Landstrom? Biokohle? Einsaimada? Wie der Mallorca-Tourismus nachhaltiger werden soll
Eindrücke von einem Kongress mit internationalen Experten, der dem Inselrat perfekt in die neue Tourismusstrategie passt

Mit einem Orangenbauer wirbt die Tourismusstiftung der Insel für einen nachhaltigen Urlaub. / Fundació Mallorca Turisme
„Wissen Sie eigentlich, wie viele wissenschaftliche Artikel über den Tourismus im Jahr 2022 veröffentlicht wurden?“, fragt der emeritierte US-Professor Jafar Jafari und schiebt die Antwort gleich hinterher: 10.000. „Und wie viel Prozent davon haben Sie gelesen?“
Der Einwurf der Tourismus-Koryphäe beim dritten internationalen Nachhaltigkeitskongress (Sustainable Destinations Summit) Ende vergangener Woche wirkt auch deswegen ein wenig befremdlich, weil er in einer Runde von Reise- und Hotelmanagern sitzt, die sich gerade damit rühmen, schon nachhaltig gewirtschaftet zu haben, als der Begriff noch gar nicht in Mode war, sich über immer mehr bürokratische Auflagen beschweren und gegen die Ferienvermietung wettern. „Ich wüsste gerne mal, was Airbnb Tolles für die Insel geleistet hat!"
Nachhaltigkeit in aller Munde
Man kann Mallorcas Inselrat, bei dem inzwischen die wichtigsten Zuständigkeiten im Tourismus liegen, nun wirklich nicht vorwerfen, dass er das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Debatte stiefmütterlich behandeln würde. Der Begriff fällt an den zwei Tagen des Kongresses, den der Inselrat in Zusammenarbeit mit der Weltorganisation für Tourismus (UN Tourism) ausrichtet, gefühlt in jedem zweiten Satz. Die Veranstaltung passt insofern perfekt zum Kurs der konservativen Inselregierung, die „mutige Entscheidungen“ gegen die negativen Auswirkungen des Massentourismus ankündigt.
„Der Inselrat kann nicht untätig bleiben“, so Inselratspräsident Llorenç Galmés zur Eröffnung. Als Beispiele für die Umsetzung dieser Politik nennt der Politiker der Volkspartei (PP) eine Reduzierung der Gästebettenzahl auf Mallorca – für die ohnehin seit zwei Jahren ein Moratorium gilt –, eine Verringerung der Besuche auf Tourismusmessen sowie einen verstärkten Kampf gegen illegale Angebote in der Ferienvermietung.

Llorenç Galmés (2.v.li.). / Consell
Dies wie auch vieles andere auf dem Kongress hat man nicht zum ersten Mal gehört. Das gilt speziell auch für den Videobeitrag von Andy Stalman. Der argentinische Werbeguru, der die Marke Mallorcas im Zeichen der Nachhaltigkeit neu ausrichten soll, fasst die Ergebnisse einer Umfrage seiner Agentur unter Bewohnern zusammen: Mallorca werde für seine Schönheit und Lebensqualität geschätzt, es herrsche jedoch Sorge um die Vermassung der Insel und deren Identitätsverlust. Aber gemeinsam werde man es schon hinbekommen. „Das Beste liegt noch vor uns.“
Nachhaltigkeit und Wachstum, die beiden Begriffe nennt Zoritsa Urosevic, Exekutivdirektorin von UN Tourism, praktisch in einem Satz. Der Einbruch durch die Pandemie im weltweiten Tourismusgeschäft ist überwunden, die Zahl der Reisenden soll weiter steigen, die der Umsätze erst recht: „Tourismus ist ein attraktiver, globaler Wachstumsmarkt.“ Urosevic erklärt, wie man bei UN Tourism derzeit daran arbeite, Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit nicht nur regional und national, sondern auch global statistisch zu erfassen und diese Daten der Politik zur Verfügung zu stellen. Ein besonderes Augenmerk liege aber stets auf den Balearen, dem Tourismus-Pionier. „Die Welt schaut auf Mallorca und wie Sie den Wandel meistern.“
Demonstranten vor dem Eingang
Experten aus Malta und Italien, Costa Rica und Mexiko, Malaysia und Singapur – so international die Beiträge, so unvollständig das Bild nach Meinung von Umweltaktivisten vor Ort. Sie organisieren am Donnerstag eine Gegenveranstaltung in Palma, und vor dem Kongresszentrum des Luxushotels Zoëtry im ländlichen Llucmajor begrüßt ein Häuflein Demonstranten die Gäste mit einem Sprechchor und Transparenten. „Menys turisme, més vida“ (Weniger Tourismus, mehr Leben) ist darauf zu lesen, das Motto der bisherigen Demonstrationen auf der Insel, oder die Forderung „Stop Greenwashing!“.

