Diese unscheinbare Spinne kommt auf Mallorca häufig vor – ihr Biss kann gefährlich werden
Die Braune Violinspinne gibt es auf Mallorca häufig. Ihr Biss bleibt meist harmlos, kann in seltenen Fällen aber schwere Hautschäden verursachen. Zudem leben auf den Balearen drei Verwandte der Schwarzen Witwe

Braune Violinspinne (Loxosceles rufescens)
Am 17. Juni 2025 wacht Patrick Seidel in Cala Millor auf. „Mein Bein fühlte sich sehr unangenehm an, aber ich habe mir zunächst nichts weiter dabei gedacht“, erzählt er. Doch die Beschwerden werden schlimmer. Eine Stelle am Bein rötet sich immer stärker, später kommen Schmerzen hinzu. Irgendwann verfärbt sich die Haut schwarz.
Ein Arzt in Cala Millor verschreibt dem Teilzeit-Residenten Antibiotika. Doch sein Zustand verschlechtert sich weiter. Ärzte auf der Insel raten Seidel schließlich, sich in Deutschland behandeln zu lassen. In Berlin folgen fünf Operationen. Die Ärzte entfernen abgestorbenes Gewebe, finden aber keine klare Erklärung für das, was passiert ist. Erreger können sie nicht nachweisen. Seidel wird zum ungewöhnlichen Fall im Krankenhaus und zahlreiche Mitarbeiter sehen sich die Verletzung an. Einige türkische Ärzte berichten, sie hätten ähnliche Reaktionen bereits in ihrem Heimatland gesehen. Ihr Verdacht: Es könnte sich um einen Spinnenbiss handeln.
Bis heute hat Seidel keine gesicherte Antwort darauf, ob tatsächlich eine Spinne verantwortlich war – und wenn ja, welche. Für Guillem Pons, Biologieprofessor an der Balearen-Universität und Spezialist für Spinnen, ist die wahrscheinlichste Erklärung ein Biss der Braunen Violinspinne (Loxosceles rufescens). Die Art kommt auf Mallorca häufig vor. Ihr Biss kann in extremen Fällen zu Nekrosen der Haut, Amputationen und in sehr seltenen Fällen sogar zum Tod führen. „Aus klinischer Sicht ist sie die besorgniserregendste Spinnenart auf den Balearen“, sagt Pons.
Von Natur aus nicht aggressiv
Auf den ersten Blick wirkt das Tier eher harmlos: eine braune, dünne, langbeinige Spinne, meist zwischen zehn und 15 Millimeter groß. Ihren deutschen Namen „Violinspinne“ verdankt sie einem Muster auf einem Teil des Rückens, das an eine Geige erinnert. „Mit bloßem Auge erkennt man das aber kaum. Auch nicht, dass sie statt acht nur sechs Augen hat“, so Pons.

Die Braune Violinspinne. / Wikicommons
Die Tiere mögen dunkle und feuchte Orte. Oft finden sie sich in Höhlen, sie sind nachtaktiv und bewegen sich meist am Boden. Zu einem Biss kommt es laut Pons nur, wenn sich die Spinnen stark bedroht fühlen – und dann in der Regel nur einmal. Von Natur aus seien sie nicht aggressiv.
Pons schildert den Fall einer Frau, die zu Hause gebissen wurde. Sie hatte einen Pullover aus dem Schrank genommen. In dem Kleidungsstück hatte sich eine Spinne versteckt. Als die Frau den Pullover anzog, spürte sie den Biss. „Sie hatte die Spinne beim Anziehen gegen ihre Schulter gedrückt. Das Tier fühlte sich bedroht und biss zu“, sagt Pons.
Wie schwer die Folgen eines Bisses sind, hängt von mehreren Faktoren ab: Alter der Spinne, Geschlecht (Weibchen haben in der Regel ein stärkeres Gift), Gesundheitszustand der gebissenen Person. In den meisten Fällen wird nur ein leichter Schmerz empfunden, manchmal wird der Biss gar nicht bemerkt.
Loxoszelismus
Doch es gibt auch schwere Verläufe. Das Gift der Loxosceles-Spinnen ist komplex zusammengesetzt. Es enthält verschiedene Toxine und Proteine, die sich gegenseitig verstärken können. Besonders wichtig ist dabei das Enzym Sphingomyelinase D. Es kann eine Entzündungsreaktion auslösen, rote Blutkörperchen schädigen und schließlich zum Absterben von Hautzellen führen.

