11. Januar 2020
11.01.2020

Wieso wir viel mehr Tiere aus dem Heim holen sollen

Wer Hunde oder Katzen im Tierheim adoptiert oder von der Straße aufliest, bürdet sich einiges auf - und profitiert doch ungemein. Nele Bendgens hat Menschen und Tiere in der Gemeinde Sencelles besucht

11.01.2020 | 01:00
Mary Mendoza und ihr Rauhaardackel Sofi.

Mit Sofi war es wie ein Kind mehr im Haus

Mary Mendoza hatte sich in den Rauhaardackel ihres Bruders verliebt und wollte auch so einen haben. Bis dahin hatte sie immer große Hunde bei sich aufgenommen, einer von ihnen lebte bereits mit der Familie auf einer Finca bei Sencelles „Ich dachte, so einen kleinen Hund kann ich überallhin mitnehmen – und wusste nicht, dass es eine sehr lebhafte Hunderasse ist", sagt die 46-Jährige. Mary Mendoza kontaktierte über Facebook den Verein „Hocico y pata" (Schnauze und Pfötchen). Eine erste Vermittlung schlug fehl, weil sich die Halter des Tieres im letzten Moment umentschieden. Einige Zeit später jedoch meldete sich der Verein bei Mary Mendoza zurück und berichtete von einem Welpen, den es so schnell wie möglich unterzubringen galt, da der Halter die Hündin in einem Bad hielt und noch kein einziges Mal ausgeführt hatte.

Als Mary Mendoza das Tier mit einer Freundin abholte, biss die vier Monate alte Hündin ihr mit den kleinen spitzen Zähnchen die ganze Zeit in die Hand. Im Auto fragte die Freundin, wie das Tier denn heißen sollte, und Mary Mendoza sagte spontan „Sofi" - wie ihre Schwägerin. „Da hielt Sofi inne und leckte mir das Gesicht ab. Damit war es entschieden", erinnert sich ­Mendoza. Zu Hause waren die drei Kinder ganz aufgebracht, sie wussten noch gar nichts von dem neuen Familienmitglied. Sofi rannte von einem Kind zum anderen und vertrug sich auch mit dem großen Hund.

Als die Familie ohne den großen Hund von der Finca ins Dorf zog, bekam Sofi Angstattacken, wurde aggressiv, verlor Haare. Ein Hundetrainer schaute sie sich an und erklärte: „Sofi ist kein dominanter Hund. Durch den Umzug und die Trennung von dem anderen Hund ist sie in Stress ­geraten, da sie nun keinen Rudelführer mehr hat." Mary Mendoza übte mit Sofi auf der Straße: Immer wenn ein Auto oder ­Kinder vorbei kamen, die ihr Angst machten, gab es ein Stück Wurst. Es dauerte fünf Monate, bis Sofi ihre Angst verlor. Nun versteht sie sich mit anderen Hunden und Menschen, nur bei großen Männern bleibt die Angst, denn die Erinnerung an ihr ­erstes Herrchen sitzt tief.


Mary Mendoza und ihr Rauhaardackel Sofi.  FOTOS: NELE BENDGENS

Seit zwölf Jahren ein eingespieltes Team

Karin Schormaker hat Hunde um sich gehabt, seit sie von zu Hause auszog. Als Sami, den sie aus dem Tierheim Son Reus gerettet hatte, starb, war ihr klar, dass sie wieder einen Hund adoptieren würde. Bei ihrem ersten Versuch hatte sie kein Glück, da der Auserwählte dann doch von seinem Halter abgeholt wurde. So entschied sich die Deutsche für einen vierjährigen Cocker-Mischling, der noch am gleichen Tag eingeschläfert werden sollte. Die heute 63-Jährige nannte die Hündin Bhwana, und es dauerte drei Monate, bis zwischen den beiden ein Grundvertrauen aufgebaut war. Schormaker, die als Therapeutin für alternative Heilmethoden arbeitet, ­behandelte sie mit Bachblüten und Homöopathie. 