Ein Häuflein Demonstranten vor dem Eingang. / Frank Feldmeier
Von derlei Parolen hält Thomas Ellerbeck wenig. „Die Analyse muss unpolitisch sein“, so der Chief Sustainability Officer der Tui-Gruppe im Gespräch mit der MZ. Die Initiative der balearischen Landesregierung, einen partizipativen Prozess einzuleiten und alle Beteiligten an runde Tische zu bringen, mache auf ihn einen sehr positiven Eindruck. Teilnehmer hätten geäußert, dass sie schon lange auf ein solches Dialogangebot gewartet hätten, so der Tui-Manager, der in seinem Vortrag eine Lanze für den Pauschaltourismus bricht, schließlich habe dieser im Gegensatz zur Ferienvermietung keine negativen Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt.
Wichtig sei, ins Gespräch zu kommen, die Argumente der anderen zu verstehen und auf konkrete Fortschritte statt auf Maximalforderungen zu setzen, argumentiert Ellerbeck. „Viele kleine Rucke ergeben zusammen den großen Ruck.“ Wenn es beispielsweise um Kreuzfahrtschiffe gehe, solle man die Zahl der Ankünfte regulieren – das geschieht bereits – und dafür sorgen, dass sie während der Zeit im Hafen auch Landstrom nutzen könnten.
Kreuzfahrt im Zeichen der Biodiversität
Um die großen Pötte, Feindbild von Aktivisten und Demonstranten auf Mallorca, geht es auf dem Nachhaltigkeitskongress auch noch in einem ganz anderen Kontext. So berichtet Nicole Yeomans vom britischen Unternehmen Nature Metrics über ein Projekt mit dem Kreuzfahrtkonzern MSC und dessen Stiftung MSCF, bei dem die Biodiversität in den Meeren gemessen wird: Mittels Umwelt-DNA, die Organismen in geringen Mengen an die Umwelt, also ins Wasser abgeben, lässt sich nachweisen, welche Arten an welchen Orten im Meer vertreten sind. Mehr als 3.000 verschiedene Spezies habe man auf diese Weise ermittelt, von Phytoplankton über Vögel bis hin zu Walen.
Klaus Klaas Loenhart, Leiter des Instituts für Architektur und Landschaft an der TU Graz, will die Natur zurück in den Arbeitsalltag der Menschen holen. Im Projekt eines „bioregionalen Reiseziels“ hat er mit einer Studentengruppe errechnet, wie Brachland auf Mallorca landwirtschaftlich erschlossen und zur Herstellung von Pflanzenkohle verwendet werden könnte. Die von Köhlern jahrhundertelang eingesetzte Technik könne dann unter ökologischen Vorzeichen genutzt und den Urlaubern vorgeführt werden.

Blick ins Publikum / Consell
"Nachhaltigkeit mit Herz"
Insgesamt sind Wissenschaftler und Ökologen aber in der Minderheit, und der Begriff Nachhaltigkeit wirkt wie ein Etikett, das vielseitig einsetzbar ist. Susanna Sciacovelli, im Inselrat für „Nachfrage und Gastfreundschaft“ zuständig, spricht von „Nachhaltigkeit mit Herz“. Sie zeige sich etwa darin, dass man den Kongressteilnehmern das ländliche Mallorca zeige und Produkte von hier wie die Ensaimada auftische. Nie zuvor habe man die Einheimischen so sehr in die Tourismuspolitik einbezogen. Neben einem „verantwortlichen Tourismus“ spricht sie auch von einem „regenerativen Tourismus“.
Bei so viel schönen Worten und Ideen wirkt Professor Jafar Jafari fast wie eine Spaßbremse. Er appelliert, neben Urlaubern und Bewohnern auch mit Tourismusangestellten zu sprechen, und dies in regelmäßigen Abständen, um sich so ein vollständiges Bild zu verschaffen – wissenschaftlich erhobene Daten, die die Unternehmen zur Kenntnis nehmen sollten. Bei Medizinern oder Ingenieuren seien Forschung und Praxis ja auch nicht durch eine Kluft voneinander getrennt.
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