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Luxusöl, CO₂-Zertifikate und Waldmöbel: Ein neues Modell für die Tramuntana?

Die Initiative Tramuntana XXI wird zehn. Präsident Joe Holles erklärt, wie eine nachhaltige Bewirtschaftung der Kulturlandschaft in der Praxis funktioniert, wie sich Deià auch mithilfe der Ausländer ökologisch und sozial erneuert und welche Perspektiven CO2-Zertifikate eröffnen

Joe Holles.

Joe Holles. / Privat

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Müsste man seine Ämter und Funktionen in einem Satz zusammenfassen, könnte man Joe Holles als Tramuntana-Lobbyisten, Umweltmanager und obersten Netzwerker bezeichnen. Seine Aufgabe: Wege zu finden für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Gebirgslandschaft, die seit dem Jahr 201 1 Welterbe der UNESCO ist. Joe Holles de Peyer ist eine der zentralen Stimmen für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in der Tramuntana. Nach seinem Philosophiestudium in Salamanca kehrte der gebürtige Brite in seine Wahlheimat Mallorca zurück, wo er heute als Präsident der InitiativeTramuntana XXI als Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Politik fungiert. Gleichzeitig ist der Umweltberater Mitbegründer der Marke Sonmo, benannt nach dem Landgut Son Moragues in Valldemossa. Weiterer wichtiger Posten: Im Lenkungsausschuss der Mallorca Preservation Foundation gestaltet Holles die strategische Förderung lokaler Umweltprojekte mit. Die Stiftung fungiert als Finanzierungs- und Netzwerkplattform, die Spenden von Privatpersonen und Unternehmen sammelt, um die verschiedenen Initiativen strategisch zu unterstützen. Als Produzent des Dokumentarfilms „Overbooking“ beteiligte sich Holles auch an der Debatte über die Folgen des Massentourismus.

Tramuntana XXI wird 2026 zehn Jahre alt. Was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen? Und woran beißen Sie sich die Zähne aus?

Es ging zunächst darum, die kritische Lage gemeinsam zu diagnostizieren. Diese Analyse würde ich als Erfolg verbuchen, fast alle sind einverstanden. Es hapert aber bei der Umsetzung. Es fehlt an Koordination und strategischer Vision: Jede Institution und Behörde verfolgt ihre eigene Agenda. Dabei fordert die UNESCO eine einheitliche Governance. Es ist auch ein zunehmendes Problem, wenn die Tramuntana wie ein städtisches Gebiet genutzt wird, was sie nicht ist. Ein dritter Aspekt ist der Verlust traditioneller Forst- und Landwirtschaft.

Wer ist nicht mit der Analyse einverstanden?

Es ist nicht so, dass jemand dagegen wäre, sondern dass es sehr schwierig ist, einen gemeinsamen Weg zu finden. Sehen Sie, die Tramuntana ist Kulturerbe, Agrarlandschaft. Die Anlage von Terrassenlandschaften, die langwierige Züchtung von Olivenbäumen hat einen einst unwirtlichen Ort in eine einzigartige, reiche Landschaft verwandelt. Heute ist die Bewirtschaftung aber nicht mehr rentabel. Wollen wir von Subventionen leben? Nein. Wir wollen eine lebendige Landschaft. Sie darf nicht wie in einem Museum in einer Vitrine ausgestellt werden.

Also eine kostenintensive Bewirtschaftung zur Herstellung von Luxusprodukten, die sich nur reiche Mallorca-Besucher leisten können?

Nein. Natürlich ist die Olivenölproduktion in der Serra nicht dasselbe wie im flachen Inselinneren, wo maschinell geerntet werden kann. Das sehen wir etwa im Fall von Sonmo.

Wobei diese Marke des Landguts Son Moragues bei Valldemossa zwar als mit das beste, aber eben auch teuerste Olivenöl Mallorcas gilt.

