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Comeback von Terraferida: Neue Zahlen schockieren – Villenboom auf Mallorca

Zwischen 2015 und 2023 waren die Umweltschützer das Gewissen der Insel in Sachen Bebauung des ländlichen Raums. Jetzt sind sie zurück und zeigen, dass sie eigentlich nie aufgehört haben zu arbeiten

Die Finca Sa Bassa Nova in Santanyí, links im Jahr 2015, rechts im Jahr 2024.

Die Finca Sa Bassa Nova in Santanyí, links im Jahr 2015, rechts im Jahr 2024. / Terraferida

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Drei Jahre sind eine lange Zeit. Und so ist die leichte Nervosität, die sich bei Jaume Adrover bemerkbar macht, durchaus verständlich. "Danke, dass ihr gekommen seid. Wir hatten schon befürchtet, dass ihr uns vergessen habt." Das ist natürlich Koketterie. Natürlich dürften die wenigsten Terraferida vergessen haben. Die Umweltaktivisten legten zwischen 2015 und 2023 mit ausgefeilten Statistiken, Luftaufnahmen und unnachgiebigen Kampagnen auf Social Media dar, wie der unkontrollierte Immobilienbau auf Mallorca die Landschaft verschandelt. Terraferida heißt verletzte Erde. Der Name war Programm.

Kurz vor den Regionalwahlen 2023, bei denen die konservativen und rechten Parteien fast alle wichtigen Institutionen auf Mallorca übernahmen, folgte dann das Aus. In den acht Jahren der Existenz sei man bei den Behörden und der Politik "auf eine Mauer" gestoßen, hieß es damals zur Begründung. Ausgerechnet in acht Jahren Linksregierung. Die Luft war raus. Umso erstaunlicher war es, als die Organisation Anfang Januar überraschend ihr Comeback verkündete.

Die erste Pressekonferenz nach dem Neustart

Und deshalb haben sich an diesem Donnerstagvormittag (15.1.) mehr als ein Dutzend Journalisten in Can Alcover zusammengefunden – einem Stadthaus, das quasi als Hauptquartier für jene dient, die es schon prima fänden, wenn Mallorca zumindest ein wenig mallorquinisch bleiben würde. Zumal Terraferida angekündigt hatte, bedeutende Neuigkeiten zu präsentieren.

Schnell wird klar: Das mit dem Ende der Organisation war nur vorgeschoben. Im Hintergrund wurde beständig weitergearbeitet. Denn das, was Adrover und sein Mitstreiter Mateu Vic präsentieren, lässt sich nicht in fünf Minuten mit ChatGPT zusammenschustern. Das hier ist das Ergebnis aufwendiger Recherche. Und auch wenn niemand von dem überrascht sein dürfte, was hier gezeigt wird, ist die Detailtreue und die schiere Menge an Bildern und Informationen eindrucksvoll. Es ist ein wenig, als würde man nicht nur eine Mordstatistik für eine Stadt vorgelegt bekommen, sondern auch jeden Mord in Videos und Bildern dokumentiert sehen.

Luftaufnahmen eines Grundstücks in Biniali in den Jahren 2015, 2021 und 2024.

Luftaufnahmen eines Grundstücks in Biniali in den Jahren 2015, 2021 und 2024. / Terraferida

Studie Teil II: Neue Zahlen zum Flächenverbrauch

Im Wesentlichen geht es um Folgendes: Vor einigen Jahren hatte Terraferida in einer großen Studie dargelegt, wie der ländliche Raum auf Mallorca in den Jahren 2015 bis 2021 zersiedelt wurde. Hier in Can Alcover folgt nun Teil II: die Jahre 2021 bis 2024. In den drei Jahren wurden der Studie zufolge 546 Hektar allein im ländlichen Raum verbaut, so viel wie knapp 800 Fußballfelder. Zusammengerechnet mit der ersten Studie hat Mallorca zwischen 2015 und 2024 mindestens 1.398 Hektar ländlichen Raum verloren – der Bau in sogenannten bebaubauren Zonen wird von der Studie nicht erfasst.

57 Prozent der seit 2021 neu bebauten Flächen entfallen auf Einfamilienhäuser, Villen und großzügige Wohnanwesen mit viel Land. Ob sie touristisch genutzt werden oder nicht, geht nicht aus der Statistik hervor. Rund 100 Hektar pro Jahr wurden zwischen 2021 und 2024 zugebaut. Anders gesagt: Jede Woche entstehen fünf neue Villen im ländlichen Raum. In den Jahren 2015 bis 2021 waren es durchschnittlich 82 Hektar pro Jahr. Jaume Adrover und Mateu Vic legen noch eine andere Zahl drauf: In den Jahren 2015 bis 2023 seien rund 3.000 Lizenzen für Häuser auf ländlichem Grund erteilt worden. Gebaut wurden in diesem Zeitraum aber nur zwei Drittel davon. Die anderen warteten zum Ende des Studienzeitraums noch auf den Baubeginn.

