26. August 2018
26.08.2018

"Ohne die Tiere wäre ich schon lange tot"

Juan Juan Trobat ist ein ruhiger Mann. Nur wenn es um seine Tiere geht, dann versteht der 80-Jährige aus Capdepera keinen Spaß. Seit einem Monat belagert er den Eingang vom Rathaus. Alles nur für seine Tauben

26.08.2018 | 01:00
Nicht bequem, aber was macht das schon: Juan Juan Trobat hält vor dem Rathaus von Capdepera die Stellung

Wenn die Turmuhr an der Kirche in Capdepera im Nordosten von Mallorca morgens zehn Mal schlägt, dann sitzt Juan Juan Trobat bereits auf dem steinernen Boden vorm Rathaus. Nicht unbedingt der angenehmste Platz für einen 80-Jährigen. Manchmal hat er ein Pappschild dabei: „Der Bürgermeister schützt die Diebe", hat er darauf mit Filzstift geschrieben. Mit jeder Stunde, die der alte Mann hier sitzt, steigt die Sonne mit den Temperaturen um die Wette. Anfangs hätten die Leute im Vorbeigehen noch innegehalten und besorgt auf ihn hinabgeblickt. „Trobat", hätten sie gesagt. „Bist du dir sicher, dass es dir nicht zu heiß wird?"

Mittlerweile schweigen sie. Seit fast einem Monat kommt der betagte Mallorquiner jeden Morgen und geht erst wieder, wenn die Turmuhr 2 Uhr mittags schlägt – der Hitze und den Leuten zum Trotz. „Mir macht das nichts aus", sagt Trobat. Das sei schon früher so gewesen, schon als er jung war und stundenlang ohne Sonnenhut mit der Sichel auf dem Feld Getreide mähte und sein Vater kopfschüttelnd zusah. „Ich halte alles aus." Erst recht jetzt, wo es um seine Tauben geht.

Trobat wohnt in einem Stadthaus, nur fünf Minuten vom Rathaus entfernt. Über eine ganze Straßenecke zieht sich das Gebäude. Im Erdgeschoss ist eine Garage, in der Trobat sein Lastenfahrrad abstellt. „Auto fahren kann ich nicht mehr mit meinen Augen. Aber wenn ich mit dem Rad langsam fahre, dann geht es." Futtersäcke stehen hier herum, Schüsseln und Schalen. Links daneben führt eine Treppe nach oben. Erstaunlich flott geht der 80-Jährige voran und drückt eine Holztür auf. Ein scharfer Geruch steigt dahinter hervor. „Hier ist es nicht sonderlich sauber", entschuldigt er sich. Das ist untertrieben. Der Boden, die feinmaschigen Raumtrenner, der regalartige Verschlag für die Vögel und auch die Wände – alles ist überzogen von einer Schicht getrockneten Taubendrecks, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinweg hier angesammelt haben muss. Als Trobat den Raum durchquert, flattert es um ihn herum. Eine weiße Taube kommt durch ein schießschartenähnliche Einlassung in der Steinwand herein und lässt sich neben gut einem Dutzend Artgenossen nieder. Eine andere setzt sich demonstrativ auf eine Tonschale, um ihre Jungen zu schützen. Jeden Morgen um sechs Uhr kommt Trobat zum Füttern hierher, und abends um 19 Uhr noch einmal. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, versorgt er außerdem drei Lämmer mit der Flasche, zwölf Gänse und ein paar Hühner und Ziegen. Trobat schafft das Futter allein an. „Ich genieße das. Das ist mein Leben. Ohne die Tiere wäre ich schon lange tot."