Es ist teuer und günstig zugleich, weil wir mehrere Produktlinien haben. In der Terrassenlandschaft müssen wir nach und nach ernten. Man beginnt an einem Ort und arbeitet sich in zwei Monaten zum anderen Ende des Landguts vor. Die ersten Pressungen haben einen Säuregehalt nahe null, sind sehr polyphenolreich mit vielen Vitaminen, sehr schmackhaft für Schweden, Engländer oder Deutsche, aber das Gegenteil von dem, was Mallorquiner gewohnt sind. Die letzten Pressungen ergeben ein Öl mit mehr Aroma, mit einem süßeren, weniger zitrusartigen Geschmack. Wenn eine Branche wirklich wirtschaftlich nachhaltig ist, dann hat sie verschiedene Preis- und Qualitätsstufen.

Son Moragues gehört dem Unternehmer Bruno Entrecanales, dessen Familie hinter dem Konzern Acciona steht. Taugt die Finca als Vorbild für andere Landgüter oder ist sie in erster Linie ein philanthropisches Projekt?

Unsere Mission war von Anfang an, ein tragfähiges Modell eines Landguts für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, ohne es in ein Hotel oder Restaurant umzuwandeln, und jetzt sind wir nach 15 Jahren Projektlaufzeit nur noch zwei, maximal drei Jahre davon entfernt.

Was können also Betreiber anderer Landgüter von Son Moragues lernen?

Wir haben uns daran erinnert, wie es früher gemacht wurde: eine Kreislaufwirtschaft mit breiter Produktion und der Nutzung aller Erzeugnisse. Wir wurden ausgelacht, als wir erzählten, dass wir ein natives Olivenöl extra, bio, aus tausendjährigen Olivenhainen herstellen wollen. Wir und andere haben es geschafft. Und mithilfe von Hilfsgeldern haben wir in der Kooperative von Sóller eine neue Ölpresse installiert. Wir haben auch gelernt: Man muss offen sein für alles, Gemüse, Marmelade, Konserven. Viel Potenzial hat etwa auch Wolle: Auf Son Moragues produzieren wir mallorquinische Wolle von Schafen, die in den Olivenhainen grasen.

Als Dämmstoff oder für den Textilsektor?

Decken, Mützen, Hemden – mallorquinische Wolle ist elastisch und strapazierfähig, aber nicht weich. Sie eignet sich vielleicht nicht für einen Schal, aber für eine Winterjacke. Diese naive Kreativität ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir haben viel recherchiert und ausprobiert – trial and error. Ein Wendepunkt war zudem die Öffnung des Anwesens für Besucher, für Verkostungen, Führungen und Ausflüge. Die Menschen nehmen nicht nur das Ergebnis wahr, sondern auch die Kosten für die Produktion.

Reichen die Einnahmen auch für die Instandhaltung der Wanderwege auf der Finca?

Mit wirtschaftlichem Gleichgewicht meine ich, dass wir die Kosten für Pflege und Bewirtschaftung von fast 500 Hektar und für fast 50 Mitarbeiter decken können. Wir haben zum einen ein Modell für die regenerative Bewirtschaftung von Olivenhainen entwickelt, das praktisch ohne Pflügen auskommt. Zum anderen haben wir auf der Basis unserer Bewirtschaftung ein Zertifizierungsmodell für Tourismusunternehmen geschaffen, die ihre Emissionen durch den Kauf von CO₂-Zertifikaten kompensieren wollen. Bislang ist es doch so: Wir sind die Gärtner der Touristeninsel Mallorca, aber es wird vergessen, die Gärtner zu bezahlen.

Wie genau funktioniert diese Kompensation?

