Gefräßige Jäger und exzellente Schwimmer: Wie die Invasion der Hufeisennattern auf Mallorca gestoppt werden soll
Auf Ibiza haben die Schlangen bereits ganze Populationen von Eidechsen ausgelöscht. Nun breiten sie sich auch auf Mallorca vermehrt aus. Forscher und Regierung arbeiten mit Hochdruck daran, die heimische Tierwelt zu schützen

Eine schwimmende Hufeisennatter. / Rubén Casas/CREAF
Für viele Menschen ist es eine gruselige Vorstellung: Sie liegen am Strand und plötzlich schlängelt sich aus dem Meer eine mehr als ein Meter lange Natter und nähert sich innerhalb von Sekunden dem eigenen Handtuch. Das ist keine Szene aus einem Spielfilm, sondern hat sich in den vergangenen Wochen auf Mallorca so oder so ähnlich mehrfach zugetragen. Die Schlangen, es handelt sich um Hufeisennattern, sind für Menschen ungefährlich. Sie können zubeißen, wenn man sie reizt, Gift tragen die Reptilien aber nicht in sich. Trotzdem sorgt ihr Auftreten regelmäßig für Schrecken und Panik bei Strandbesuchern.
Das ist aber nur die eine, reichlich anthropozentrische Sicht auf die Nattern. Die Schlangen haben das Ökosystem auf den Balearen seit ihrem ersten Erscheinen vor knapp 20 Jahren gehörig durcheinandergebracht und vermehren sich inzwischen derart, dass sie große Schäden anrichten. Mehrere nur auf Ibiza beheimatete Eidechsenarten sind inzwischen komplett ausgestorben, die Reptilien machen mit ihnen kurzen Prozess. Laut dem balearischen Landwirtschaftsministerium „stehen die Inseln vor einer der größten Herausforderungen für ihr Ökosystem seit Jahrzehnten“.
Betroffen sind vor allem Ibiza und Formentera
Am schwersten betroffen von der Schlangenplage sind Ibiza, Formentera und rund 40 kleinere Inselchen und Felsen, die vor den Pityusen im Mittelmeer liegen. Zehn dieser Inseln sind inzwischen von den gefräßigen Nattern entvölkert worden, hier gibt es keine Eidechsen mehr. Auch auf Mallorca sind bereits verschiedene Arten von Nattern nachgewiesen worden.
Die MZ hat mit dem belgischen Ökologen Gilles De Meester gesprochen, einem Wissenschaftler des Zentrums CREAF (Centro de Investigación Ecológica y Aplicaciones Forestales) in Barcelona. Die Forschungsgruppe um Oriol Lapiedra widmet sich ausschließlich den Reptilien und versucht in einem Wettlauf gegen die Zeit herauszufinden, wie man der Schlangen Herr werden und die Eidechsen auf den Balearen schützen kann.
Eidechsen nehmen eine zentrale Rolle im Ökosystem der Inseln ein. Sie fressen auf der einen Seite Schädlinge, auf der anderen Seite helfen sie bei der Verbreitung von Samen und der Bestäubung von Blüten. Die Balearen-Regierung befürchtet, dass ein Rückgang der Eidechsen dazu führen könnte, dass bestimmte Insektenarten deutlich an Population zulegen. Das hätte dann weitere Auswirkungen auf das Ökosystem. Und wo weniger Eidechsen zur Verfügung stehen, fangen die Schlangen an, andere Beute zu suchen, wie etwa kleine Säugetiere, Vögel oder andere Reptilien.

Sind erstaunlich gute Schwimmer: Hufeisennattern auf der Suche nach Beute. | FOTO: RUBÉN CASAS/CREAF
Wie kamen die Schlangen her?
Die Nattern sind keine neuen Bewohner auf den Balearen. Die ersten Exemplare kamen nach Erkenntnissen des CREAF in Barcelona bereits Mitte der 2000er-Jahre in Olivenbäumen an. Die Reptilien – respektive deren Eier – dürften sich in den Stämmen oder Wurzeln der Zierbäumchen versteckt haben. Seither breiten sie sich aus – weitgehend ungestört, da sie auf den Insel kaum direkte Fressfeinde haben. Auf dem spanischen Festland werden sie unter anderem von Füchsen, Wildschweinen und Dachsen gejagt – Tiere, die auf den Balearen in freier Wildbahn nicht vorkommen. Die Nattern stehen auf dem Festland sogar unter Schutz.
Zunächst waren die Schlangen nur hier und da anzutreffen, doch laut der Forschergruppe um Oriol Lapiedra begannen sie sich zwischen 2010 und 2015 schlagartig auszubreiten. Waren 2010 die Nattern nur auf fünf Prozent der Fläche von Ibiza nachgewiesen, stieg diese Zahl 2016 bereits auf 40 Prozent an. 2025 waren nur noch zehn Prozent der Insel noch nicht von Schlangen bevölkert.

