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Mallorca, Korsika, Sardinien: Wo wird die Wunderpflanze Neptungras am besten geschützt?

Die Anker der Yachten fügen der Posidonia im Mittelmeer großen Schaden zu. Dabei ist sie ein starker Partner gegen den Klimawandel. Wie steht es auf den Balearen und anderswo um ihren Schutz?

Ein Fischschwarm über einer Seegraswiese

Ein Fischschwarm über einer Seegraswiese / Ajuntament Eivissa

Barbara Celis, Alban Leduc, Ana López

Wer an der Mittelmeerküste lebt, ist den Anblick gewohnt: Im Winter sind die Strände voller angeschwemmtem Treibgut. Unter den Haufen, die sich besonders vor den unberührten Küsten der Balearen und anderer Inseln wie Sardinien oder Korsika auftürmen, finden sich Tonnen von etwas, das viele für Algen halten, obwohl es in Wirklichkeit keine sind: Es handelt sich um Posidonia oceanica, eine Meerespflanze, die Wissenschaftler seit Langem wegen ihrer bemerkenswerten Eigenschaften fasziniert – vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern, was sie zu einer wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel macht.

Wichtig, aber langsam im Wachstum

Ein Taucher im Neptugras

Ein Taucher im Neptugras / Alberto Romeo

Im Sommer schwimmen Touristen darüber hinweg, und Bootsbesitzer werfen oft direkt in den Unterwasserwiesen den Anker – ohne sich der irreparablen Schäden bewusst zu sein, die sie damit verursachen können. Das Neptungras kommt nur im Mittelmeer vor und unterstützt das Überleben Dutzender Meereslebewesen – von Seeigeln und Kraken bis zu Garnelen und Seepferdchen. Diese versunkenen grünen Täler erstrecken sich über nahezu zwei Millionen Hektar im Mittelmeer und beherbergen 20 Prozent seiner Biodiversität. Doch ausgerechnet jene Industrie, die die Wirtschaft der Mittelmeerinseln und -küsten trägt – der Tourismus –, bedroht das Überleben der Posidonia massiv.

Die Rekordzahlen der Besucher sprechen für sich: 2024 waren es 18,7 Millionen auf den Balearen, 4,5 Millionen auf Sardinien, 3,1 Millionen auf Korsika. Mit überfüllten Flughäfen und den täglich einlaufenden Kreuzfahrtschiffen prallen Wirtschaftswachstum und ökologische Fragilität aufeinander.

Die Wissenschaftler sind sich über die außergewöhnliche Rolle des Neptungrases einig. Eine internationale Studie aus dem Jahr 2012 kam zu dem Schluss, dass die Posidonia potenziell weit mehr als 11 Prozent der CO₂-Emissionen speichert, die die Mittelmeerländer seit der Industriellen Revolution ausgestoßen haben. Eine globale Studie aus dem Jahr 2025 bestätigte, dass sämtliches Seegras, das nur 0,2 Prozent des Meeresbodens bedeckt, zehn Prozent des Kohlenstoffs aufnimmt, den die Ozeane jährlich absorbieren – wobei Posidonia unter den Seegräsern die höchste Langzeitspeicherkapazität aufweist.

Allerdings wächst diese Pflanze nur einen Quadratzentimeter pro Jahr und benötigt bis zu sechs Jahrhunderte, um einen Hektar zu bilden. Anker, die den Meeresboden aufreißen, können Jahrtausende der Kohlenstoffspeicherung binnen Minuten zunichtemachen.

Nach der EU-Richtlinie 92/43/EWG sind Neptungraswiesen seit 1992 als schützenswerte Lebensräume eingestuft. Eine EU-Verordnung von 2006 verbot die Schleppnetzfischerei in Meeresschutzgebieten, in denen die Pflanze vorkommt. Diese Gesetze halfen, einige Schäden einzudämmen, auch wenn mehrere Studien zeigen, dass diese zerstörerische Praxis weiterhin stattfindet. Der Tourismus indes hat in den vergangenen zehn Jahren ein beispielloses Ausmaß erreicht und übt erheblichen Druck auf die Posidonia aus. Bis heute gibt es kein nationales Gesetz, welches das Ankern auf der Pflanze klar verbieten würde. Stattdessen gelten nur lokale Regelungen, die sich von Land zu Land unterscheiden.

