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Entrevista | Pedro Mercant Vorsitzender des Fischereiverbands OPMallorcamar

"Dominoeffekt": Streikende Fischer warnen vor Aus des gesamten Sektors auf Mallorca

Ein neuer EU-Vorschlag zur Limitierung der Schleppnetzfischerei sorgt auch auf Mallorca für Ärger. Am Montag (9.12.) und Dienstag streiken die Fischer der Insel. Im MZ-Interview schlägt der Vorsitzende des Fischereiverbands auch im Namen der Konsumenten Alarm

Der Vorsitzendes von Mallorcas Fischereiverband, Pedro Mercant, vor der Lonja in Palma

Der Vorsitzendes von Mallorcas Fischereiverband, Pedro Mercant, vor der Lonja in Palma / OPMallorcamar

Sophie Mono

Sophie Mono

Die Fischer auf Mallorca streiken. Am Montag (9.12.) und Dienstag bleiben alle Boote und Schiffe in den Häfen. Grund dafür ist eine von der EU-Kommission angedachte Reduzierung der Fangtage mit Schleppnetzen - zugunsten der Umwelt. Pedro Mercant, Vorsitzender des Fischerverbands OPMallorcamar, ist sich sicher: Die Folgen für die gesamte Branche und letztlich auch die Konsumenten sind verheerend. Warum, erklärt er im Interview.

Kurz zusammengefasst: Warum streiken die Fischer auf Mallorca und in ganz Spanien?

2020 hat der EU-Kommissar für Fischerei eine Regelung auf den Tisch gebracht, die zum Ziel hatte, das Arbeitsvolumen der Schleppnetzboote im Mittelmeer um 40 Prozent zu reduzieren. Das bedeutete, dass wir statt 200 Tage im Jahr zu arbeiten auf 120, 130 Tage jährlich runtergegangen sind. Dieser sehr ambitionierte Plan war für uns Fischer ein Kraftakt. Auf Mallorca haben wir dadurch in den vergangenen vier Jahren drei von zuvor 22 Booten verloren. So zu überleben ist für uns nicht leicht, aber dank einiger staatlicher Hilfen schaffen es die anderen Boote, durchzuhalten. Wir Fischer haben das Gefühl, an unsere Grenzen gekommen zu sein, aber wir haben uns damit arrangiert.

Das Problem sind die neuen Regelungen?

Genau. Nach all den Jahren der Anstrengung hat die EU-Kommission für Fischerei nun im letzten Moment eine neue Regelung aus der Tasche gezaubert, über die die Länder am 9. und 10. Dezember abstimmen sollen. Sie besagt, dass das Arbeitsvolumen der Schleppnetzfischer im Mittelmeer um weitere 75 Prozent reduziert werden soll. Das bedeutet, dass wir nächstes Jahr pro Boot, auf dem sechs Menschen fest angestellt sind, nur noch 30 Tage im Jahr arbeiten dürfen. Kein Unternehmen der Welt kann so existieren. Die Regelung ist so nicht umsetzbar. Es sei denn, das Ziel ist es, die Schleppnetzfischerei komplett auszurotten. Und da müssen wir natürlich protestieren.

Wie viele Arbeitnehmer auf Mallorca sind davon betroffen?

Wie gesagt, es sind 19 Boote. Auf jedem Boot sind etwa 5 bis 6 Personen. Aber das ist nur ein Bruchteil der Betroffenen. Es ist wie ein Dominoeffekt. Im Vergleich zum gesamten Fangvolumen auf der Insel ist das der Schleppnetzboote sehr hoch, es macht mehr als 70 Prozent des gesamten Fischverkaufs aus. Nun muss man wissen, dass die Fischer in ihren Häfen in Zünften organisiert sind. Nehmen wir das Beispiel Cala Ratjada: Dort gibt es drei Schleppnetzboote, und etwa ein Dutzend weitere Fischerboote. Alle sind vereint, und alle müssen den Fisch jeden Tag nach Palma bringen lassen, um ihn dort verkaufen zu können. Dieser Transport kostet Geld. Hinzu kommen Kosten für Kühlkammern am Hafen. Damit all das möglich ist, zahlt jedes Boot Geld, und zwar anteilmäßig am Fangvolumen. Diejenigen, die all dies möglich machen, sind also die Schleppnetzfischer. Wenn sie verschwinden, dann werden es auch die kleinen Fischerboote sehr schwer haben zu überleben, um nicht zu sagen unmöglich. Und auch die Verkaufszentralen in Palma, die lonja, hat keinen Sinn, wenn es keine Schleppnetzfischerei mehr gibt. Man könnte sie nicht aufrechterhalten. Dann müssten die Fischer den Fisch wieder wie einst mit einem Karren an der Straße verkaufen.

Es wäre also das Aus der gesamten Fischerei auf Mallorca?

Ja. Außerdem fangen die Schleppnetzfischer Fischarten, die die anderen nicht beisteuern können. Garnelen beispielsweise kann man nicht anders fangen. Die Konsumenten sorgen sich wegen unseres Streiks, das sie für Weihnachten vielleicht keine Garnelen bekommen. Aber ich sorge mich um das ganze Jahr. Auch Kalmar, Oktopus und moralla (kleine Fischarten am Meeresgrund, Anm. d. Red.) – es gibt viele Meerestiere, die man nur mit Schleppnetzen fangen kann. Und es sind sehr beliebte Arten hier auf Mallorca, weil sie auch für viele typische Gerichte genutzt werden. Täglich werden auf den Wochenmärkten der Insel unsere Produkte verkauft. All das würde verloren gehen. Und auch in der Gastronomie sind diese Fische sehr wichtig. Und deshalb muss man kämpfen.

