„Am meisten hat mich sein Blick beeindruckt“: Als Mallorca sein eigenes Drama um einen Buckelwal erlebte
Im Mai 2022 war das etwa zehn Meter lange Tier in einem Treibnetz gefangen. Die Taucher mussten ihn mit Hunderten von Schnitten davon befreien. Ein Fotograf dokumentierte die Rettung. Ein Happy End gab es nicht

Das Auge des vor Porto Cristo von einem Treibnetz befreiten Buckelwals. / Pedro Riera
Seit Wochen verfolgt die deutsche Medienöffentlichkeit das Drama um den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal Timmy. Auf Mallorca sorgt das Thema kaum für Aufmerksamkeit. Dies heißt aber nicht, dass das Schicksal von Walen nicht auch auf der Insel die Menschen bewegt.
Im Mai 2022 entdeckte ein Ausflugsboot des Anbieters "Caribia.es" einen etwa zehn Meter langen Buckelwal etwa zwei bis drei Seemeilen vor der Punta de n'Amer in Porto Cristo. Das Tier war bereits sehr geschwächt - und praktisch vollkommen von einem Treibnetz umringt. Der Bootsführer alarmierte die nächstgelegenen Tauchschulen Skualo Porto Cristo und Albatros Cala Bona sowie die mit der Rettung von Meerestieren beauftragte Stiftung des Palma Aquariums.
Naturfotograf dokumentierte die Rettung
Sogleich machten sich Taucher auf, um dem Tier zu helfen. Begleitet wurden sie vom Naturfotografen Pedro Riera, der die Rettungsaktion mit eindrucksvollen Bildern dokumentierte. Gegenüber der MZ zeigte er sich aufgewühlt, als er von den Augen des Tieres berichtete. "Am meisten hat mich dieser Blick beeindruckt", sagte er, "der Wal hat genau verstanden, was wir taten."
Auch die Schwanzflosse des Buckelwals hatte sich in dem mit Bleigewichten beschwerten Netz verheddert, das ihn in die Tiefe zog. Er kam nur noch mit Mühe an die Oberfläche, um zu atmen. "Mit jeder Bewegung der Schwanzflosse spannte sich das Netz um seinen Körper noch dichter", so Riera.
Die Taucher warteten ab, ohne sich dem Tier zu nähern, bis etwa zwei Stunden später Debora Morrison, die Leiterin der Palma-Aquarium-Stiftung, eintraf und Anweisungen für die Rettungsaktion gab. Für die vier beteiligten Taucher war es ein riskantes Unterfangen. "Ein panischer Schlag mit diesen Hunderte Kilo schweren Flossen kann dich töten", erklärte Riera.
"Der Wal verstand, was wir vorhatten"
Das Tier war nervös, doch es begriff scheinbar schon bald, was die Menschen bezweckten. "Nach etwa zwei Minuten blieb es dann ganz ruhig und schaute uns an. Der Wal verstand, was wir vorhatten", sagt Pedro Riera. Die Taucher schnitten mit ihren Messern erst das Maul frei und rückten dann nach und nach mit Hunderten von Schnitten weiter am Körper vor. Der Buckelwal rührte sich nicht, ließ es mit sich machen.
Als das Tier nach einer guten Stunde endlich von dem mörderischen Netz befreit worden war, setzte schon die Abenddämmerung ein. "Der Wal wandte sich danach langsam von uns ab", berichtete Pedro Riera, "und schwamm noch sehr geschwächt ins offene Meer hinaus." Wie lange das Tier schon in das Netz gefangen war, blick unklar - Xisca Pujol vom Palma Aquarium erklärte, der Zustand der Wunden habe daraufhin gedeutet, dass es durchaus Wochen gewesen sein könnten.
Kein gutes Ende
Die Geschichte nahm kein gutes Ende. Rund eine Woche nach dem Rettungseinsatz wurde er mit mehreren Verletzungen an der Rückenflosse vor der Küste von Tavernes de la Valldigna, südlich von Valencia, entdeckt. Die Spezialisten des Meeresaquariums Oceanogràfic entschieden sich gegen den Versuch, den Wal wieder aufs offene Meer hinauszuziehen. Der Buckelwal starb wenige Stunden später.
"Angesichts seines kritischen Zustandes und seiner Größe waren die Chancen, ihn zu retten, gleich null", sagte damals der Verantwortliche der Stiftung des Meeresaquariums, José Luis Crespo, gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur Efe. "Wir hätten ihm nur noch mehr Verletzungen zugefügt und seinen Zustand noch verschlechtert - möglicherweise wäre er am nächsten Tag wieder am Strand aufgetaucht."
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