17. Januar 2018
17.01.2018
40 Años

Prozessionsspinner auf Mallorca: Handeln, bevor es zu spät ist

Bald ziehen die Raupen (auf Spanisch: procesionarias) auf Mallorca wieder los. Wer gegen die Plage gewappnet sein will, muss sich beeilen

17.01.2018 | 21:22
Fernhalten und nicht anfassen! Die „Prozessionen" der Raupen auf Mallorca sind beeindruckend, aber gefährlich.

Noch sind sie klein, unauffällig und stören nicht, doch bereits in wenigen Wochen werden sie wie jedes Jahr aus ihren Nestern in den Kronen der Mittelmeerkiefern auf Mallorca klettern und gen Boden wandern – und damit wieder für Juckreiz bei allen sorgen, die ihnen zu nahekommen. Die Rede ist von den Prozessionsspinner-Raupen (auf Spanisch: procesionarias), jenen haarigen Tierchen, die sich gerne zu langen Ketten aneinanderreihen und vor allem im Februar und März als wahre Plagegeister bekannt sind.


Viel schlimmer als Brennnesseln

Das Problem sind die kleinen Härchen der Tiere, die sich vom Wind oder bei Berührungen lösen. „Sie setzen sich mit Widerhaken in Haut und Schleimhaut fest und haften auch an Kleidung und Schuhen", so Allergologe Joachim von Rohr von der Clínica Picasso in Palma. „Bei der geringsten Berührung wird ein Cocktail aus Nesselgiften freigesetzt, der allergische und entzündliche Reaktionen auslöst." Diese sind vergleichbar mit denen von Brennnesseln – Brennen, Juckreiz, Rötungen und Quaddeln – „allerdings viel potenter und nachhaltiger", so von Rohr.

In Einzelfällen kann es zu schweren allergischen Reaktionen bis hin zu lebensbedrohlichem Kreislaufversagen kommen. Bei leichteren Fällen empfiehlt von Rohr: „Sofort duschen und Haare waschen, beim Abtrocknen nur tupfen und nicht reiben, um nicht weitere Nesselhaare zu zerbrechen." Auch die getragene Kleidung sollte möglichst schnell gewaschen werden. Reicht das nicht, sollte ein Facharzt zu Rate gezogen werden, dieser kann kortisonhaltige Salben, Cremes oder Augentropfen sowie Anti-Allergie-Tabletten (Antihistaminika) verschreiben. Von Rohr: „Die Einnahme von Kortikoste­roiden, gemeinhin als Kortison bekannt, ist nur bei sehr schweren Verlaufsformen erforderlich."
Grundsätzlich gilt: Finger weg und Abstand halten! „Nester sollte man nie selbst entfernen, sondern die Bekämpfung immer Fachleuten überlassen", betont der Allergologe.

Das Jahr über wachsam

Doch wie kann man verhindern, dass es überhaupt zur Plage kommt? „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, je nach Jahreszeit", so Sandra Closa vom balearischen Umweltministerium. Denn der Lebenszyklus der Tiere ist für ihre Bekämpfung von großer Bedeutung. „Im Februar und März ist es meist schon zu spät." Dann nämlich machen sich die Raupen in Prozessionen von den pinos aus auf den Weg zum ­Boden, wo sie sich im Erdreich vergraben. Ende August verlassen sie ihren Kokon dann als Schmetterlinge. „Die Schmetterlinge leben nur wenige Tage, ihr einziges Ziel ist es, sich zu paaren", so Closa. „Zu diesem Zeitpunkt helfen Duftfallen." Diese fangen zwar nur einen kleinen Teil der Schmetterlinge, „aber ein Weibchen legt bis zu 200 Eiern ab, da lohnt sich jeder Fang", so die Expertin. Gemeinden wie beispielsweise Artà, Calvià und Son Servera geben diese Duftfallen kostenlos für Kiefernbesitzer aus.

Effektiver sei aber die Bekämpfung mit Pflanzenschutzmitteln ab Oktober. Dann sind die Raupen nämlich bereits geschlüpft und laben sich an den Kiefern, in denen die Schmetterlingsmutter sie abgesetzt hat. Das Rathaus von Palma beispielsweise schickte Ende Oktober Spezialisten in den Stadtwald beim Castell Bellver, um dort vom Boden aus gezielt Gift zu spritzen. Groß angelegte Sprüh­aktionen mit Flugzeugen und Helikoptern gibt es auf Mallorca dieses Jahr nicht – zu groß waren die Beschwerden der Bevölkerung.

Zuständig für die Vorbeugung sind grundsätzlich die Besitzer der Bäume. „Da die procesionaria als Plage gilt, können wir in großen Waldflächen aber praktisch ohne die Erlaubnis der Besitzer eingreifen", so Closa vom Umweltministerium. Wer Kiefern in seinem Garten hat, kann und sollte aber grundsätzlich von sich aus tätig werden. Die private Firma Green Salut beispielsweise setzt auf ähnliche Pflanzenschutzmittel wie das Umweltministerium. „Wir spritzen ein biologisches Mittel direkt in den Stamm der Kiefern", berichtet Firmengründer Manuel Bueno. Dieses greife ausschließlich die Schädlinge an, nicht jedoch den Baum oder andere Tierarten. „Es ist aber nur wirksam, wenn die Raupen noch klein sind, also zwischen September und November." Ab 30 Euro nimmt Green Salut pro Baum von seinen Kunden. „Dafür garantieren wir, dass man danach zwei Jahre Ruhe vor den procesionarias hat und spritzen falls nötig auch noch mal kostenlos nach."

Unterstützung vom Rathaus

Wer derlei Vorbeugung verpasst hat, muss versuchen, die Nester im Januar mit Schutzkleidung und der Hilfe von Gärtnern von den Bäumen zu holen. Einige Gemeinden wie Capdepera, Son Servera und Sant Llorenç bieten zudem einen kostenlosen Service auf privaten Grundstücken an, bei dem die Nester der Prozessionsspinner von Jägern mit Schrotgewehren aus den Bäumen geschossen werden. „Man kann sich auf einer Liste eintragen, dann schicken wir vom Rathaus jemanden vorbei", so die Ansage in Capdepera.

In anderen Gemeinden können Jäger angefordert werden, um Nester zumindest aus den öffentlichen Bäumen nahe des eigenen Grundstücks zu schießen. „Wir sind über jeden Hinweis dankbar", heißt es aus dem Rathaus Andratx.
Nach der Beseitigung solle man die Nester verbrennen, so Sandra Closa von Umweltministerium. „100 Prozent aller Raupen kann man dadurch aber nicht vernichten." Eine Mischung aller Maßnahmen sei das Einzige, was wirklich helfe. „Es ist und bleibt ein ständiger Kampf, wenn man in der Nähe von Kiefern wohnt."

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