Seit 2019 nimmt das balearische Klimaschutzgesetz alle hier registrierten Unternehmen mit mehr als 49 Mitarbeitern oder einem Umsatz von über zehn Millionen Euro in die Pflicht. Dazu gehören Autovermietungen oder Hotelketten. Sie müssen ihre Emissionen dokumentieren und Pläne zur Reduktion vorlegen, und ab einem bestimmten Niveau müssen sie ihre Emissionen reduzieren. Auf einer kleinen Insel haben wir große Unternehmen mit großem Kompensationsbedarf. Etwa im Fall der Olivenhaine weisen Sie mit Laboranalysen und Zertifikaten von unabhängigen Zertifizierungsstellen nach, dass Sie mehr Kohlenstoff gebunden, die Biodiversität gefördert und das Wassermanagement optimiert haben – ohne die kulturelle Bedeutung der Olivenbäume zu beeinträchtigen. Dank dieser guten Praktiken erhalten Sie Zertifikate, die Sie verkaufen können.

Welche Unternehmen sind schon dabei?

Wir haben Abkommen mit vier Unternehmen, es gibt Interesse bei vielen großen Hotelketten. Ich kann aber noch keine Namen nennen.

Ist das letztendlich der Trick, wie das Landgut Son Moragues rentabel wird?

Die Zertifikate hatten wir bei der Prognose der Wirtschaftlichkeit noch nicht berücksichtigt. Wir werden also noch schneller vorankommen, wollen aber nichts übereilen.

Kann man von einer Testphase sprechen?

Die Methodik funktioniert und ist von der Balearen-Regierung anerkannt. Insofern ist sie sehr ausgereift. Zunächst aber müssen wir überprüfen, wie stabil die Nachfrage ist und ob die Umweltauswirkungen unseren Erwartungen entsprechen. Deshalb sind wir vorsichtig.

Weil auch die Gefahr von Spekulation beim Emissionshandel besteht?

Ich beschäftige mich seit Langem mit dem Thema. Ein Problem ist: Es darf nicht einfach eine CO₂-Gutschrift sein, sondern es müssen positive Auswirkungen auf die Biodiversität und das Wasser nachgewiesen werden. Ein weiteres Problem ist Greenwashing. Aber Sie dürfen nur an Unternehmen mit Reduktionsplänen verkaufen. Bei diesen wird immer ein Teil von Emissionen übrig sein, der sich nicht reduzieren lässt. Daher ist ein Gleichgewicht entscheidend.

Wie können weitere Betriebe am Emissionshandel teilhaben?

Aktuell entwickeln wir mit der landwirtschaftlichen Kooperative auf den Balearen ein CO₂-Zertifikatsmodell, das allen zugänglich sein soll. Der Schlüssel liegt darin, ohnehin vorhandene Ressourcen zu koordinieren. 2025 mobilisierte Tramuntana XXI über zwei Millionen Euro für neue Projekte. Ich habe gelernt: Das Ganze, das System und die Zusammenarbeit sind wichtiger als Individualismus. Wir sind eine pluralistische, unpolitische Organisation – auch wenn uns manche für Umweltschützer oder „Grüne“ und damit für links halten und andere wegen der Verwaltung großer Landgüter für konservativ. Nachhaltigkeit muss ökologisch, aber auch ökonomisch und sozial sein.

Der Andrang auf die Tramuntana nimmt zu. Wie sollte die Besucherzahl reguliert werden?

Es heißt immer, wir brauchen verantwortungsvollen, nachhaltigen Tourismus. Aber was wir auf Mallorca wirklich brauchen, sind touristische Produkte und Dienstleistungen, die den Bedürfnissen der Region entsprechen. Egal wie viele respektvolle, landschaftsverliebte Schweden hier herumlaufen – die Serra lebt nicht allein von Liebe oder Respekt. Der Schlüssel liegt darin, attraktive und bodenständige Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Dazu gehören Wein, Olivenöl, Wolle, aber auch authentische Ökotourismus-Erlebnisse oder Ausflüge, deren Einnahmen den Landgütern zugutekommen. Die Tourismusbranche ist anpassungsfähig. Tourismus ist nicht Fracking. Die Urlauber wollen im Grunde dasselbe wie wir. Mit etwas Risiko und Kreativität kann man sich von anderen Reisezielen abheben und gleichzeitig Ressourcen gewinnen, um das zu bewahren, was wir lieben.

