Wilde Ziegen auf Mallorca: Warum sie ein Problem sind, das man nur schwer in den Griff bekommt
Die gefräßigen Tiere richten auf der Insel viel Schaden an. Doch an der Kontrolle der Population scheiden sich die Geister – und manche wittern ein Geschäft

Für die Pflanzenwelt macht es keinen Unterschied, ob es sich um einen stattlichen boc balear, wie hier am Cap de Formentor, oder um eine verwilderte Hausziege handelt. / B. Rohm
Welche Ziegen gibt es hier?
Schwindelfrei, oft zutraulich, äußerst zahlreich: Ziegen sind das einzige Großwild, das sich auf Mallorca tummelt. Nur bei einem kleinen Teil handelt es sich um die einheimische mallorquinische Wildziege (boc balear, auch cabra fina genannt): Sie ist etwa 70 Zentimeter groß, wiegt 30–50 Kilogramm und hat eine rotbraune Farbe mit schwarzem Fell an Rücken und Beinen. Streng genommen ist sie gar nicht einheimisch, denn während die heimische Höhlenziege (Myotragus balearicus) ausstarb, wurde der boc balear einst von den ersten Siedlern auf die Insel gebracht. Nach Angaben des Inselrats sind 80–90 Prozent aber verwilderte Ziegen (cabras bordes oder asilvestradas), die von verlassenen Fincas in der Tramuntana stammen und bis zu diesem Zeitpunkt domestiziert lebten.
Wie sinnvoll die Unterscheidung ist, hängt von der Perspektive ab. „Zoologisch ist das die gleiche Spezies, es sind nur verschiedene Rassen. Und sie verursachen die gleichen Schäden“, sagt Oriol Domènech, Fortstwirt und Co-Autor des Buches „La cabra, espècie invasora a les Balears“ (Die Ziege, eine invasive Art auf den Balearen). Toni Muñoz von der Umweltschutzgruppe GOB stimmt zu: „Sie sind praktisch identisch. Es gibt eine Universitätsstudie, die besagt, dass es kleine Unterschiede bei der Wahl der Nahrung gibt, aber es gibt bei beiden negative Konsequenzen für die Pflanzenwelt.“
Aus Sicht der Jäger – und des Inselrats, der für den Bereich Jagd zuständig und daran interessiert ist, den Jagdtourismus zu fördern – sehe das ganz anders aus: „Es ist das Fundament ihrer Argumentation, dass es sich beim boc balear um eine Art mit besonderem Wert handelt“, so Muñoz. Aber oft treffe man die Ziegen direkt neben der Straße an, in einigen Buchten der Insel stibitzten sie einem sogar den Proviant aus dem Rucksack. „Sie mögen ihren Urahnen ähnlich sehen, doch ihr Verhalten ist in vielen Fällen extrem zahm. Damit geht man natürlich nicht hausieren, denn wenn jemand Tausende von Euro zahlt, um eine Trophäe zu schießen, ist es kontraproduktiv, ihm zu sagen, dass einem diese Art hier praktisch aus der Hand frisst“, sagt der Sprecher vom GOB.
Wie viele Tiere gibt es überhaupt?
Die genaue Zahl der Ziegen ist nicht bekannt, aktuelle Angaben beziehen sich noch auf eine Erhebung von 1997. Die Kontrolle der Population fällt, im Gegensatz zur Jagd, in den Zuständigkeitsbereich der Balearen-Regierung. Ana Torres, Generaldirektorin des balearischen Umweltministeriums, bemüht sich, schnellstmöglich aktuelle Zahlen zu liefern und hat damit ein Unternehmen aus dem Baskenland betraut, die Consultora de Recursos Naturales (CRN). Momentan läuft die dritte und letzte Phase der Initiative, um die tatsächliche Wildziegenpopulation zu ermitteln und einen Kontroll- und Bewirtschaftungsplan zu erstellen.
Toni Muñoz ist darüber nur mäßig euphorisch. Der GOB hätte sich schon vor Monaten mit dem Umweltministerium zusammengesetzt. „Wir sagten ihnen: Es ist egal, ob es 15.000 oder 40.000 Ziegen sind. Die Antwort auf die Frage, ob es zu viele sind, wird einem die Vegetation selbst liefern.“ Herauszufinden, wie viele Exemplare es genau sind, sei pure Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Stattdessen sollte man direkt die Population dezimieren, sagt Muñoz. „Wenn die Legislaturperiode endet und das Einzige, was sie geschafft haben, ist, zu sagen: Wir haben 35.000 Ziegen, dann ist das schön und gut. Aber die Mitarbeiter, die dazu nötig waren, hätten besser eine Situation angehen sollen, die wir bereits kennen.“
Warum sind Ziegen ein Problem?