Balearen ringen mit Umsetzung

Auf den Balearen ist zwar die Gesetzeslage eindeutig, die Realität sieht jedoch anders aus. Mit dem Dekret 25/2018 wurden die Balearen zur ersten Region im Mittelmeer, die das Ankern auf Seegras vollständig untersagte. Das Gesetz verbot außerdem Schleppnetzfischerei, Einleitungen, den Bau von Unterseekabeln und Hafenerweiterungen in Gebieten, in denen Seegras vorkommt. Zuwiderhandelnde müssen mit Bußgeldern von bis zu 450.000 Euro rechnen. Doch Gesetze bedeuten nicht automatisch, dass sie auch durchgesetzt werden. Auf den Balearen operiert der Posidonia-Überwachungsdienst saisonal, doch ein Großteil des Personals darf keine Bußgelder verhängen. Nur gelegentlich sind Umweltbeamte, die dazu befugt sind, mit den Bootsfahrern unterwegs. 2024 forderten die Behörden 6.764 Boote in den Gewässern der Inseln auf, ihren Ankerplatz zu verlegen – doch nur 43 wurden am Ende tatsächlich bestraft.

Apps wie Donia helfen Bootsfahrern zwar, sichere Ankerplätze zu finden, sind unter Touristen jedoch kaum bekannt. In Spanien und Frankreich sind die Apps verbreitet, nicht aber in Italien, wo derzeit noch an einer offiziellen Kartierung der Seegraswiesen gearbeitet wird – dem weltweit ambitioniertesten Versuch, Posidonia flächendeckend zu erfassen.

Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, die zahlreichen kleinen Mietboote zu kontrollieren. „Es gibt 3.600 registrierte Sportboote, aber mehr als doppelt so viele illegale“, sagt Pedro Francisco Gil, Präsident des Verbandes der Charterunternehmen der Balearen. Trotz verstärkter Überwachung mit Drohnen und anderen Mitteln mangele es weiterhin an Durchsetzung. „Es gibt Kontrollen, aber es fehlt an Polizeipräsenz“, betont er.

Korsika nimmt Yachten ins Visier

Michel Mallaroni, Hafendirektor von Bonifacio (Korsika)

Michel Mallaroni, Hafendirektor von Bonifacio (Korsika) / Alban

Frankreich führte 2020 strenge Regeln ein: Yachten über 24 Meter Länge müssen mindestens 300 Meter vor der Küste ankern, bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro und ein Verweis aus französischen Gewässern. Wohlhabende Eigner versuchen nun, die Vorschriften zu umgehen, indem sie Schiffe bauen lassen, die knapp unter 24 Metern lang sind. Die Kontrolle ist schwierig: „Um ein Bußgeld zu verhängen, brauchen wir ein Foto, auf dem der Anker beim Hieven zu sehen ist, mitsamt herausgerissenen Pflanzen“, erklärt Michel Mallaroni, Direktor des Hafens von Bonifacio.

„Wir können nichts machen“, sagte Julien Courtel, Polizeibeamter des französischen Umweltministeriums, als er an einem Nachmittag im vergangenen Juli vor Korsika eine Yacht kontrollierte. Nachdem er die Schiffspapiere geprüft hatte, durfte das Boot an Ort und Stelle bleiben – denn es entsprach den Vorschriften, weil es nur wenige Zentimeter kürzer als 24 Meter war. Die großen Boote werden indes immer zahlreicher: Von 2010 bis 2018 stieg die Zahl der Ankerplatznutzungen durch Yachten zwischen 24 und 60 Meter Länge in den französischen Mittelmeergewässern um 449 Prozent.