Die Finca Can Daniel in Pollença in den Jahren 2015 und 2024.

Die Finca Can Daniel in Pollença in den Jahren 2015 und 2024. / Terraferida

Den zweitgrößten Anteil machen Solarparks aus. Wurden zwischen 2015 und 2021 rund 18,7 Hektar ländlicher Raum für diese Projekte verbaut, waren es im zweiten Zeitraum 45,8 Hektar pro Jahr. Ein Anstieg von 144,8 Prozent. Weitere Flächen gingen für Parkplätze und Straßen, Steinbrüche, aber auch für Industrieanlagen und Geschäfte drauf. "Sogar ein Bordell war dabei", erzählt Vic.

Bilder statt Zahlen: Was der Bauboom sichtbar macht

Doch Zahlen verpuffen schnell. Selbst wenn man hört, dass zwischen 2015 und 2023 ländlicher Raum in den Ausmaßen der Gemeinde Costitx verbaut wurde. Nur eben zerklüftet. So, dass es kaum jemand mitbekommt. Nein, viel eindrucksvoller sind die Bilder. Die zeigen, wie einst unberührte Landstriche plötzlich bis zu zehn Villen beherbergen. Kleine Urbanisationen, die nur nicht als solche deklariert werden.

Oder jene Anwesen, die weitaus mehr anbieten als den üblichen Pool und den – wasserpolitisch fragwürdigen – Rasen. Es geht noch größer. Reitanlagen. Poloplätze. Und die Krönung: Villen mit privatem Golfplatz. Drei solcher Anwesen hat Terraferida ausgemacht. Es sei nicht ausgeschlossen, dass seit 2024 noch weitere dazugekommen sind. Legal ist das natürlich nicht. "Aber das ist den Leuten egal. Sie können sich die Strafe leisten und spekulieren darauf, dass früher oder später die nächste Amnestie ausgesprochen wird und sie das Ganze legal behalten dürfen."

Der Hort Son Ginard in Campos in den Jahren 2015 und 2024.

Der Hort Son Ginard in Campos in den Jahren 2015 und 2024. / Terraferida

Besonders schlimm sei es im Südosten. Santanyí, Felanitx, aber auch Campos und Ses Salines. Auf einer Karte zeigen Adrover und Vic mit kleineren und größeren roten Punkten, wo die neuen Bauten auf dem Land entstanden sind. Unten rechts auf der Karte, im Südosten der Insel, sind kleine Cluster zu sehen. Aber auch in der Tramuntana, immerhin UNESCO-Weltkulturerbe, werden immer wieder Lizenzen für den Hausbau erteilt.

Terraferidas Plan: Aufklärung statt Politik

Doch wie geht es weiter? Was kann Terraferida tun, wenn die Landschaftsschützer schon unter den Linksregierungen keinen Erfolg hatten und die Zersiedlung ausgerechnet in jenen Jahren Fahrt aufnahm? Jaume Adrover sagt, man habe es aufgegeben, bei der Politik anzuklopfen. In einigen besonders krassen Fällen werde man Anzeige erstatten. Vor allem aber wolle man das Bewusstsein bei den Bürgern schärfen. "Wir haben eine kleine Tour durch die Dörfer geplant." Den Leuten aufzeigen, was bei ihnen in der Gemeinde passiert. "Man kriegt es ja häufig kaum mit, selbst wenn es in der Nachbarschaft passiert."

Wenn genügend Leute über die tatsächlichen Zustände informiert sind, vielleicht nimmt dann der Widerstand Fahrt auf. Das ist der Plan, das ist die Hoffnung von Terraferida. Schließlich seien solche Zustände wie hier nicht nur auf Korsika, sondern auch auf der Nachbarinsel Menorca unmöglich: "Dort wurde schon vor 25 Jahren das Bauen auf dem Land streng eingeschränkt."

Denn – und es kommt fast überraschend nach diesem Maschinengewehrfeuer an Bildern, Zahlen und Informationen – eines solle man im Hinterkopf behalten, sagt Mateu Vic: "Es ist noch nicht zu spät. Es können noch viele Landstriche der Insel gerettet werden." Was wohl andersrum für viele Investoren heißt: "Es kann noch viel gebaut werden." Es wird wohl das Recht des Stärkeren entscheiden.

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