Forstwirt Domènech weiß genau um diese Situation. „Wenn wir sagen würden, dass es überall in der Tramuntana Schäden gebe, wäre das falsch. Denn es gibt durchaus Gegenden, wo man keine oder nur wenige Ziegen antrifft“, erklärt er. In den Hotspots hingegen sei die Anwesenheit der Tiere ein permanentes und intensives Problem für die Vegetation. Denn dort könnten sich die Waldbestände nur unzureichend regenerieren. „Bei einer hohen Dichte an Ziegen fressen diese die Sprösslinge von Steineichen und Kiefern. Es gibt also keinen Ersatz für sterbende Bäume, die Waldmasse altert. Und das ist sehr schlecht für unsere Wälder“, so der Forstwirt. Je älter die Bäume, desto schwieriger sei die Anpassung an immer extremere Bedingungen durch den Klimawandel.
In zentralen Tramuntana-Gebieten, etwa rund um den Puig Major, gebe es zudem viele endemische Arten, die durch die Ziegen gefährdet seien. Da es sich um verwilderte Haustiere handelt, ist die heimische Flora daran nicht angepasst. Auch erschwerten die Tiere Wiederaufforstungsprojekte. Und bestimmte Gegenden auf Mallorca wie etwa Calvià und Andratx sind besonders betroffen: Dort verirren sich auch immer wieder Ziegen auf die Straße und gefährden so den Verkehr. „In diesen Gegenden gibt es viele Anwesen, die direkt an Waldgebiete mit Ziegen angrenzen. Deshalb ist das Problem dort sichtbarer“, sagt Muñoz. Ziegen hätte eine Dynamik, die von den Jahreszeiten geprägt ist: „Wenn es genug Nahrung in den Bergen gibt, bleiben sie in den Bergen. Aber im Sommer, wenn die Pflanzen trocken sind und knapper werden, ist es für sie viel angenehmer, zu den Gärten hinunterzusteigen.“

Frei laufende Ziegen werden vielerorts zur Gefahr für den Straßenverkehr. / DM
Laut Muñoz überprüfen Umweltbeauftragte schon seit mehreren Jahren bestimmte Wegabschnitte in Waldgebieten der Tramuntana. Für die sichtbaren Anzeichen, was Pflanzenfresser dort anrichten, gebe es ein Bewertungssystem, um die Schäden zu erfassen. „Sie bleiben gleich oder werden sogar schlimmer. Das zeigt uns also klar, dass es zu viele Ziegen gibt.“ Und das sei ein „Umweltproblem ersten Ranges“.
Woran hakt es bei der Kontrolle?
Zweierlei ist klar zu unterscheiden: Die Kontrolle der Population, bei der darauf spezialisiertes Personal unter streng kontrollierten Bedingungen Ziegen eliminiert, und die private Jagd zum Vergnügen, wobei Jäger sich kaum für die verwilderten Hausziegen begeistern. „Hier gibt es gegensätzliche Interessen: Das Umweltministerium will die Biodiversität erhalten, der Inselrat für Ziegenjagd Werbung machen und die Ausbreitung einer speziellen Ziegenart fördern, um sie als Jagdtrophäe zu kommerzialisieren“, so Muñoz.
Ein Problem ist laut Domènech, dass die Öffentlichkeit oft nicht verstehe, dass Ziegen getötet werden, um die Population einzudämmen. Es geschieht diskret, außerdem an Orten und zu Zeiten, wo man sicher sein kann, keine Wanderer damit in Gefahr zu bringen. Selbst der Umweltschutzverband GOB wird von Tierschützern für seine pragmatische Haltung kritisiert. „Wir haben natürlich kein Interesse daran, dass Ziegen sterben oder leiden. Aber wir wollen auch nicht, dass Pflanzenarten verschwinden, was die übrige Fauna in Mitleidenschaft zieht“, sagt Muñoz. Ihr Ansatz sei auf das Ökosystem fokussiert. Und momentan gebe es keine effektive und durchführbare Alternative.