Immerhin: Einer 2025 veröffentlichten Studie zufolge ist die Zahl der illegalen Ankerungen großer Yachten auf Posidonia in Korsika seit der regionalen Umseztung des Verbots drastisch zurückgegangen – von 13.630 vor 2020 auf 1.955 im vergangenen Jahr. Laut Untersuchungen von Quentin Fontaine, Ozeanograf an der Meeresforschungsstation Calvi, gilt: „Seit dem Ankerverbot für Yachten geht der Bestand an Neptungras nicht mehr zurück.“

Bemerkenswert ist, dass nur zehn Patrouillenboote zur Überwachung der 1.000 Kilometer langen Küste Korsikas zur Verfügung stehen. 2024 wurden lediglich zwei Yachten mit einem Bußgeld belegt. Seit Verabschiedung des Gesetzes mussten überhaupt nur einige wenige Eigner und Kapitäne bis zu 100.000 Euro zahlen. Wenn Schiffe gegen die Regeln verstoßen, werden die Kapitäne in den meisten Fällen lediglich aufgefordert, den Ankerplatz zu wechseln. Dennoch scheint das Verbot abzuschrecken.

Sardinien hinkt hinterher

Giulio Plastina, Leiter des Naturschutzgebiets La Maddalena (Italien)

Giulio Plastina, Leiter des Naturschutzgebiets La Maddalena (Italien) / Barbara Celis

Anders als in Frankreich gibt es in Italien keine Regelungen, die das Ankern auf Posidonia klar verbieten. Die Vorschriften variieren je nach Region. Im Nationalpark des Archipels La Maddalena vor Sardinien, der einige der unberührtesten Seegraswiesen Italiens beherbergt, stehen nur acht Prozent der Gewässer unter Schutz. „Ohne ein nationales Gesetz sind uns die Hände gebunden“, sagt Parkdirektor Giulio Plastina, dem es sowohl an Personal als auch an Befugnissen fehlt, um selbst lokale Vorschriften konsequent durchzusetzen.

2024 verhängte die Küstenwache der Insel La Maddalena 29 Bußgelder in Höhe von jeweils 50 Euro gegen Boote, die in Schutzgebiete eindrangen – nicht viel, wenn man bedenkt, dass der Park im selben Jahr 13.500 Genehmigungen zum Befahren seiner Gewässer ausstellte.

Wiederaufforstung und Ankeralternativen

Eine mögliche Lösung ist die Installation von Muringbojen, an denen Boote festmachen können. Sie beugen Schäden an marinen Ökosystemen vor. Plastinas plant, sie innerhalb des Nationalparks für das Ankern verpflichtend zu machen. „Man wird sich registrieren müssen, und wenn alle Bojen belegt sind, ist Schluss. Im Moment liegen die Boote überall. Wir müssen die Zahl der Boote kontrollieren, sonst ist es sehr schwierig, ein so fragiles Ökosystem zu schützen“, erklärt er.

Jorge Terrados, Posidonia-Experte beim Meeresforschungsinstitut Imedea auf Mallorca

Jorge Terrados, Posidonia-Experte beim Meeresforschungsinstitut Imedea auf Mallorca / Barbara Celis

In einem im Juni veröffentlichten Bericht schätzte der WWF, dass 2024 im gesamten Mittelmeer 50.000 Hektar Posidonia durch Ankern zerstört wurden – Italien war dabei am stärksten betroffen, gefolgt von Spanien. Angesichts dessen experimentieren Forscher seit Jahren in kleinem Maßstab mit Wiederaufforstung unter Wasser. Für Jorge Terrados, Experte für Posidonia-Restaurierung am Imedea-Institut in Esporles, darf das Hauptziel darüber nicht aus den Augen verloren werden: „Die Strategie muss sein, die Wiesen zu schützen, die wir noch haben“, sagt er. „Kein einziger Quadratmeter sollte verloren gehen. Und wenn wir doch Fläche verlieren, können wir über Neubepflanzung die Erholung beschleunigen.“

Der Meeresbiologe Roberto Barbieri formuliert es noch deutlicher: „Es braucht Maßnahmen auf mehreren Ebenen, und vor allem muss das Ankern auf Posidonia im gesamten Mittelmeer verboten werden.“

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