Die Hündin habe in der ersten Zeit an der Leine laufen müssen, erinnert sich Karin Schormaker. „Als ich sie dann zum ersten Mal von der Leine ließ, lief sie davon und spielte ,Mal sehen, ob du mich kriegst'." Statt hinter ihr herzulaufen, ging Karin Schormaker zum Auto zurück, stieg ein und ließ den Motor an. Bhwana war schnell wieder da. 

Seit zwölf Jahren sind die beiden nun ein eingespieltes Team. Bhwana weicht Karin Schormaker nicht von der Seite, ist wie ihr Schatten. Bei Tieren, sagt die Therapeutin, könne man nur etwas erreichen, wenn man ihnen eine bedingungslose Liebe entgegenbringt. Die bekomme man auch zurück. „Bhwana ist es egal, wie ich aussehe, sie liebt mich, so wie ich bin, und merkt sofort, wenn es mir einmal nicht gut geht." Die mittler­weile 15-jährige Hündin blüht draußen auf, tobt noch immer gern herum und schwimmt mit Vorliebe im Meer. Deshalb fährt Karin an ihrem freien Tag immer mit ihr an den Strand, denn auch die Liebe zur Natur teilen die beiden. 
Karin Schormaker und ihre Bhwana.  

Die drei Lebensretter 

Im August 2016 erhielt Javier Barbero einen Anruf einer aufgeregten Bekannten, die ihn um Hilfe bat. Ihr Vater, ein Landwirt, wolle zwei kleine Katzen töten. Die Katzenmutter war von einem Auto überfahren worden, er könne die beiden ­Waisen unmöglich ernähren. Der mallorquinische Sozialarbeiter setzte sich mit ­einer Freundin in Verbindung, die in einem Tierschutzverein tätig ist und vorübergehend Katzen bei sich aufnimmt, bis sie ein neues Zuhause finden. 

Javier Barbero holte die ungefähr ein Monat alten Kätzchen in einer Kiste ab und brachte sie zu der Freundin, die den Kleinen im Turnus mit einer weiteren Tierschützerin zwei Monate lang vier Mal am Tag die Flasche gab. Als die Katzen - ein Männchen und ein Weibchen - feste Nahrung zu sich nehmen konnten, gab der Verein sie zur Adoption frei. 

Eine Frau meldete sich und zeigte Interesse an dem Weibchen. Just in diesen Tagen aber erkrankten die beiden Kätzchen an einer ­Infektion mit Caliciviren. Ihre Beine versagten, sie hatten zwischenzeitlich keine Kraft mehr, sich fortzubewegen. Die Frau machte einen Rückzieher, wollte kein krankes Tier pflegen. „Da wurde mir klar, dass ich so jemandem auch kein gesundes Tier anvertrauen würde", sagt der heute 46-Jährige. Die Freundin und er pflegten die Kätzchen gesund und verabreichten ihnen Medikamente, obwohl es beim Tierarzt für so kleine Tiere keine Dosis gab. Und dann legte sich auch noch der Hund der zweiten Betreuerin zu den fast leblosen Katzen und leckte sie ab, bis sie wieder Lebenskraft hatten. 

Javier Barbero behielt die Katzen, obwohl in seinem Mietvertrag Haustiere ­eigentlich verboten sind. Er stellte die Möbel um und richtete die Wohnung für die zwei neuen Mitbewohner ein. Das Männchen nannte er Didac und das Weibchen Karmeta. Barbero setzt sich seither auch darüber hinaus für den Tierschutz ein und füttert ­regelmäßig Katzenkolonien. „Sie sind sehr nützlich gegen Mäuse und Ratten, sofern man die ­Population kontrolliert." 

„Wenn du hilfsbedürftigen Katzen eine Chance gibst, werden sie es dir immer danken", sagt er. Sie können sogar, wie in seinem Fall, selbst zu Lebensrettern werden. Als Javier Barbero nach dem plötzlichen Tod seines Partners kurz davor stand, sich das Leben zu nehmen, standen Didac und ­Karmeta ihm in seiner Trauer und Verzweiflung bei. „So gesehen", sagt er, „hat ihre Rettung auch mich gerettet." 

Javier Barbero, Karmeta und Didac. 