CREAF
Nach wie vor haben die Wissenschaftler einen Berg unbeantworteter Fragen vor sich. Unter anderem ist unklar, wie genau sich die Schlangen auf den Balearen verbreiten. Bis vor Kurzem waren die Forscher davon ausgegangen, dass die Reptilien unbeabsichtigt – weil sie sich auf Booten versteckt hatten – auf die kleinen Inseln rund um Ibiza eingeschleppt wurden.
Doch jüngste Aufnahmen von schwimmenden Schlangen legen nahe, dass sich die Tiere selbstständig neue Beutereviere erschließen – als eine von wenigen Tierarten weltweit. „Wir haben das eine Weile lang vermutet, hatten aber keine Beweise dafür“, berichtet Gilles De Meester, der der Forschungsgruppe von Oriol Lapiedra seit 2024 angehört. „Dann haben wir Schlangen dabei beobachtet, wie sie im Meer geschwommen sind und auch Aufnahmen gesehen, die unsere Vermutungen bestätigt haben“, sagt der Belgier.
Speziell von Ibiza aus haben die Nattern die kleinen Inselchen rund um die Pityusen schnell besiedelt. In Videos in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie geschickt und rasch sich die Reptilien im Wasser fortbewegen können. Ob sie auch zwischen Ibiza und Mallorca hin- und herschwimmen können, ist bislang nicht geklärt. „Die weiteste Entfernung, in der wir eine Natter im Meer vom Ufer entfernt gesehen haben, waren drei Kilometer“, erklärt Gilles. Die kürzeste Luftlinie zwischen Ibiza und Mallorca beträgt rund 110 Kilometer – keine unbeträchtliche Distanz für eine Schlange.
Was richten die Schlangen an?
Die Nattern haben in rekordverdächtiger Zeit große Eidechsenpopulationen ausgelöscht. „Zwei einzigartige Eidechsenarten sind bereits unwiederbringlich ausgestorben“, sagt Gilles De Meester. Die Eidechsen kannten die Reptilien nicht und konnten sie deshalb gar nicht als Feinde erkennen. Beide Arten hatten zuvor noch nie nebeneinander existiert. „Wir mussten quasi dabei zusehen, wie die Schlangen die Eidechsen innerhalb von kurzer Zeit ausgerottet haben“, berichtet Gilles De Meester.
Die lagartijas hatten keine Angst, kannten außer Ratten, Katzen oder Hunden keine Feinde, und die hielten sich normalerweise nur rund um besiedelte Gebiete auf. Weil sich die Eidechsen so sicher fühlten, ließen sie sich mitunter sogar von Menschen streicheln oder kletterten auf deren Rucksäcke – eine Erfahrung, die man beispielsweise als Ausflügler auch auf der Insel Dragonera vor Mallorca machen kann.

Schön anzusehen, aber eine Gefahr für Eidechsen und andere Tiere: die Hufeisennattern. / Rubén Casas/CREAF
Der Hunger der Schlangen ist laut den Wissenschaftlern enorm. Zwar gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Eidechsen eine Natter pro Tag verschlingen kann, „aber wir gehen davon aus, dass sie sehr viele fressen“, sagt De Meester. Schlangen könnten zwar monatelang völlig ohne Nahrung auskommen. Weil sie auf den Balearen aber so viel Beute finden, „fressen sie so viel, wie sie können“.
Während auf den Pityusen das größte Problem der Verlust der Eidechsenpopulation ist, steht die Balearen-Regierung mit ihrer Behörde Cofib auf Mallorca noch vor weiteren Herausforderungen. Zwar gebe es auch hier Eidechsen, allerdings seien diese bisher nicht vom Aussterben bedroht und seien auch nicht einzigartig. „Das bedeutet aber nicht, dass die Gefahr auf Mallorca geringer ist“, stellt der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums gegenüber der MZ klar. Auf Mallorca können die Nattern neben den Eidechsen auch anderen Arten, wie etwa der nur hier nachgewiesenen Geburtshelferkröte, dem sogenannten ferreret, gefährlich werden. Zudem könnten sie besonders geschützte und sensible Gebiete wie Dragonera und Cabrera besiedeln und dort das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.
Lernen die Eidechsen dazu?
Bisher waren die Eidechsen aufgrund ihrer geringen Schreckhaftigkeit leichte Beute für die Schlangen. Doch es gibt inzwischen erste Indizien dafür, dass es damit in näherer Zukunft vielleicht vorbei sein könnte. Gilles De Meester ist zwar sehr vorsichtig und will auf keinen Fall bisher noch nicht überprüfte und unveröffentlichte Erkenntnisse preisgeben, aber er lässt durchblicken, dass die Eidechsen offenbar nach und nach die Gefahr, die von den Schlangen ausgeht, besser einzuschätzen lernen. „Wir wissen zwar nicht genau, wie die Eidechsen auf die Schlangen reagieren, haben aber festgestellt, dass sie Menschen gegenüber ein wenig vorsichtiger zu werden scheinen“, sagt der Wissenschaftler.

