küste fördern, obwohl das Land das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet hat und sich in seiner Verfassung als ökologischer Staat bezeichnet. Ab 2018 wollen eine italienische und eine russische Förderfirma den Meeresboden untersuchen. Das will Varda verhindern. Er weiß nur nicht wie.

Hilfe bekommt er nun von der balearischen Gruppe für Meeresschutz Alianza Mar Blava (AMB). Quer übers Mittelmeer werden Erfahrungen ausgetauscht und die Motivation angekurbelt. Du–an Varda und Carlos Bravo von AMB haben sich vergangene Woche in Split (Kroatien) bei einer Konferenz zu Unterwasserlärm kennengelernt. Bravo hat die Kampagne entworfen, die jetzt zum Erfolg geführt hat: Das spanische Umweltministerium wird Mitte Dezember 46.000 Quadratkilometer zwischen den Balearen und dem Festland zum Walkorridor erklären. Das bedeutet auch das Aus für die geplante Förderung von Erdöl und Erdgas.

Organisiert worden war das Treffen von der Umweltschutzgruppe OceanCare mit Sitz in der Schweiz, unterstützt wurde es von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und von der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation NRDC (Natural Resources Defense Council). Geladen waren mehr als 60 Teilnehmer aus 17 Ländern: Meeresbiologen, Bioakustiker, Vertreter von Umwelt- und Energieministerien und -behörden, von internationalen Umweltabkommen, von der EU-Kommission, von NGOs sowie Interessenvertreter des Tourismus und der Fischerei. Gemeinsam erarbeiteten sie Gegenmaßnahmen. Zum Beispiel sollen im gesamten Mittelmeer Ruhezonen etabliert werden.

Seit rund zehn Jahren wird zu Unterwasserlärm intensiv geforscht, die Datenlage ist aufschlussreich, es gibt Karten zu Lärm-Hotspots, und es gibt biologisch nachweisbare Schäden. Alle Meeresbewohner leiden unter permanentem Lärm durch Schiffs­motoren und unter punktuellem Lärm durch Sonar-Militärmanöver oder Schallkanonen, die bei der Suche nach Erdöl- oder Gasvorkommen eingesetzt werden. Sie sind enorm laut.

Immer wieder stranden taube Delfine oder tote Cuvier-Schnabelwale mit Symptomen der Taucherkrankheit (Blutergüsse, Gewebeschäden). Sie sind gestresst und tauchen zu schnell auf. Schallkanonen verursachen auch Löcher in Planktonschwärmen, denn für viele kleine Organismen sind deren Schallwellen tödlich. Und bei Fischen kann die Schwimmblase platzen, Laich und Larven können sterben.

Die Fakten sind bekannt, aber leiser ist es im Mittelmeer noch nicht geworden. Länder wie Griechenland oder Italien suchen oder fördern vor ihrer Küste nach wie vor fossile Brennstoffe, nun soll Montenegro dazukommen.

Das Thema ist schwer zu vermitteln, denn die Menschen hören den Lärm nicht und die wenigsten sehen die Schäden. Doch nur über öffentlichen Druck und internationale Unterstützung könne sich etwas ändern, sagt Carlos Bravo. Beides hat er während seiner Kampagne erreicht. Die EU hat das spanische Umweltministerium unter Druck gesetzt, und 128.000 Bürger zeigten mit einer Unterschrift, dass sie gegen Förderung fossiler Brennstoffe im Meer sind. Diese Zahl hat Du–an Varda beeindruckt. „Wenn wir das schaffen könnten", sagt er, „aber Montenegro hat ja nur 600.000 Einwohner!" Zumindest haben seine Gruppe und andere internationale Umweltschützer erreicht, dass die erste Umweltverträglichkeitsstudie der Förderfirmen zurückgewiesen wurde. Sie enthielt zu viele Fehler. „Da wurden zum Beispiel Seegurken als Algen bezeichnet", sagt der Biologe fassungslos.

Die Situation in Montenegro war ein Schwerpunkt der Konferenz. Auch der Leiter der montenegrinischen Umweltabteilung der Regierung war da. Eine unabhängige, gemischte Kommission entscheide über die Förderpläne, sagt er, danach richte er sich. Der Prozess sei „total transparent".
Varda sieht das anders: 80 Prozent der Bewohner der Küstenregion vor der geplanten Förderstelle wüssten nichts von den Plänen, sagt er. „Es gibt in Montenegro keine Öffentlichkeit", sagt Varda, „den meisten Menschen ist das Thema zu abstrakt." Außerdem herrsche noch immer ein sorgloser Umgang mit der Natur: „Kontrollen fehlen, und es gibt kaum Experten."

Auch das könnte sich in Montenegro bald ändern. Carlos Bravo wird bald wieder das Mittelmeer überqueren, um die Kollegen zu unterstützen. „Einigkeit macht stark", sagt er lächelnd und weiß doch, wie viel Mühe in diesem kurzen Satz steckt.

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