Bei der Kontrolle sei die Situation seit Jahren festgefahren, sagt Domènech. Das habe mehrere Gründe. „Die Struktur der Grundstücke erschwert die Bewirtschaftung. Rund 90 Prozent von Mallorca ist in Privatbesitz.“ Ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen Fincas zusammensetzt, wo die Regierung nicht ohne Weiteres agieren kann. Hinzu komme noch die Geografie: Viele Orte, an denen die Ziegen herumklettern, sind kaum zugänglich. Das Ministerium kann also nur auf rund zehn Prozent der Gesamtfläche eingreifen, wobei das Töten der Ziegen Kosten verursache und nicht genug Personal vorhanden sei, wie Muñoz betont.
Für den GOB-Sprecher ist klar, dass es hier viel mehr Ressourcen und politischen Willen braucht: Die Regierung müsse Anstrengungen unternehmen, um Vereinbarungen mit den Eigentümern der privaten Landgüter zu treffen. Dazu gebe es eine Maßnahme, vor der sich das Ministerium bis jetzt noch scheue: „Es könnte uneinsichtigen Fincabesitzern sagen: Wenn Sie uns die Kontrolle der Ziegenpopulation auf Ihrem Land nicht gestatten und Sie sich selbst nicht um das Problem kümmern, werden wir gegen Ihren Willen aktiv – und berechnen Ihnen die Kosten für den Einsatz“, so Muñoz.
Was bringt die Jagd auf Ziegen?
Was die Jagd betrifft, so dürfen verwilderte Hausziegen in allen Jagdgebieten der Insel erlegt werden, der boc balear nur in ausgewiesenen Großwildrevieren und unter bestimmten Bedingungen. So findet der Abschuss nur unter der Aufsicht von Großwildführern des Inselrats oder Umweltbeauftragten der Institution statt, zudem muss der Anteil der reinrassigen Tiere auf einer Finca 70 Prozent betragen. Und nur auf diesen zertifizierten cotos de caza mayor darf die Jagd kommerzialisiert werden.

Inselratspolitiker Pedro Bestard mit einer Trophäe auf der Jagdmesse in Madrid. | FOTO: INSELRAT / DM
Wenn ein Fincabesitzer auf seinem Privatgrund ein paar Zicklein für den Eigenbedarf schießt und verzehrt, hat das kaum einen Effekt auf den Bestand. Ob es aber bei der professionellen Jagd so viel anders aussieht, ist zumindest diskutabel. Muñoz nennt als Beispiel die Halbinsel La Victòria in Alcúdia, das älteste Großwildrevier Mallorcas auf öffentlichem Grund. „Das Landgut ist sehr groß, und die Ziegen sind nicht homogen verteilt. Sie halten sich in den tieferen Zonen mit ansprechender Vegetation auf.“ Wenn die Jäger also die niedrige Gesamtdichte der Ziegen anführen, um zu belegen, dass sie die Population unter Kontrolle hätten, sei das nur bedingt aussagekräftig.
Nichtsdestotrotz bemühen sich die Jäger der Insel seit einiger Zeit um die Verbesserung ihres Images. Allen voran Pedro Bestard von der Rechtspartei Vox, Vizepräsident im Inselrat und ehemaliger Vorsitzender des balearischen Jagdverbands. Er kündigte Ende März Pläne an, die Wildziegenjagd auf den öffentlichen Landgütern des Inselrats zu legalisieren. Dabei führte Bestard ins Feld, dass dies auch der Populationskontrolle dienlich sei und somit die Pflanzen auf den Fincas und die Umwelt schütze.
Forstwirt Domènech ist skeptisch: „Das betrifft vielleicht 0,2 Prozent der Fläche, wo es Ziegen gibt“, sagt er zu der Initiative. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem betrachtet er diese öffentlichen Fincas nicht als Jagdgebiete: „Ich glaube, sie erfüllen für die Bevölkerung einen anderen Zweck: Sie sind Ziele für Ausflüge und Wanderungen, Vogelbeobachtungen und zum Pilzesuchen.“ So sieht das auch Muñoz: Die Fincas seien für alle Bürger da. Domènech glaubt sogar, dass der Schritt nicht einmal der Jagdlobby selbst nütze: „Die Leute sehen dann Jäger, die dort als Hobby Tiere schießen. Das ist für mich nicht sehr schlüssig.“ Es wäre wohl ein Schuss ins eigene Bein.
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