Gierig und elegant: die Hufeisennatter. / Guillem Casbas/CREAF
Dieser Aspekt ist gerade Gegenstand der Forschung. Gilles De Meester berichtet, dass seine Kollegen und er derzeit Experimente dazu durchführen. Noch könne er aber nicht sagen, ob sich bei den Eidechsen kognitive Veränderungen im Gehirn einstellen oder ob vor allem gesunde und kräftige Tiere überleben, weil sie schnell genug sind, um sich vor einem Angriff der Schlange zu flüchten und zu verstecken.
Wie werden die Schlangen bekämpft?
Die Gefahr ist erkannt, die Forscher versuchen nun gemeinsam mit der Artenschutzbehörde Cofib, einerseits die Eidechsenpopulation zu schützen und andererseits, die Schlangen möglichst auszurotten, wie man es beim Landwirtschaftsministerium formuliert. Das ist ein ambitioniertes Vorhaben, denn inzwischen sind auf den Balearen bereits vier verschiedene Arten von invasiven Nattern nachgewiesen – neben den beiden einheimischen serp de garriga und serp d’aigua, die ebenfalls schwimmen kann. Eingeschleppt wurden die sogenannte Treppennatter, die Hufeisennatter, die Bastardnatter und die jüngst erstmals gesichtete Gelbgrüne Zornnatter.
Die Balearen-Regierung glaubt, dass ein Zurückdrängen der Schlangen möglich sei, die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass man den Reptilien mit Fallen effektiv zu Leibe rücken könne. Allein 2025 stellte Cofib auf Ibiza und Formentera rund 2.400 Fallen auf. Etwa 4.500 Schlangen konnten auf diese Weise gefangen und getötet werden. Die Kampagne läuft seit 2016, in dieser Zeit wurden auf den Pityusen fast 23.000 Schlangen erwischt. Die Zahlen auf Mallorca liegen derzeit deutlich darunter. Hier wurden 2025 insgesamt 419 Fallen aufgestellt, vor allem in ökologisch sensiblen Gebieten wie etwa Dragonera sowie kleinen der Küste vorgelagerten Inselchen. 280 Schlangen gingen dem Cofib dabei ins Netz. Wie viele Nattern inzwischen auf den Balearen leben, darüber gibt es keine belastbaren Zahlen.

Ein erstes Schutzreservat für Eidechsen gibt es auf Ibiza bereits. / CAIB
Die Forscher versuchen unterdessen, die Eidechsen zu schützen. Gilles De Meester berichtet, dass auf Ibiza spezielle Reservate angelegt werden. Gemeinsam mit der Balearen-Regierung hat das CREAF bereits ein erstes Gehege gebaut, in dem die ibizenkischen Eidechsen vor den Nattern sicher sind. Weitere solcher Reservate sind derzeit in Planung.
Und noch einen anderen Ansatz haben die Forscher, um das Überleben der Eidechsen zu sichern: In Zusammenarbeit mit dem Zoo von Barcelona hat das CREAF ein Zuchtprogramm für die ibizenkische Eidechse aufgelegt. Erste erfolgreiche Ergebnisse gibt es bereits. Wenn eine kritische Menge an Eidechsen herangezüchtet wurde, sollen die Exemplare wieder auf Ibiza ausgesetzt werden. Auch Gilles De Meester ist optimistisch: „Ich glaube, es wird sehr schwierig, die Schlangen komplett zurückzudrängen, aber dank der Reservate und des Zuchtprogramms haben wir nun Gegenmittel.“
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