Konsumenten müssten sich also auf Ihre Seite schlagen?

Der Konsument muss verstehen, dass wir nicht streiken, weil wir zu wenig verdienen oder so etwas. Sondern weil wir ein wichtiger Sektor sind. Überlegen Sie mal: Garnelen aus Sóller, Caproig (Roter Drachenkopf, Anm. d. Red.) aus Cala Ratjada, Langusten aus Menorca – all diese Produkte würden ohne Fischer nicht auf dem Teller landen.

Können Sie denn auch die Kritik verstehen? Schleppnetzfischerei ist nunmal erwiesenermaßen nicht gerade umweltfreundlich.

Ich glaube, die Schleppnetzfischerei ist ein bisschen das hässliche Entlein. Es ist zu einfach, ihr die Schuld an all den Problemen zuzuschieben, die das Mittelmeer hat. Auf dem Meeresboden liegt viel Müll herum, der uns nicht gehört, es gibt klimatische Veränderungen. Ich glaube nicht, dass die Fische nicht hier sind, weil Schleppnetzboote unterwegs sind. Abgesehen davon haben wir dieses Jahr mehr Garnelen gefangen als jemals zuvor, und Seehechte auch. Und das, obwohl wir weniger Tage ausfahren als früher. Warum ist so viel Fisch da, wenn doch alles so schlecht läuft? Die Schleppnetzfischerei ist die weltweit am meisten regulierte und überwachte. Für jeden Tag braucht es eine Ausfahrterlaubnis. Die maximale Stundenzahl ist vorgegeben, die Leistu ng des Motors, die Netzform. Dann sind spezielle Kontrollgeräte Pflicht. Wir sind nicht die Unschuld vom Lande, aber wir sind auch nicht der Teufel.

Was wäre denn ein fairer Kompromiss?

Wir haben den Vierjahresplan unterstützt, haben uns auf die 130 Fangtage eingelassen. Das sind schon 40 Prozent weniger, als wir vorher ausgefahren sind. Wir können das alles nachvollziehen. Natürlich muss man offen sein für Umweltschutzmaßnahmen und alles reglementieren. Aber man darf dabei der Fischerei nicht den Garaus machen.

Glauben Sie, der Streik kann überhaupt etwas bewirken?

Das Fischereiministerium in Madrid unterstützt uns, sie glauben auch, dass es eine Frechheit ist, was da in Brüssel vorgeschlagen wurde. Das haben sie uns zumindest gesagt. Die Regierungen der Autonomen Gemeinschaften wie die Balearen-Regierung auch. Es gibt sogar Umweltschutzorgansationen wie Oceana, die immer der Feind der Schleppnetzfischerei waren und die neue Maßnahme auch nicht unterstützen, weil sie die Fischerei nicht zerstören wollen. Es geht um viel Geld, viele Arbeitnehmer – nicht nur die Fischer, sondern auch die Händler, die Transporteure, die Restaurants. Die Regierungen von Spanien, Italien und Frankreich beispielsweise wollen bei der Abstimmung ihr Veto einlegen. Aber ich will es schriftlich haben, dass die Pläne eingestampft werden.

Am Montag und Dienstag fährt also keines der 19 Boote aus?

Nein, sie bleiben alle im Hafen. Nicht nur sie, sondern alle Fischerboote von Mallorca. Alle unterstützen die Schleppnetzfischer. Einige sind zur Demo nach Madrid gefahren, andere bleiben auf der Insel und machen hier Lärm. Ich bin im Hafen von Palma. Auch Verkäufer sind dabei, Bootsreparateure, alle möglichen Leute. Und sogar einige Umweltschützer, die uns unterstützen.

Abgesehen vom aktuellen Streik mal Hand aufs Herz: Hat die Schleppnetzfischerei mittel- und langfristig wirklich eine Zukunft?

Ich glaube, wenn wir die Sachen gut machen, dann ja. Das Gute auf Mallorca ist, dass wir hier viel Küste und zehn Häfen haben. Die Schleppnetzboote sind gut verteilt. In keinem der Häfen sind mehr als drei Schleppnetzboote, in manchen nur eins oder zwei. Wenn jemand denkt, dass drei Boote bei all den Auflagen, die beachtet werden, es schaffen, den ganzen Fischbestand in dem jeweiligen Meeresgebiet leerzufischen, dann vertut er sich. In Cala Ratjada sind wir beispielsweise sehr froh, dass wir eine Möglichkeit gefunden haben, umweltfreundlicher zu fischen. Dort haben die Bootsführer eine neue Technik eingebaut, bei der die Netze nicht mehr direkt über den Meeresboden gezogen werden. Das war eine sehr große Investition und dabei wurde immer an die Zukunft gedacht. Wir glauben daran, dass wenn wir investieren und uns weiterentwickeln, in der Lage sind, mit der Umwelt in Einklang zu sein. Und dann können wir auch über lange Zeit weiter bestehen. Wir sehen ein, dass wir dafür etwas tun müssen. Aber wir wollen dabei nicht untergehen.

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