Hochwasserrisiko, vergessene Geschichte, ungenutztes Biotop: Unterwegs am "großen" Sturzbach von Mallorca
Der Torrent Gros, der in Palmas Viertel Molinar ins Meer mündet, ist praktisch unsichtbar. Radfahrt an einem Sturzbach mit weitgehend ungenutztem Potenzial

Im Viertel Sa Cabana (Marratxí) ist der Sturzbach auf einem kurzen Teilstück renaturiert. / Frank Feldmeier
Der Weg führt über eine Schlaglochpiste, vorbei an Industriebetrieben, die wirken, als wären sie längst aufgegeben worden. Unbeirrt radelt Lluís Gené weiter, biegt auf einen Trampelpfad ein, der in einen schmalen Fußweg direkt neben der Inca-Autobahn mündet. Dann stehen wir auf einer Brücke, mit der Geräuschkulisse einer Autobahnraststätte im Rücken sowie einem Grundstück voller Bauschutt vor uns und können endlich das Flussbett sehen. Hier verläuft der Torrent Gros (wörtlich: großer Sturzbach). Nach den intensiven Regenfällen der vergangenen Tage führt der Sturzbach bei einer Breite von wenigen Metern an dieser Stelle gerade mal knietief Wasser.
„Das Flussbett wirkt fast lächerlich. Aber hier kommt rund ein Drittel des Wassers durch, das von der Südseite der Tramuntana Richtung Meer fließt, alles zwischen Esporles und dem Tal von Orient“, erklärt der Landschaftsarchitekt, der sich in seiner Masterarbeit an der Universitat Oberta de Catalunya intensiv mit dem Torrent Gros auseinandergesetzt hat.

Von Esporles bis Orient reicht das Einzugsgebiet des Torrent Gros. / KARTE: LLUÍS GENÉ
Die Arbeit, die gleichzeitig ein Projektvorschlag zur Umgestaltung und Renaturierung des Flussbetts ist, erzählt davon, wie die angrenzenden Gemeindeteile im Laufe des 20. Jahrhunderts ohne Rücksicht auf die Hochwasserrisiken gewachsen sind, aber auch davon, wie dies mit dem Rücken zum Sturzbach geschah. Was ein grüner Korridor und ein Naherholungsgebiet sein könnte, wirkt auf weiten Strecken wie eine schlecht gepflegte Abwasserrinne. Das zeigt der Radausflug mit dem Wissenschaftler im Mündungsgebiet, der im Rahmen des Festivals Open House stattfindet.

l Berge mit Bauschutt, Graffiti und Verkehrslärm: Blick auf den Torrent Gros auf Höhe der Inca-Autobahn. l Im Viertel Sa Cabana (Marratxí) ist der Sturzbach auf einem kurzen Teilstück renaturiert. | FOTOS: FRANK FELDMEIER
Beton statt Auen
Das Flussbecken umfasst gut 230 Quadratkilometer, das Flussbett ist durchschnittlich zehn Meter breit und fünf Meter tief. Die meiste Zeit des Jahres führt der Sturzbach kein Wasser, bei normalen Niederschlägen sind es rund 20 Kubikmeter pro Sekunde, bei Extremwetter bis zu zehn Mal so viel. Wegen des ausgedehnten Einzugsgebiets und der dichten Besiedlung ringsum gilt für den Torrent Gros die höchstmögliche Kategorie hinsichtlich des Überschwemmungsrisikos. Der Umstand, dass ein Teil des Flussbetts zubetoniert und im schlimmsten Fall nicht gereinigt ist, erhöht die Gefahr noch zusätzlich.
Dass die Fluten anschwellen wie vor gut zwei Wochen in der Region Valencia geschehen, ist an diesem Tag schwer vorstellbar. Ein Stück entfernt von der Autobahn, im Viertel Sa Cabana in der Gemeinde Marratxí, plätschert das Wasser über niedrige Stromschnellen. „Hier ist einer der wenigen Abschnitte, in denen der Torrent Gros gut behandelt wird“, formuliert es Gené. Steine und Felsbrocken statt Beton, Bäume und Sträucher, direkt daneben verläuft ein Fahrradweg. Zumindest eine Straße trennt das Flussbett von den nächsten Wohnhäusern.