Ein Herz für die schwierigen Fälle

Seit ihrem 16. Lebensjahr gibt Mónica Santiago herrenlosen Tieren ein Zuhause. Auch den ganz schwierigen Fällen. Mateo, sieben Jahre alt, ein Wasserhund, war so einer. Seine vorherige Halterin musste nach England zurückkehren und überließ ihn ihrer Mutter auf Mallorca. Deren Partner mochte keine Hunde und legte Mateo in einem kleinen Innenhof an eine kurze Leine. Er bekam ein Elektrohalsband um. Jedes Mal, wenn er bellte, setzte es einen Stromschlag. Als sei das nicht schon genug, verabreichte der Mann ihm auch noch Valium, bis Mateo den Kopf immer wieder gegen die Wand schlug.

Als die ­ursprüngliche Halterin erfuhr, wie es um ihren Hund stand, alarmierte sie den ­Tierschutzverein Animalada. Deren Mitglieder holten Mateo ab und brachten ihn zu einem Tierpsychologen. Eine Familie, die ihn nach einiger Zeit adoptierte, gab ihn nach einer Woche wieder zurück. Schließlich nahm Mónica den mittler­weile vierjährigen Hund in ihre Obhut und holte mit Marta Ayala eine Hunde­erzieherin zur Hilfe. 


Es dauerte eineinhalb Jahre, Mateos Vertrauen zu gewinnen. Er wurde ruhiger und sozialer – bis Mónica Santiago vor einem halben Jahr wegen ihrer Hunde vom Dorf aufs Land zog. Mateo war wieder gestresst, fürchtete offenbar, erneut verlassen zu werden. Die 54-Jährige arbeitet nun mit Aromatherapie, das hatte ihr die holländische Hundetherapeutin Jeannette Kok empfohlen. „Der Geruch geht direkt ans Gehirn, und Mateo beruhigt sich", sagt Mónica Santiago. 

Eine der vielen Geschichten, die sie mit ihm erlebt hat, ist ihr besonders in ­Erinnerung geblieben. „Mateo ist, wie es seiner Rasse entspricht, verrückt nach Wasser. Als er einmal bei Marta war, die ­einen eingezäunten Pool hat, wo er nicht reinkonnte, ist er auf das Dach geklettert und von drei Metern Höhe in den Pool ­gesprungen."

Auch in der neuen Bleibe auf dem Land gibt es ein Schwimmbecken. Wenn der Wasserhund dort abtaucht, springt Chico, ein Neuzugang hinter ihm her, um ihn zu retten. Chico war ein junger cleverer Vagabund, der monatelang über die Felder streunte. Er war Hunden gegenüber freundlich, aber näherte sich nicht den Menschen, auch nicht denen, die ihn fütterten. Nicht einmal mit Fallen schafften es Polizei und Hundefänger, ihn zu überlisten. Seit Januar 2019 begleitete er andere Hunde beim Spaziergang, verschwand dann aber stets am Dorfeingang wieder. Bis er im August erstmals Mónica ­Santiago, Mateo und Sara, einer weiteren Hündin, bis ins Haus folgte. Anfassen ließ er sich nicht. Mónica Santiago ließ ihn wieder raus, doch Chico kehrte immer wieder. Am fünften Tag fing er an, ihre Hand zu ­lecken und sich anfassen zu lassen. Mónica Santiago konnte so feststellen, dass er ­keinen Chip trug. 

Sie ließ ihn kastrieren und wollte ihn zur Adoption freigeben, aber als jemand gefunden war, bereute sie es. „Ich konnte ihn nicht abgeben, er hatte mich doch auserwählt!" Chico blieb. Sie gab den Pitbull-Pointer-Mischling zu Max von K9, einem professionellen Hundetrainer, der auch Polizeihunde ausbildet und zwei Monate mit Chico arbeitete. „Jetzt ist er sehr gehorsam - aber bis es so weit war, hat er einiges angerichtet. Einmal, als ich nach Hause kam, war mein ganzes Schlafzimmer weiß, er hatte alle Kissen zerfetzt. Als ich dann mit ihm schimpfte, kam er mit der Stromrechnung im Maul an, da konnte ich nur noch lachen."

Mónica Santiago mit Mateo (li.) und Chico. 

