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Lesung in Llucmajor: Autorin Charlotte Kerner hilft beim Nach- und Umdenken in der Klimakrise

In "We are Volcanoes" präsentiert die renommierte Autorin das Leben und Werk dreier US-Biologinnen. Rachel Carson, Lynn Margulis und Donna Haraway zeigten Wege auf, das Leben auf der Erde neu zu begreifen und somit zu schützen

Charlotte Kerner signiert im April 2024 ihr Buch "We are Volcanoes" auf der Buchmachermesse in Lübeck.

Charlotte Kerner signiert im April 2024 ihr Buch "We are Volcanoes" auf der Buchmachermesse in Lübeck. / Privat

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Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Es war eines der originellsten Sachbücher von 2024: „We are Volcanoes. Die Öko-Visionärinnen Rachel Carson, Lynn Margulis, Donna Haraway“. Die für ihre Frauenbiografien bekannte deutsche Autorin Charlotte Kerner verwebt darin auch in fiktionalen Teilen das Leben und Werk dreier US-amerikanischer Biologinnen, die sich mit nichts weniger beschäftigten als unser Verhältnis zu anderen Lebewesen und unserer Verortung in der Welt. Kerner, die einen Teil des Buches in ihrem Haus in Pollença schrieb, liest daraus am Sonntag in der Bodega & Salon Can Gats in Llucmajor.

Sie haben ein anregendes, aber auch abgefahrenes Buch geschrieben. Um uns Mut zu machen, dass wir hier noch lebend rauskommen?

In einem Punkt widerspreche ich entschieden: Abgefahren ist hier nichts, provozierend manchmal, und dabei immer für Laien verständlich, das ist mir wichtig. Alle Gedankenspiele haben eine reale Grundlage: die Arbeit dieser drei Frauen, die vorausgedacht haben. Und ja, das Buch macht auch Mut. Weil die Lektüre Gedankengänge aufzeigt, die uns in diesen Zeiten der Klimakrise helfen, nicht zu resignieren.

Das Buch

Charlotte Kerner, „We are Volcanoes. Die Öko-Visionärinnen Rachel Carson, Lynn Margulis, Donna Haraway“, Verlag Westend, 230 Seiten, 24 Euro (Kindle 19 Euro).

Wer war Rachel Carson (1907–1964) und was macht sie so bemerkenswert?

Carson war die Erste, die für ein breites Publikum formulierte, was heute selbstverständlich ist: dass wir nicht von der Natur umringt, sondern Teil von ihr sind. Überspitzt gesagt: Eine „Verpflichtung für ein nachhaltiges Mallorca“, wie es neulich in Ihrer Zeitung zu lesen war, wäre ohne Carson so niemals geschrieben worden. Sie hat schon 1962 mit ihrem Buch „Der stumme Frühling“ ein ökologisches Denken angestoßen. Zuvor hatte diese Naturschriftstellerin bereits drei Bestseller über das Meer geschrieben, in denen sie die Rolle der Ozeane für das Klima erklärte oder wie anders Tiere die Welt wahrnehmen – das sind radikal moderne Ansätze.

Die US-Biologin Rachel Carson auf einer Illustration aus dem Buch "We are Volcanoes" von Charlotte Kerner (Verlag Westend )

Die US-Biologin Rachel Carson auf einer Illustration aus dem Buch "We are Volcanoes" von Charlotte Kerner (Verlag Westend ) / Andrea Cochius

Was ist mit Lynn Margulis (1938–2011)?

Lynn Margulis hat gezeigt, wie Bakterien unsere Welt mitgeformt haben. Auch in unseren Körpern stehen wir mit ihnen im Austausch. Sie hat die Bedeutung der Symbiose in der Evolution erforscht– ergänzend zum Prinzip der Konkurrenz: Lebensformen tun sich zusammen und stoßen neue evolutionäre Entwicklungen an. Ständig gibt es dazu neue Forschungsergebnisse, etwa wie die Pilze im Wald die Bäume unterstützen. Margulis hat auch die Sicht auf die Erde revolutioniert: Zusammen mit James Lovelock entwickelte sie die Gaia-Theorie, benannt nach der griechischen Erdgöttin. Das hat jedoch nichts mit Esoterik zu tun. Lovelock begreift unseren Planeten als komplexes Lebewesen, Margulis spricht lieber von einem Geflecht von Ökosystemen. Wie funktionieren der Sauerstoff- oder Wasserkreislauf, warum können wir auf diesem Planeten überleben?

Bleibt noch Donna Haraway (*1944).

Sie ist sicherlich die Schwierigste. Deshalb habe ich mich auf einen zentralen Aspekt ihres Werks konzentriert. Einfach gesagt: Homo sapiens ist nicht die Krone der Schöpfung. Wenn überhaupt sind wir Mit-Wesen, Gefährtinnen. Haraway beschreibt anregend und mit innovativen Begrifflichkeiten die Gleichberechtigung aller Lebensformen und fordert den Respekt vor der Andersartigkeit ein. Immer wieder wagt sie dabei auch Science-Fiction-Experimente. Hier hat sie mich schon länger inspiriert, auch in diesem Buch.