Der unsichtbare Fluss
Was Marratxi hier auf kleinem Raum angegangen habe, weise in die richtige Richtung für eine groß angelegte Renaturierung, sagt Gené: Die ursprüngliche Vegetation aus Zürgelbäumen sowie in deren Schatten wachsenden Beerensträuchern und Schilf anpflanzen und damit das frühere Bioklima wieder herstellen. Das Flussbett breiter und durchlässig machen, damit ein Teil des Wassers in den Untergrund sickern und die Grundwasservorkommen auffüllen kann, statt wie jetzt nur ins Meer abzufließen. Und schließlich Fußgängerstege anlegen, um die kilometerlange Trennungslinie des Sturzbachs zu überwinden. Gerade Letzteres sei kein großer finanzieller Aufwand, argumentiert Gené. Dass das bislang nicht geschieht, dürfte seinen Grund nicht zuletzt in der Tatsache haben, dass der Torrent Gros gleichzeitig auch die Grenze zwischen den Gemeinden Palma und Marratxí ist – ein Gebiet, für das sich offenbar keines der beiden Rathäuser so richtig zuständig fühlt, obwohl die Siedlungen längst zusammengewachsen sind.
An der „Brücke von Inca“
Deutlich wird das an der nächsten Station, der Brücke auf dem Carrer Aragó – Pont d’Inca –, die gleichzeitig auch dem Viertel seinen Namen gibt. Bevor der Torrent Gros unter der viel befahrenen Durchgangsstraße hindurchführt, verbindet er sich mit dem Torrent de Coanegra, der bei Orient entspringt und durch den Wald von Salt des Freu und Santa Maria bis hierher führt – wenn er denn Wasser führt. Es ist ein Ort mit Geschichte: Als Palma noch von einer Stadtmauer umschlossen war und nachts die Tore schloss, machten hier an der Stadtgrenze viele aus Inca kommende Reisende halt. Es gab Herbergen, und zahlreiche Betriebe siedelten sich an, darunter die Fabrik Sa Garrovera, eine Getreidemühle sowie die Bodegas Suau.

Der Torrent Gros durchfließt auf dem Weg von der Tramuntana zum Meer Agrar- und Brachland (rot) sowie Siedlungs- und Gewerbegebiet (grau). / KARTE: LLUÍS GENÉ, MARION DÖRR
Zum Meer ist es eigentlich nicht mehr weit hin. Aber der Weg, den das Wasser Richtung Molinar nimmt, ist für Fußgänger und Radfahrer nur schwer passierbar. Weil der Sturzbach gerade Wasser führt, muss Gené seine ursprünglich geplante Route, die das Flussbett durchkreuzt, spontan ändern. „Heute könnte Pont d’Inca fast so etwas wie ein maritimes Viertel sein, wenn es einen grünen Korridor entlang des Sturzbachs gäbe.“ Stattdessen steuert der Mallorquiner die nächste Nebenstraße an – wir sind inzwischen auf der zum Stadtbezirk Palma gehörenden Seite, im Viertel Rafal Nou –, um auf Umwegen wieder irgendwie zum Ufer zurückzufinden.
Trampelpfade statt Stege
Es herrscht so etwas wie Hinterhof-Feeling entlang des weiteren Verlaufs des Torrent Gros bis hin zur alten Landstraße nach Sineu. Alle Straßen, die auf den Sturzbach treffen, sind Sackgassen, enden an graffitibeschmierten Mauern oder im Nichts. Auf großen Schildern wird Brachland zum Verkauf angeboten – Überschwemmungsgebiet, inzwischen wenig attraktiv für Investoren. Dabei reicht die Besiedlung zum Teil bis zum Ufer, es sind ganz offensichtlich sich überlassene, illegale Bauten.
Dass so mancher Anwohner eine Abkürzung durch den meist trockenen Sturzbach nimmt, ist an Trampelpfaden und improvisierten Treppenstufen zu erkennen – camins de desig nennt sie Gené, wörtlich „Wunschwege“. Kein Wunder, auf einer Länge von fünf Kilometern gibt es gerade mal drei Brücken. 18 neue Übergänge über den Torrent Gros schlägt der Architekt deswegen in seiner Masterarbeit vor. Auch das eine oder andere Kulturerbe würde dadurch wieder leichter zugänglich gemacht und aus der Vergessenheit geholt werden könnte – Windräder (molins), Schöpfräder (sínies), Wasserspeicher (safareigs), Zeugnisse der früheren landwirtschaftlichen Nutzung, die sich gerade in diesem Bereich zahlreich finden.
Modell für weitere Sturzbäche
Damit einher gehen die Pläne zur Renaturierung. Denn nicht nur das Flussbett sollten nach der Vision von Gené wieder begrünt, auch die umliegenden Wege vom Asphalt befreit werden – je weniger Versiegelung des Untergrunds, desto weniger Hochwassergefahr. Vervollständigen könnte das Konzept eines parc fluvial sogar die Kläranlage neben der Flughafen-Autobahn, deren veraltete Installationen jetzt durch einen Neubau ersetzt werden sollen: Gené schlägt vor, mit dem gereinigten Wasser ein Feuchtgebiet zu schaffen.
Viele Ideen des Projektvorschlags ließen sich auch auf die benachbarten Sturzbäche übertragen, die zum Teil ähnliche Risiken und ähnliches Potenzial bieten – vom Torrent de sa Riera am Paseo Marítimo über den Torrent d’en Barberà in Portitxol bis hin zum Torrent des Jueus in Arenal. „Wir könnten die Natur vor der Haustür haben und müssten dafür nicht extra bis Lluc fahren“, so Gené.
Die Radfahrt mit dem Architekten endet mitten im Viertel Rafal. Als Tipp für den kürzesten Weg zurück nach Marratxí zeigt Gené noch den Camí Moliners, einen versteckten Trampelpfad, der von hier direkt durch den bereits im Dunkel liegenden Sturzbach führt. Unten angekommen, erweist sich die Abkürzung als nicht passierbar. Der Pegel ist zu hoch.
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