Und plötzlich dieser Blick in die Augen

Manchmal verketten sich die Umstände derart, dass man das Gefühl hat, es habe gar nicht anders kommen können. An dem Samstag, als der sechs Jahre alte Breton-Pointer-Mischling Noisette zu Igor (46), Elsa (42) und Luca (8) kam, hatte die kleine Familie eigentlich etwas ganz anderes vor, als sich um herrenlose Tiere zu kümmern. Samstags ging es normalerweise zum Ausführen der Spanischen Windhunde in dem Tierheim in Esporles. Das machte die Familie, um etwas zur Dorfgemeinschaft beizusteuern. Außerdem sollte Luca lernen, dass es immer die Möglichkeit gibt, anderen zu helfen. Einen Hund mochten sie nicht adoptieren, da Igor, im Gegensatz zu Elsa, die mit Tieren aufgewachsen ist, nicht so ein Hundefan war. ­Außerdem hatten sie bei dem Umzug von London nach Mallorca ihre zwei Katzen Dolce und Havana mitgebracht.

An jenem Samstag aber gab ein Freiwilligen-Projekt an der Schule von Luca. Es sollten Unterschlupfmöglichkeiten für streunende Katzen gebaut werden. Doch es war kalt und regnete so sehr, dass Igor entschied, einmal nichts für Tiere zu tun, sondern zum Festival Park zu fahren, wo er noch nie gewesen war. Sie verfuhren sich auf dem Weg dorthin, mussten auf einer  Landstraße eine Kehrt­wende machen. Dabei sah Elsa für eine ­Sekunde aus dem ­Augenwinkel ein Fellknäuel in einer Ecke liegen. Sie bat Igor, noch einmal zurückzufahren. „Da lag zusammengekauert ein Hund. Er konnte nicht aufstehen, und es war offensichtlich, dass er Hilfe brauchte", erinnert sich Elsa. 

Igor zog seine ­Jacke aus und packte die Hündin darin ein. Als er das Tier hochhob, schaute es ihm direkt in die Augen. „Da war es um ihn geschehen", sagt Elsa. Sie brachten die Hündin in das Tierheim Son Reus, wo ein Tierarzt sie untersuchte. Sie hatte wohl einen Unfall gehabt, ein Bein war verletzt. Es verheilte ohne Operation. Über zwei Wochen lang besuchte die Familie das Tier regelmäßig. Da keiner es beanspruchte, nahmen sie die Hündin schließlich mit nach Hause und gaben ihr den Namen Noisette. Sie lebte sich sofort ein und passte sich voller Hingabe dem Familienleben an. „Wenn wir arbeiten oder in einem Restaurant sind, ist ­Noisette sehr diskret, wir müssen ihr nicht viel sagen. Nur wenn es zum Spaziergang geht, dreht sie auf."

Nach sechs Wochen kam noch eine große Überraschung hinzu. Noisette verhielt sich plötzlich merkwürdig, und als ein Nachbar sie abtastete, sagte er nur: „Viene con regalitos" (Sie kommt mit Geschenken). Noisette gebar acht Welpen, die mit drei Monaten nach Deutschland vermittelt werden konnten.

Die Hündin hat den Anschluss in Sencelles erleichtert, wohin die Familie vor anderthalb Jahre zog. Bei den Spaziergängen kommt man schnell mit anderen Hundehaltern ins Gespräch. Einmal traf Elsa eine Familie mit einem fünfjährigem Kind, das vor Hunden Angst hatte, ­Noisette ging ein Stück mit ihnen, und auf einmal verlor der Junge seine Angst und fasste Vertrauen zu dem Vierbeiner. ­„Noisette ist wie eine ­Therapeutin und hat auch uns gutgetan", sagt Elsa. Ihre Gegenwart mache viel ­Freude, eine neue Familien­dynamik sei entstanden. ­Noisette sei für Luca wie ein Spielfreund, mit dem er zugleich Geduld und Respekt lerne. „Noisette hat uns ­gezeigt, wie treu ein Tier sein kann. Sie gibt grenzenlose Liebe und vertraut uns voll und ganz", sagt Elsa. „So ein Wesen an unserer Seite zu haben, ist eine große Verantwortung, ja eine Ehre." 

Elsa, Luca und Igor mit Noisette. 
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