Alle drei sind Wissenschaftlerinnen. Gibt es etwas, was ihre Wissenschaft weiblich macht?

Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Wissenschaft, aber es spielt eine Rolle, welche Fragen gestellt und welche Zusammenhänge hergestellt werden. Den Ökofeminismus zeichnet die Einbeziehung aller Aspekte des Lebens aus. Auch sonst waren und sind oft mutige Denkerinnen daran beteiligt, wenn Neues in der Wissenschaft aufkommt.

Spielt vielleicht auch eine ausgeprägtere Empathie für andere Lebewesen eine Rolle?

Ja, Frauen trauen sich eher, Gefühle zuzulassen. Das ist etwas, was Rachel Carson, aber auch Haraway immer wieder betonen: Wenn du etwas begreifst, bewunderst und radikal liebst, willst du es schützen. Diese Emotionen spielen eine große Rolle – für jede und jeden von uns. Auch wenn es um den Naturschutz auf Mallorca geht.

Die Lesung

Charlotte Kerner liest aus ihrem Buch am Sonntag (12.1, 12 Uhr) in der Bodega & Salon Can Gats in Llucmajor (Carrer de Sant Pere,4, 07620 Llucmajor). Einlass ist ab 11.30 Uhr. Im Eintrittspreis von 45 Euro sind ein Sektempfang, ein hausgemachtes Menü und Getränke inkludiert. Die Teilnahme ist nur mit Anmeldung möglich: can-gats.com oder über die E-Mail: Iflohr.santanyi@gmail.com oder Tel./WhatsApp: 690-21 87 09.

Welche Rolle spielen die historischen Frauenfiguren, die in Ihrem Buch immer wieder auftauchen?

Ich wollte Verflechtungen durch die Zeiten aufzeigen, etwa mit einer Ahnin wie der Insektenforscherin Maria Sibylla Merian. Heute werden deren Schmetterlingsbilder auf der Biennale von Venedig ausgestellt. Im 17. Jahrhundert war sie als Hexe verschrien, weil sie die Metamorphose der Falter wissenschaftlich erforschte und den Aberglauben bekämpfte. Als Hexe wurde übrigens auch Rachel Carson noch in den 60er-Jahren von ihren Gegnern aus der chemischen Industrie beschimpft!

Auch Carson, Margulis und Haraway verknüpfen Sie, indem sie Gespräche zwischen ihnen erfinden. Warum?

Haraway hat viel von Margulis gelesen, sie haben sich brieflich, aber kaum persönlich ausgetauscht. Das Buch „Silent Spring“ kannten beide und zitierten es. Leider war Rachel Carson schon verstorben, als die zwei anderen im Jahr 1964 noch am Anfang standen. Mit dem Wissen von heute betrachtet, entstehen Berührungspunkte und spannende Spiegelungen von Gedanken. Ich lasse die drei deshalb untereinander und mit dem Lesenden in einen Austausch treten. Außerdem erzähle ich wie nebenbei davon, wie diese unterschiedlichen Frauen ab den 50er-Jahren immer freier leben konnten.

Statt von der „Letzten Generation“, sollten wir lieber von der „Ersten Generation“ sprechen, schreiben Sie. Was meinen Sie damit?

Die „Letzte Generation“ hat inzwischen selbst den Namen abgelegt. Auch für mich klang es zu sehr nach Abgesang. Wir sind positiv gewendet die erste Generation, die vielleicht wirklich begriffen hat, um was es auf diesem Planeten geht. Ab jetzt wird gehandelt. Heute liegt alles auf dem Tisch, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch.

Das vierte und letzte Kapitel ist reine Science-Fiction. Sie malen aus, was nun folgen könnte, etwa die Symbiose mit den Maschinen. Müssen wir uns damit abfinden?

Die Frage ist, welche Form von künstlicher Intelligenz, welche Maschinen wir in Zukunft haben werden. Wie jede Technik kann sich diese Entwicklung gegen den Menschen wenden. Aber vielleicht gibt es auch Formen und Arten des Zusammenlebens, wo wir uns neue Regeln geben, miteinander auskommen und mit der Natur andere Lebensformen evolutionieren – und ich denke da jetzt nicht an Roboter, die wie wir aussehen. Noch einmal zur „Letzten Generation“: Was heute an vielen Stellen klar wird, ist, dass wir nicht in hundert Jahren ausgestorben sein werden. Wir müssen in planetarischen Dimensionen denken. Selbst wenn die Durchschnittstemperatur um 1,8 oder 2 Grad steigen wird, endet das Erdenleben nicht in hundert Jahren. Es werden sich Dinge entwickeln, die wir noch nicht absehen können, im Zusammenspiel von menschlichem und anders- und mehr-als-menschlichem Leben. Das sind doch auch spannende Aussichten.

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