Nekrosen nach dem Biss einer Braunen Violinspinne (Loxosceles rufescens) auf Ibiza. / DI
Diese schweren Symptome, die nach dem Biss einer Violinspinne auftreten können, werden als Loxoszelismus bezeichnet. In einem Fachbeitrag schreiben Guillem Pons und seine Kolleginnen, dass die häufigste Form der sogenannte kutane, also auf die Haut beschränkte Loxoszelismus ist. Er macht 83 Prozent der Fälle aus.
Die ersten Symptome treten meist erst einige Stunden nach dem Biss auf. Innerhalb der ersten 24 Stunden kann es zu Schwellungen, örtlich begrenzten Schmerzen und einer Rötung der betroffenen Stelle kommen. Nach 24 bis 36 Stunden kann sich daraus eine sogenannte marmorierte Plaque entwickeln: eine unregelmäßig begrenzte Hautveränderung mit hellen sowie bläulichen oder rötlich violetten Bereichen. Häufig ist sie von einer verhärteten Schwellung, Rötung und starken Schmerzen begleitet.
Später kann sich an der Bissstelle eine Blase oder kleine Erhebung bilden. Daraus kann eine gerötete Hautveränderung entstehen, bei der sich rötlich violette und blasse Bereiche abwechseln. Nach etwa sieben Tagen kann sich die Stelle dunkel verfärben, und es bildet sich eine Kruste. Die Heilung kann mehrere Monate dauern, und manchmal ist ein chirurgischer Eingriff nötig. Zu den möglichen Symptomen schwererer Verläufe zählen Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und dunkler Urin.

Ein Bein nach dem mutmaßlichen Spinnenbiss. / Privat
Mehr Aufklärung unter den Ärzten nötig
Seltener ist die kutan-viszerale Form, die 16 Prozent der Fälle ausmacht. Bei ihr können neben der Haut auch innere Organe betroffen sein. Für diese Form wird eine Sterblichkeitsrate von ein bis drei Prozent angegeben. Dabei gelangt das Gift in den Blutkreislauf und kann hämolytische Veränderungen auslösen, also eine Schädigung oder Zerstörung roter Blutkörperchen. In der Folge können mehrere Organe beeinträchtigt werden.
Auch wenn schwere Verläufe sehr selten sind, sei es wichtig, dass die Ärzte über den Loxoszelismus aufgeklärt sind. „Viele wissen nichts von ihm“, sagt Pons. Er habe von Fällen erfahren, in denen Betroffenen nach einem Spinnenbiss lediglich geraten worden sei, die Wunde mit Wasser und Seife zu reinigen. Manche Patienten hätten mehrere Ärzte aufsuchen müssen, bis der Verdacht auf Loxoszelismus ernst genommen worden sei.
Was tun, wenn man eine sieht?
„Ich habe sie als Mitbewohnerinnen, aber ich kann verstehen, dass nicht jeder sie im Haus haben möchte“, sagt Pons. Er empfiehlt Klebefallen, an denen die Tiere hängen bleiben.
Giftige Spinnen auf den Balearen
Insgesamt sind auf den Balearen offiziell rund 400 Spinnenarten bekannt. Die Violinspinne ist nicht die einzige Art, deren Biss Folgen für Menschen haben kann. Drei Arten aus der Familie der Theridiidae, zu der auch die Schwarze Witwe gehört, kommen auf den Inseln vor. Bissfälle mit schwerem Verlauf beim Menschen sind Pons jedoch nicht bekannt.
Am giftigsten ist die Europäische Schwarze Witwe (Latrodectus tredecimguttatus).

Die Europäische Schwarze Witwe. / Uib
Bisher wurde sie von Forschern nur auf Menorca nachgewiesen. „Es könnte sie vielleicht auch auf den anderen Inseln geben, da wir in Wirklichkeit nur einen kleinen Einblick in die Biodiversität der Balearen haben“, sagt der Biologe.
Die Falsche Schwarze Witwe (Steatoda paykulliana) und die Große Fettspinne (Steatoda grossa) wurden dagegen auf allen Balearen-Inseln entdeckt. Diese Spinnen leben unter Steinen und weben Netze. Sie haben eine rundliche Körperform. Die Weibchen sind deutlich größer als die Männchen, und sie haben ein stärkeres Gift.

Falsche Schwarze Witwe. / Wikicomms
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