08. Mai 2018
08.05.2018
40 Años

Heiratsantrag mit Bock: Wie Bartomeu auf Mallorca zu seiner Herde fand

Schafherde, Baumplantage und Paradies für Insekten: zu Besuch bei Jaume Seguí und seinen 18 Hektar Bioland bei Capdellà

08.05.2018 | 01:00
Heiratsantrag mit Bock: Wie Bartomeu auf Mallorca zu seiner Herde fand

Weiß und Rotbraun strömt es aus allen Richtungen herbei. Angelockt werden die siebzehn Mutterschafe und ein Bock namens Bartomeu vom Futter – und vom Ruf ihres Hüters: "menudes, menudes" (in etwa: Ihr Kleinen). Die Weidegründe der Tiere liegen unterhalb des Wanderwegs, der von Es Capdellà zu den Cases de Galatzó führt (Gemeinde Calvià). Dort wurden vor vielen Jahren dem Großvater des Botanikers Jaume Seguí achtzehn Hektar Felder vermacht, die Äcker oberhalb des Weges gehören einem anderen Zweig der Familie. "Heute gehören diese Grundstücke meinen Cousins", sagt der 31-Jährige. Nachdem Seguí seine Doktorarbeit über das Mallorca-Veilchen Violeta jaubertiana beim Imedea-Institut abschloss, übernahm der calvianer eine Stelle im Botanischen Garten in Sóller.

Seine freie Zeit verbringt er auf dem Anwesen, das er von seinem verstorbenen Großvater erbte. Dazu gehört neben der Schafherde und fünf Hühnern eine Baumplantage. Vor vier Jahren erhielt die Finca das Ökozertifikat. Auch die Cousins haben auf Bioanbau umgestellt, das Landgut Galatzó ist es schon lange, und so ist heute das gesamte Tal ein Ökoparadies.

Bei dem Futter beispielsweise, das die Schafe so auf Trab bringt, handelt es sich um Ökosamen der Futterwicke (Vicia sativa bot., garrobilla span., veza kat.). Diese wurden auch unter den Bäumen ausgesät, ihre Blüten ähneln Erbsen und leuchten jetzt im Frühjahr in hellem Lila. Diese Pflanze liefert den Böden Stickstoff, der die Baumwurzeln bei der Bildung von Eiweiß unterstützt. Derzeit wird das kniehohe Futter von einem Elektrozaun geschützt. Im Sommer wird er entfernt, die Schafe weiden dann dort und versorgen den Baumbestand mit Dung.

Auf dem Anwesen wachsen alle Bäume traditionell en secano, das bedeutet ohne Gießwasser. 300 alte Mandelbäume tragen jetzt schon grüne Früchte mit pelziger Haut. 100 neue pflanzte der Ökolandwirt dort, wo sich Wurzeln tief in die Erde graben können. "Die neuen Sorten müssen Trockenheit gut vertragen", sagt Seguí, dafür nimmt er in Kauf, dass sie weniger produktiv sind als andere. Damit es trotzdem noch zu guten Ernten kommt, unterstützt der Botaniker Vorkommen und Habitate von Wildinsekten, doch darüber später mehr.

Einige Mandelbäume gingen durch Sturm zu Bruch und müssen zu Brennholz zerkleinert werden. Dem Feuerbakterium Xylella fiel jedoch im ganzen Tal kein einziger Baum zum Opfer. Seguí ist überzeugt, dass dies dem ökologischen Gleichgewicht zu verdanken ist. Auch die Johannisbrotbäume sind kerngesund, sie liefern jedes Jahr viele Schoten. Auf den felsigeren Böden mit wenig Erde wachsen Olivenbäume. Am Berghang wurden statt Kiefern Steineichen gepflanzt, die Eicheln liefern: Die bellotas sind auch bei Schafen sehr beliebt.

Zurzeit leben in der Herde Tiere mit weißem und rotbraunem Fell. Der Hammel Bartomeu ist reinrassig, besitzt einen Stammbaum und seine Partnerinnen gebären häufig Zwillinge. Die Schwänze der Lämmer werden nicht kupiert. Und man erzählt sich, dass es sich dabei wohl um eine Gewohnheit vom Festland handelt, wo man verhindern wollte, dass der Wolf das Schaf am Schwanz erwischt.

Künftig sollen alle Mitglieder der Herde vom einheimischen roten Inselschaf abstammen. Diese Schafrasse kam ursprünglich in Nordafrika vor, sie ist an Trockenheit und Hitze gewohnt, man sagt ihr Gefräßigkeit nach. Doch Seguí macht das nichts aus, weil die Tiere im Sommer den Astnachwuchs an den Baumstämmen abknabbern und die trockenen Blätter und die Früchte des Affodills (Asphodelus aestivus bot., asfódelo span., albó kat.) auffressen.

Auf dessen Blüten haben die Schafe keinen Appetit. Auch der Botaniker macht mit seinem Traktor einen großen Bogen um die Stauden, denn sie sind beliebte Weidepflanzen für Bienen. Das gilt auch für die Sträucher der helllila blühenden Weißlichen Zistrose (Cistus albidus bot., jaguarzo blanco span., estepa blanca kat.) sowie die weißblühende Montpellier-Zistrose (Cistus monspeliensis bot., jaguarzo negro span., estepa negra kat.) – von Schafen verschmäht, von Insekten geliebt.

"Die Bestäubung gehört zu meinen Lieblingsthemen", sagt der Botaniker. Während der Arbeit an seiner Doktorarbeit hat er sich lange mit den Bestäubern des Mallorca-Veilchens beschäftigt. Sie erfolgt durch Ameisen – die einzigen Insekten, die das hoch in Felsspalten vorkommende Gewächs erreichen.

Verglichen damit sind die Zistrosen geradezu Allrounder. Inmitten ihrer weit geöffneten Blütenblätter bieten sie Pollen und Nektar dar. Und sind so ein beliebtes Anflugsziel nicht nur für Wild- und Honigbienen, sondern auch für Käfer, Mücken und Schmetterlinge.

Eine Botanikerin der Balearen Universität hat festgestellt, dass wegen der Biodiversität in diesem Tal eine besonders hohe Zahl von bestäubenden Wildinsekten unterwegs ist. Grund genug für Seguí, ein Insekten-Hotel zu bauen. Unter einem Dach befinden sich Holzplatten mit verschieden großen Öffnungen. Darunter liegt in transparenten Rohren getrocknetes Schilfrohr. Es ist bekannt, dass Wildbienen deren Innenraum als Nistplätze bevorzugen. Sie legen dort ihre Eier und decken jedes einzelne mit Pollen und Nektar als Nahrung und Verschluss zu. Zur Honigproduktion kommt es bei den solitär lebenden Bienen nicht.

Zurück zu dem Hammel Bartomeu. Er ist ein Geschenk der heutigen Ehefrau von Jaume Seguí. Sie stand eines Tages völlig überraschend mit einem Lamm an der Leine vor ihm und hielt um seine Hand an. Die beiden heirateten, und Bartomeu fand so zu seiner Herde.

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