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Erste Warnzeichen gab es schon vorher: Das sagen Experten zum rätselhaften Rochensterben auf Mallorca

Die vielen Teufelsrochen, die derzeit an den Küsten des Mittelmeers stranden, halten die Fachwelt in Atem. Ein Gespräch mit zwei Meeresbiologen, die nach Antworten für das seltsame Phänomen suchen

Der Teufelsrochen, der am 4. Juni am Strand von Illetes gesichtet wurde. Er starb drei Tage später.  | FOTO: FUNDACIÓ PALMA AQUARIUM

Der Teufelsrochen, der am 4. Juni am Strand von Illetes gesichtet wurde. Er starb drei Tage später. | FOTO: FUNDACIÓ PALMA AQUARIUM

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Am schlimmstem sei die Ungewissheit, sagt der Meeresbiologe Aniol Esteban, Leiter der Meeresschutz-Stiftung Marilles: „Wird sich die Situation noch verschlimmern, wird die Population stark zurückgehen? Oder wird das alles eine Anekdote aus dem Jahr 2025 bleiben?“ Es mache ihn traurig, diese „so majestätischen und magischen Tiere“ so verletzlich zu sehen. Das rätselhafte, gehäufte Stranden der imposanten Teufelsrochen (Mobula mobular) vor Mallorca – zuletzt am Dienstag (17.6.) an der Playa de Palma – und an den Küsten des Festlands ist ungewöhnlich. So sehr, dass Fachleute sowie Regierungsvertreter ihre Kräfte gebündelt haben, um die Ursachen des Phänomens zu ergründen.

„Ich selbst koordiniere mit dem Ministerium eine Gruppe von Experten für den spanischen Mittelmeerraum. Wir halten jede Woche Sitzungen ab, um die einzelnen Fälle zu analysieren, und versuchen, Antworten zu finden“, sagt der Meeresbiologe Claudio Barría, Experte für Haie und Rochen der IUCN (International Union for Conservation of Nature) und wissenschaftlicher Leiter des Vereins Catsharks. Ein Aspekt dabei, der vielen seiner Kollegen noch unbekannt gewesen sei: Es gab bereits einen Prolog zur jetzigen Tragödie. „Das Phänomen ist zwar ungewöhnlich, aber es hat sich schrittweise entwickelt“, erklärt Barría.

Die Meeresbiologen Aniol Esteban und Claudio Barría.

Die Meeresbiologen Aniol Esteban und Claudio Barría. / Nele Bendgens / privat

Viele Teufelsrochen, dazu Geburten unter Stress

Erst im letzten Jahr habe es schon eine sehr große Zahl von Teufelsrochen vor den spanischen Mittelmeerküsten gegeben. Außerdem konnten die Meeresbiologen zwei Geburten von Teufelsrochen beobachten, die jedoch beide durch Stress ausgelöst worden waren. „Wir hatten also bereits Anzeichen dafür, dass etwas passiert“, so der Rochen-Experte. Und dieses Jahr komme es nun zu den Strandungen. „Wir wissen immer noch nicht, warum das passiert, aber wir wissen, dass die Anzahl der Teufelsrochen in diesem und letzten Jahr um ein Vielfaches höher ist als in den Vorjahren.

Das mag zunächst wie eine gute Nachricht klingen, da die gewaltigen Tiere vom Aussterben bedroht und streng geschützt sind. Doch dem ist nicht so: Es gebe keine Anzeichen dafür, dass ihr Bestand zugenommen hätte – wahrscheinlich haben sich die Rochen nur auf andere Gebiete im Meer verteilt. „Sie haben es dann dort mit veränderten Bedingungen zu tun: mit neuen Strömungen, neuen Umgebungen und anderen Stressfaktoren und Bedrohungen. Das könnte einer der Gründe sein, die zu den Strandungen führen“, sagt Barría.