Das Projekt Amarar sieht vor, mit Holz aus den Wäldern Möbel zu fertigen. Wie läuft es?

Es ist ein Experiment, das aber bald skalierbar sein wird. Auf lokaler Ebene gibt es auch bereits Erfahrung mit der Produktion von Pellets aus Biomasse, mit der Firma Netpellet. Als 2025 die Wälder in Kalifornien brannten, machten sich auch viele Ausländer in Deià Sorgen. Wir organisierten Treffen und sahen die Chance, gemeinsam ein Vorzeigeprojekt zu starten: Regenera Deià. Es startet hier, soll aber skalierbar sein – nicht als one size fits all, sondern als holistische Regenerierung in den Bereichen Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Gemeinwesen und Wasserwirtschaft. Wir wählten drei mögliche Brandherde aus, säubern den Wald und nutzen die Biomasse für Möbel und Energie.

Kann diese Möbelherstellung profitabel sein?

Gut möglich. Wie wäre es etwa mit einem Esstisch aus lokalem Kiefernholz für 1.000 Euro? Das ist kein Ikea-Preis, aber auch nicht Luxus. Und bei der Biomasse gibt es bereits eine Zusammenarbeit mit einer örtlichen Hotelkette, die dafür nicht mehr zahlt als für fossile Energie. Wenn mit der Energie nicht nur geheizt, sondern auch gekühlt wird, können sich die Investitionen amortisieren. In Deià kooperieren wir mit kreativen Künstlern, renommierten internationalen Designern, um die Produkte von hier aufzuwerten. Gleichzeitig haben wir im Agrarsektor mit mallorquinischen Landwirten eine Dachgenossenschaft gegründet und richten in Deià eine zentrale Anlaufstelle für Genehmigungen und Subventionen ein.

Michael Douglas, Eigentümer des Landguts s’Estaca, ist auch involviert in Regenera Deià?

Als Betreiber eines landwirtschaftlichen Anwesens ist er seit Jahren wirtschaftlich und auf Projektebene aktiv. Das Interessante an Deià ist die Mischung von Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten, Menschen mit viel wirtschaftlichem Potenzial und Normalsterblichen wie uns. Die Familie Lloyd Webber stellt ein Grundstück für einen Gemeinschaftsgarten zur Verfügung. Auch die Familie Swarovski unterstützt uns. Wir machen Workshops mit alten Kochrezepten, pädagogische Ausflüge, Katalanisch-Kurse für Ausländer. Und wir haben mittelfristig den Plan für eine mit EU-Mitteln finanzierte Wasseraufbereitungsanlage, um im Sommer nicht mehr auf Tankwagen angewiesen zu sein.

Deià als Vorbild für die gesamte Tramuntana?

Die Reaktionen sind sehr positiv, es entsteht ein richtiges Netzwerk. Das alles sind erste Schritte mit chirurgisch präzise koordinierter Philanthropie, die einen weiteren, sich am Ende selbst finanzierenden Prozess in Gang setzt. Wir müssen uns im Klaren sein: Es geht hier nicht um Renaturierung, sondern die Pflege einer Kulturlandschaft, die man nicht sich selbst überlassen darf. Ein unbewirtschafteter Wald ist eine tickende Zeitbombe. Aber die Probleme lassen sich lösen, und am Ende stehen traditionelle ebenso wie werthaltige Produkte.

Kontaktinfos:

Nachhaltigkeit in der Serra: @tramuntanaxxi

Finca-Produkte und Ausflüge: sonmo.es

Lokale Aktionen und Termine: @regeneradeia

Strategien und Projekte: @mallorcapreservation

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