Trobat wohnt nur wenige Meter von den Tauben entfernt. Gleich neben der Holztür des Taubenverschlags schließen seine Wohnräume an. Ein Bild an der Wand zeigt Jesus, ein anderes die Burg von Capdepera, ein drittes den Heiligen Antonius, den Schutzpatron der Tiere. Es ist erstaunlich sauber, und weitläufig. „Zu groß für eine Person", sagt der Vater zweier erwachsener Kinder und vierfacher Großvater und nickt. „Aber meine Frau hatte schon vor 30 Jahren die Nase voll von mir." Seitdem hat er ein Zimmer übrig, in dem nichts als Pokale stehen. Kleine, große, silbrige, messingfarbene und vergoldete. „Der wichtigste ist der hier", sagt Trobat und zieht einen unscheinbaren hervor. „Das ist mein Erster, da war ich 15", sagt er. Seine Stimme klingt stolz. Sein Großvater hatte ihm zu seinem 14. Geburtstag Tauben geschenkt. Bei einem Wettflug auf einem Fest in Capdepera gewann er kurz darauf den ersten Platz.

„Wer es nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie es damals hier war. Touristen gab es nicht. Und auch keine Festland-Spanier. Es war normal, mit Tieren zusammenzuleben, sie waren präsent im Ort." Heute weiß Trobat gar nicht so genau, ob das eigentlich noch legal ist, dass er die Lämmchen im Winter ab und an in seiner Garage hält. Oder dass mindestens 20 Tauben bei ihm ein- und ausfliegen, über die Dächer der Nachbarn hinweg. „Aber bisher haben sie nie etwas gesagt."

Ärger gab es nur an jenem 8. Juni 2016, als Trobat mal wieder ein Dutzende Tauben in einen Käfig packte und sie mit seinem Fahrrad zum Marktplatz fuhr. Nicht, um sie zu verkaufen, sondern um sie den Kindern zu zeigen, sagt er. Der Ortspolizist konfiszierte seine Tauben samt Käfig. Eine Standgenehmigung hatte Trobat nicht. Am nächsten Tag habe er eine Operation gehabt. „Als ich in der darauffolgenden Woche meine Tiere zurückforderte, waren sie bereits im Tierheim Natura Parc in Santa Eugenia. Und dort sagte man mir, sie seien gestorben", erzählt. Anders als auf dem großen Wochenmarkt in Sineu, wo er regelmäßig hinfahre, wenn ihn denn jemand mitnimmt, und man ihn behandle wie ein König, wolle man ihn in seinem Dorf wohl nicht.

Einmal habe er versucht, seinem Enkel die Leidenschaft für Tauben zu vermitteln. „Aber die jungen Leute haben heute ganz andere Interessen. Und dann hat er auch noch eine Taubenallergie bekommen", sagt Trobat. Auf einem kleinen Gasherd kocht er sich täglich sein Essen. Fleisch oder Fisch sind nie darunter. Obwohl der Arzt ihn regelmäßig daran erinnert, dass er auch so etwas essen sollte. „Er sagt, ich habe Herz und Zucker", sagt Trobat und macht eine abwehrende Geste. „Ich esse kein Fleisch. Die Tiere tun mir leid." Linsen, Kichererbsen, Gemüse, das müsse ja wohl reichen.

Sein ganzes Leben hat Trobat in dem Städtchen im Nordosten verbracht. Auch wenn er Spanisch redet, ist sein mallorquinischer Akzent nicht zu überhören. Jeder kennt ihn, denn zu den Tiersegnungen an Sant Antoni kreuzt Trobat stets mit einer ganzen Schar von Tieren auf. „Die meisten verstehen meinem Protest", erklärt Trobat. Immer und immer wieder habe er beim Bürgermeister vorgesprochen, um Hilfe gebeten, um seine Tauben ersetzt und seinen Käfig zurückzubekommen. „Ich will, dass der Polizeibeamte dafür aufkommt." Zwei Jahre lange habe der Bürgermeister ihn empfangen. „Jetzt will er nicht mehr mit mir reden." Und so sitzt Trobat weiter jeden Morgen vor dem Rathaus. Dass der Bürgermeister mittlerweile den Hinterausgang benutzt, um nicht an ihm vorbei zu müssen, stört ihn nicht. „Ich gebe nicht auf.
Ich habe Zeit."

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