Mehrere Hypothesen

Momentan gebe es aber noch keine Erklärung, die die Wissenschaftler ausschließen würden. Die Strategie lautet also, fieberhaft zu forschen – etwa, indem die Biologen die toten Tiere auf Erreger, Schadstoffe und Verletzungen untersuchen. Esteban sagt: „Es gibt natürlich die Hypothese, dass es sich um eine Krankheit handelt, ein Virus oder ein Bakterium, das sich in der Population ausbreitet.“ Er erinnert in diesem Zusammenhang an Fälle aus der Vergangenheit wie das Massensterben der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis) vor zehn Jahren.

Es könne aber auch noch andere Faktoren geben. „Teufelsrochen sind Tiere, die eine außergewöhnliche sensorische Fähigkeit besitzen. Sie sind Maschinen zur Wahrnehmung von Sinnesreizen. Ihr ganzer Körper ist mit hochempfindlichen Nervenenden ausgestattet“, erklärt de Meeresbiologe. „Das könnte sie anfälliger für vom Menschen verursachte Belastungen machen: Lärm, Wellen oder Signale, die andere Tiere nicht wahrnehmen.“ Barría betont, dass sie die Rochenart mit der meisten Dichte an Lorenzinischen Ampullen sind – den Elektrorezeptoren der Knorpelfische: „Das macht sie ganz besonders sensibel.“

Schließlich könne es auch einen Zusammenhang mit der durch den Klimawandel steigenden Meerestemperatur geben: „Ich persönlich halte das für am unwahrscheinlichsten, weil das Tiere sind, die ein großes geografisches Verbreitungsgebiet haben. Sie leben in subtropischen Umgebungen und sind auch an hohe Temperaturen gewöhnt“, so Esteban.

"Es gibt nie nur einen Grund"

Barría stellt hingegen klar: „Wenn solche Dinge im Meer geschehen, gibt es nie nur einen Grund.“ Er vergleicht die Lage damit, dass sich ein Mensch leichter eine Erkältung einfängt, wenn sein Immunsystem bereits geschwächt ist. Auch bei den Teufelsrochen könnten sich also verschiedene Aspekte gegenseitig bedingen und befeuern: Treiben die thermischen Anomalien im Meer die Rochen in neue Lebensräume, was wiederum mit mehr Stress verbunden ist, werden sie in der Folge auch anfälliger für Krankheiten.

Klar sei in jedem Fall: „Es handelt sich um Tiere, die im offenen Ozean nahe der Oberfläche leben. Und die Tatsache, dass sie an die Küsten kommen, bedeutet, dass es sich um völlig desorientierte Rochen handelt. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich richtig zu ernähren oder zu orientieren“, sagt Esteban.

Was ist mit den Stechrochen?

Neben den Teufelsrochen werden aktuell auch gehäuft Pelagische Stechrochen (Pteroplatytrygon violacea) in Küstennähe gesichtet – bis Dienstag (17.6.) waren es allein 43 vor den Balearen. Beide Meeresbiologen sind aber vorsichtig damit, hier einen Zusammenhang zu sehen: „Ich glaube, das sind ganz unterschiedliche Fälle“, so Esteban. Es gebe viele Rochenarten in den Gewässern der Balearen, die meisten lebten am sandigen Meeresgrund.

Die einzige Art, die ebenso wie der Teufelsrochen im offenen Ozean lebt, ist der nicht geschützte Pelagische Stechrochen. „Das ist ihre größte Gemeinsamkeit, sie sind sonst sehr verschieden“, sagt Barría. Die wesentlich kleinere Art komme viel häufiger vor, und alle zwei Jahre seien es besonders viele – eine regelrechte Schwemme gab es 2018. Zwar könne auch hier einmal ein verletztes Exemplar darunter sein. Doch der Meeresbiologe betont: „Sie haben sich schon immer den Küsten genähert, sterben dadurch aber in der Regel nicht.“

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