06. August 2018
06.08.2018

So wird Schildkröte Kalos wieder auf die Flossen geholfen

Schwerverletzt kam die Schildkröte zum Palma Aquarium. Knapp ein Jahr später steht sie kurz vor der Freilassung. Gut 40 Tiere müssen jährlich aufgepäppelt werden. Viele geraten in Schiffsschrauben

06.08.2018 | 01:00
Eine Schiffsschraube verletzte Kalos schwer am Panzer und an der rechten Hinterflosse.

Selbst für Schildkrötenverhältnisse noch etwas langsam paddelt sich Kalos vom Boden des Beckens im Palma Aquarium an der Playa de Palma zur Wasseroberfläche. Seine beiden Vorderflossen kann er normal bewegen, um voran zu kommen. Die rechte Hinterflosse allerdings zieht er noch halb im Panzer verborgen hinter sich her. Als Kalos auftaucht, blitzt sein Panzer nur eine Sekunde lang aus dem Wasser heraus. Trotzdem sind an hinterem Teil des Panzers noch deutliche Spuren von seinen schweren Verletzungen zu sehen.

„Hola, cariño", hallo, mein Lieber, begrüßt Gloria Fernández die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta). Die Venezolanerin ist die Verantwortliche der Pflegestation für Meerestiere des Palma Aquariums. Seit knapp einem Jahr hilft die 61-Jährige dabei, Kalos wieder aufzupäppeln, ihn fit fürs Meer zu machen.

Zu schwach, um abzutauchen


Anfangs sah es nicht gut aus für den mindestens 25-Jährigen – das genaue Alter ist kaum zu bestimmen. Im Oktober 2017 hatten zwei Segler den an der Wasseroberfläche treibenden Kalos in der Nähe von Port de Sóller gefunden. Das Tier schaffte es nicht mehr abzutauchen. Es war abgemagert, schwach und mit Parasiten übersät. Die hatten es sich aufgrund seines langsamen Schwimmtempos an der blutigen Wunde am hinteren Teil seines Panzers gemütlich gemacht.

Die beiden Segler verhielten sich vorbildlich und meldeten sich bei der Notrufzentrale 112. Die Mitarbeiter dort wiederum kontaktierten das Rettungsteam des Palma Aquariums, das das Segelschiff mit Kalos an Bord wenig später im Hafen von Port de Sóller empfing. Von dort aus ging es für die schwer verletzte Schildkröte erst einmal in die tierärztliche Klinik Aragó in Palma. Nach einer ausführlichen Untersuchung übernahm dann Gloria Fernández und ihr Team im Palma Aquarium.

So läuft eine Rettungsaktion laut dem seit 2014 zwischen dem balearischen Umweltministerium und dem Palma Aquarium bestehenden Vertrag im besten Fall ab, sobald im Meer oder an der Küste ein verletztes oder totes Tier gefunden wird. Es ist ein 24-Stunden-Dienst der Pflegestation des Aquariums, die wiederum der Artenschutzabteilung des Ministeriums untersteht (Consorcio para la Recuperación de la Fauna de les Illes Balears, Cofib). Nicht nur bedürftige Tiere um Mallorca herum, sondern auch von den anderen Balearen-Inseln werden versorgt. Wenn das gefundene Tier leicht verletzt ist, wird es auf der am nächsten liegenden Insel behandelt. Schwerverletzte Tiere werden grundsätzlich nach Mallorca gebracht. Die Stationen der anderen Inseln hätten keine Kapazitäten für Tiere, die wochen- oder monatelang in der Pflegestation bleiben müssen, erklärt Fernández.

Karlos ist einer der schwersten Fälle

40 verletzte Schildkröten werden pro Jahr durchschnittlich auf den Balearen aufgebracht. Kalos ist laut Fernández einer der schwersten Fälle des vergangenen Jahres. Seine damalige Diagnose: starke motorische Probleme in der rechten Hinterflosse sowie ein schwerer Bruch im hinteren Teil des über 60 Zentimeter langen Panzers. Auch seine Wirbelsäule war betroffen. Gloria Fernández vermutet, dass die Verletzungen durch den Zusammenstoß mit einer Schiffsschraube entstanden sind. „Verwirrte, geschwächte oder ältere Schildkröten, die nicht mehr schnell genug schwimmen können, stoßen mitunter in der Nähe der Wasseroberfläche mit Schiffen zusammen", erklärt die Pflegerin.

Auf der Pflegestation im Palma Aquarium bekam Kalos erst einmal Medikamente gegen die Schmerzen. Außerdem Physiotherapie und Massagen. Wie Menschen eben auch. Durch verschiedene Übungen sollte sein Kreislauf angeregt und seine Beweglichkeit Stück für Stück verbessert werden. Bei manchen Tieren dauere der Heilungsprozess nur drei Tage, bei anderen ein ganzes Jahr, sagt Fernández. „Bis Kalos seine Flosse wieder bewegen konnte, die Kraft hatte zu schwimmen und fressen wollte, war es ein langer Weg", erinnert sie sich. „Aber mittlerweile nennen wir ihn ´den Staubsauger´. Er ist ein Vielfraß. Jedes Mal, wenn ich Futter ins Becken werfe, ist er der Erste, der sofort hinschwimmt und den anderen alles wegisst. Das ist ein gutes Zeichen."

Schon seit 40 Jahren pflegt die Venezolanerin kranke und verletzte Meerestiere. Im Palma Aquarium sind es vor allem Schildkröten. 90 Prozent von ihnen seien nach der Reha wieder fit für die Auswilderung. Nur einige wenige Tiere kann das Team nicht mehr retten. Aus Forschungszwecken werden jedoch auch tote Tiere ins Aquarium gebracht. Das Team vermisst sie, stellt die Todesursache fest und untersucht den Mageninhalt. Dort finden sie häufig Plastikteile oder Reste von Fischernetzen. „Da im Meer schwimmende Tüten oft mit Algen bedeckt sind, verwechseln Schildkröten und andere Tiere sie mit Nahrung." Der Plastikmüll, der von den Stränden aus ins Meer gelangt, sei mittlerweile die größte Gefahr für die Schildkröten, noch vor den Netzen und Angelhaken der Fischer, die früher die meisten Sorgen bereiteten.

Kalos scheint sich jedenfalls im Muskelaufbaubecken mit den Rochen und anderen Fischen wohl zu fühlen. Er ist nicht wegzubekommen von einem zum Beckenboden führenden Rohr, aus dem Wasser strömt. Vielleicht lässt er sich von dem Strahl massieren, da er die Physiotherapie nach einem Monat im neuen Becken schon vermisst. Obwohl es anfangs sehr schlecht für ihn ausgesehen hat, stehen die Chancen gut, dass er schon bald wieder im offenen Meer abtauchen kann.

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