Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

„Inseln sind Frühwarnsysteme des Planeten“: Mallorcas preisgekrönte Forscherin Anna Traveset über Biodiversität, invasive Arten und die Kraft der Beharrlichkeit

Die mit dem Nationalen Forschungspreis „Alejandro Malaspina“ ausgezeichnete Wissenschaftlerin erklärt, warum Inseln für das Überleben einzigartiger Arten entscheidend sind – und weshalb seriöse Wissenschaft heute wichtiger ist denn je

Die preisgekrönte Wissenschaftlerin Anna Traveset.

Die preisgekrönte Wissenschaftlerin Anna Traveset. / Miguel Lorenzo

Die Wissenschaftlerin Anna Traveset vom Forschungsinstitut Imedea auf Mallorca ist mit dem Nationalen Forschungspreis „Alejandro Malaspina“ in der Kategorie Naturwissenschaften ausgezeichnet worden. Diese Anerkennung würdigt ihre Pionierarbeit bei der Erforschung der Biodiversität und ökologischer Wechselwirkungen in Inselökosystemen – einem Fachgebiet, in dem sie als internationale Referenz gilt.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung. Was bedeutet es für Sie, diesen Preis zu diesem Zeitpunkt Ihrer Karriere zu erhalten, und welche Bedeutung hat er für das Imedea und für Mallorca?

Für mich ist es, als würde ich die Früchte von Samen ernten, die ich vor vielen Jahren gepflanzt habe. Ich bin sehr glücklich und zufrieden, denn es ist eine Anerkennung für Beharrlichkeit. Dabei liebe ich meine Arbeit so sehr, dass ich sie kaum als Pflicht empfinde. Diese Anerkennung von Kolleginnen und Kollegen zu erhalten, die ich zutiefst bewundere, bringt eine große Verantwortung mit sich. Für das Imedea bedeutet es großes Prestige, und wir sind sehr stolz darauf. Hoffentlich trägt dieser Preis dazu bei, dass sich die Gesellschaft stärker der Bedeutung der Wissenschaft bewusst wird und erkennt, dass mehr in sie investiert werden muss. Denn die Balearen befinden sich weiterhin im unteren Bereich der Regionen, die Geld in Forschung investieren. Wir brauchen Unterstützung, besonders in Zeiten, in denen es so viele Fehlinformationen und Falschmeldungen über Medizin oder Klimawandel gibt. Strenge, seriöse Wissenschaft ist das, woran die Menschen glauben sollten.

Ihre Arbeit konzentriert sich auf Inselökosysteme. Warum ist deren Erforschung so entscheidend, um zu verstehen, wie der Planet auf globale Veränderungen reagieren wird?

Obwohl Inseln weniger als sieben Prozent der Landfläche der Erde ausmachen, beherbergen sie einen enormen Anteil der weltweiten Biodiversität. Da sie sich über Tausende von Jahren ohne große Raubtiere isoliert entwickelt haben, haben viele Arten einzigartige Merkmale ausgebildet. Wenn dieses Gleichgewicht gestört wird, etwa durch das Eindringen einer invasiven Art, verschwinden diese Arten, weil sie keine entsprechenden Abwehrmechanismen entwickelt haben. Tatsächlich haben mehr als 60 Prozent der dokumentierten Aussterbeereignisse auf dem Planeten auf Inseln stattgefunden. Wir verlieren diese einzigartige Biodiversität in rasantem Tempo. Deshalb müssen wir verstehen, wie diese Wechselwirkungen funktionieren, um nachvollziehen zu können, wie sie sich durch Invasionen oder den globalen Wandel verändern.

Was ist Ihrer Meinung nach der größte Feind dieser Ökosysteme: der Klimawandel, der menschliche Einfluss oder die Einführung invasiver Arten?

Menschliche Aktivitäten sind die Wurzel des Problems. In der großen Mehrheit der Archipele ist die Einführung invasiver Arten, verursacht durch den menschlichen Transport, das größte Problem – manchmal sogar gravierender als der Klimawandel. Diese Faktoren wirken synergetisch zusammen, denn steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit ermöglichen es Arten, in Gebiete vorzudringen, in denen sie früher aufgrund des Klimas nicht überleben konnten. Wir sehen das überall, von der Arktis bis zum Mittelmeer, das sich zunehmend tropikalisiert. Wir analysieren dies derzeit in 106 Archipelen weltweit, um Muster der Verwundbarkeit zu verstehen. Es gibt noch sehr viel zu erforschen.

Diese Preisvergabe wurde wegen der Präsenz von Frauen als "historisch“ bezeichnet. Wie bewerten Sie diesen Meilenstein, und welcher Weg bleibt noch, damit Parität zur Norm wird?

Es ist erleichternd zu sehen, dass immer mehr Frauen sichtbar werden. Die Preise werden ja nicht einfach vergeben, weil es Frauen sind. Vielmehr zeigt sich: Wenn Frauen mehr Chancen erhalten, können sie auch zeigen, was sie leisten — eine Leistung, die immer da war, aber oft übersehen oder zum Schweigen gebracht wurde. In meinem Labor habe ich ein Team aufgebaut, in dem Frauen und Männer gleichermaßen vertreten sind. Ich würde mir wünschen, für junge Wissenschaftlerinnen ein Vorbild zu sein und ihnen zu zeigen, dass man Wissenschaftlerin, Mutter und beruflich erfolgreich sein kann — auch wenn das viel Kraft kostet. Mir ist bewusst, dass nicht alle Frauen das Glück haben, auf eine so starke familiäre Unterstützung zählen zu können, wie ich sie hatte. Umso mehr freut es mich, mehr Frauen unter den Preisträgerinnen zu sehen. Sie haben es verdient.

Wenn Sie zurückblicken: Welche Entdeckung oder welcher Moment Ihrer Karriere hat Ihr Verständnis von Ökosystemen am stärksten verändert?

Das war, als ich nach Mallorca kam und mich auf die Inselökologie konzentrierte. Ich begann im Nationalpark Cabrera zu arbeiten, wo ich faszinierende Dinge entdeckte, zum Beispiel, dass Reptilien bestäuben. Ein weiterer Wendepunkt war für mich, dass ich 2022 Fördermittel für ein europäisches Forschungsprojekt des Europäischen Forschungsrats erhalten habe. Es ist ein sehr wettbewerbsorientiertes und renommiertes Projekt, das mir ermöglicht hat, ein großartiges Team einzustellen. Diese internationale Förderung war für mich eine wichtige Bestätigung meiner Arbeit und sicher auch für die Juroren von Bedeutung.

Welchen Rat würden Sie der neuen Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geben?

Dass sie Leidenschaft für ihre Arbeit empfinden; das ist das Wichtigste. Es stimmt, dass es ein Langstreckenlauf mit vielen Hindernissen ist, etwa abgelehnten Artikeln, Kritik von Gutachterinnen und Gutachtern oder schwierigen persönlichen Momenten. In meinem Fall war die Wissenschaft ein Zufluchtsort. Als ich meine Schwester, meine beste Freundin, verlor, waren es die Wissenschaft und die Liebe zu meiner Arbeit, die mir halfen, mich abzulenken und weiterzumachen. Mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und Ausdauer lässt sich jede Widrigkeit überwinden.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents