Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Der Albtraum Waldbrand: Könnte auch Mallorca zur tödlichen Falle werden?

Die tragischen Waldbrände in Almería werfen die Frage auf: Wie hoch ist die Gefahr, auf Mallorca von einem Flächenbrand eingeschlossen zu werden? Sind die Behörden auf den Notfall vorbereitet? Und wie kann sich jeder Einzelne schützen? Ein Überblick

Unvergessenes Flammenmeer: Bei dem Inferno im Sommer 2013 brannten in Andratx, Calvià und Estellencs insgesamt 2.335 Hektar Busch- und Waldland ab.

Unvergessenes Flammenmeer: Bei dem Inferno im Sommer 2013 brannten in Andratx, Calvià und Estellencs insgesamt 2.335 Hektar Busch- und Waldland ab. / Xarxa Forestal

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google
Sophie Mono

Sophie Mono

Beißender Rauch, eine Feuerwand, die in rasendem Tempo näher kommt – und kein Ausweg. Eingeschlossen zu sein von einem Waldbrand, das ist die Horrorvorstellung eines jeden Wanderers, Ausflüglers oder Fincabesitzers. In Almería auf dem spanischen Festland ist dieser Albtraum wahr geworden. 13 Menschen kamen dort vergangene Woche ums Leben, für sie gab es kein Entrinnen. Ist ein solches Szenario auf Mallorca auch möglich?

Zur falschen Zeit am falschen Ort...

„Rein theoretisch, ja“, sagt Tomeu Llabrés. Er ist der Leiter der balearischen Forstbehörde Ibanat und damit zuständig für alles, was die incendios forestales betrifft: Prävention, Eingriff, nachträgliche Aufforstung. Auch an dem Handbuch hat er mitgewirkt, jenem anschaulichen Leitfaden für Fincabesitzer, der auch auf Deutsch auf die Gefahren hinweist und praktische Tipps gibt. „Die meisten Brände, die heute auf den Balearen entstehen, sind klein und werden durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr schnell eingedämmt“, heißt es dort. Und trotzdem: An Tagen, an denen bestimmte Witterungsbedingungen an bestimmten Orten zusammenträfen, könne sich ein Feuer so stark ausbreiten, dass nicht mehr die Möglichkeit bestehe, es schnell zu löschen – unabhängig von den zur Verfügung stehenden Mitteln.

Erinnerungen an Andratx

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ein weiteres Feuer wie damals in Andratx erleben“, glaubt Llabrés. Als Auslöser reiche schon eine Zigarettenkippe oder, wie einst, nicht gänzlich erloschene Grillglut. Das Feuer von Andratx – kaum ein Inferno hat sich so sehr ins kollektive Inselgedächtnis eingeprägt wie jenes im Jahr 2013. Ganze 2.335 Hektar Busch- und Waldland fielen damals den Flammen zum Opfer, mehr als 90 Prozent davon im Gemeindegebiet von Andratx. Knapp 30 Brandlöscher aus der Luft und mehr als 400 Feuerwehrleute am Boden kämpften in jenem Sommer sieben Tage lang gegen die Flammen, Dutzende Anwohner mussten in Notunterkünften untergebracht werden. Immerhin: Bis auf leichte Rauchvergiftungen kamen keine Menschen zu Schaden.

Ein Löschhubschrauber des Ibanat im Einsatz

Ein Löschhubschrauber des Ibanat im Einsatz / Oriol Domenech Agenjo

„Aber man darf nicht darauf vertrauen, dass es so ausgeht. Es gibt Brände, und es wird weitere geben, also müssen wir vorbeugen, das ist das A und O“, betont Llabrés. Innerhalb der Forstbehörde tut man das jeden Tag: 350 ausgebildete Waldbrandbekämpfer werden regelmäßig fit gehalten, neun Flugzeuge und Hubschrauber stehen zur Verfügung, dazu kommen 17 speziell für Waldbrände konzipierte Spritzenwagen. Vor allem in der kritischen Zeit, zwischen dem 1. Mai und dem 15. Oktober, sind alle in Alarmbereitschaft.

Unterstützung gibt es zudem, je nach Einsatzort und Dringlichkeit, von der Feuerwehr Mallorcas. Regelmäßig werden Übungen abgehalten. Auch die technischen Hilfsmittel werden immer ausgeklügelter. „Die neun Überwachungstürme in den Wäldern sind immer noch aktiv. Hier beobachten wir Rauchentwicklungen. Hinzu kommen seit einigen Jahren 40 Überwachungskameras an strategischen Stellen.“ Bald dürfte auch der neue Balearen-Satellit „Posidònia“ die Brandkontrolle weiter vorantreiben: Aus dem All erhalten die Behörden Erdbeobachtungsdaten mit deutlich geringerer Zeitverzögerung als bisher. In Notfällen wie bei Großbränden ein Vorteil für die Koordination der Einsätze.

Unvergessenes Flammenmeer: Bei dem Inferno im Sommer 2013 brannten in Andratx, Calvià und Estellencs insgesamt 2.335 Hektar Busch- und Waldland ab.  | FOTO: XARXA FORESTAL

Mitarbeiter der Forstbehörde Ibanat löschen ein Feuer im Wald / CAIB

Steigende Gefahr

„Es wird immer mehr Geld bereitgestellt für immer bessere Ausrüstung. Aber letztlich geht es nicht in erster Linie darum, technisch aufzurüsten, sondern darum, dass die Bevölkerung mithilft, präventiv Feuer zu verhindern“, so Llabrés. Denn dass die Waldbrandgefahr trotz der Hilfsmittel steige, sei kein Geheimnis: Durch immer weniger landwirtschaftliche Nutzung breiteten sich die Wälder der Insel von Jahr zu Jahr weiter aus. „Das ist wie bei einem Kaminfeuer: Es brennt stärker, je mehr Brennstoff es bekommt.“

Bei der letzten Waldinventur 2012 zählten die Experten auf den Balearen gut 150.000 Hektar bewaldete Fläche, was rund 41 Prozent der Gesamtfläche der Inseln ausmacht – 25 Prozent mehr als noch in den 1970er-Jahren. Mittlerweile dürfte der Anteil noch weiter gestiegen sein. Zudem führe der Klimawandel mit seinen Extremwettern zu mehr Waldbrandgefahr: Ungewöhnlich nasse Winter wie der vergangene ließen das Buschwerk in den Wäldern wuchern. Folge dann ein so heißer Sommer wie jetzt, entwickle sich das dicht gewordene Unterholz schnell zu idealer Nahrung für Feuer.

Dabei seien die Brandursachen nur bedingt verhinderbar: In den Jahren 2000 bis 2019 wurden 55 Prozent der insgesamt 2.330 Waldbrände auf den Balearen auf Fahrlässigkeit und Unfälle zurückgeführt, 33 Prozent gingen mutmaßlich auf die Kappe von Brandstiftern.

Alle müssen mitziehen

„Letztlich müssen wir alle lernen, mit den Bränden zu leben und uns bestmöglich dagegen schützen“, resümiert Llabrés. Dies sei besonders wichtig, weil in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Häuser oder Wohngebiete in Waldnähe entstanden seien. Seit etwa 15 Jahren bekäme man in besonders gefährdeten Gebieten zwar keine Baugenehmigung mehr. Aber die bereits bestehenden Häuser bereiteten Probleme. „Im Ernstfall ist unsere Priorität immer erst der Schutz der Menschen, dann der Güter wie Gebäude und danach der Waldfläche“, erklärt der Leiter der Forstbehörde. Entsprechend hoch sei der Druck in Häusernähe. „Hier haben wir Gebiete mit hohem Risiko und Häusern, die extrem in Gefahr sind. Wenn die Eigentümer da nicht präventiv mitziehen und ihre Grundstücke absichern, erschwert das unsere Arbeit unnötig.“

Der erste Schritt, um zu lernen, mit Waldbränden zu leben, bestehe darin, zu erkennen, wie gefährdet das eigene Heim wirklich sei und welche Gebäudeteile und angrenzenden Bereiche ein Feuer anziehen und das Haus beeinträchtigen können. „Wer einige Grundregeln einhält, kann die Gefahr, dass das eigene Haus tatsächlich in Flammen aufgeht, deutlich verringern. Manche dieser Regeln sind Vorschriften, die ausländischen Residenten oft unbekannt sind“, so Llabrés. Vermeintliche Kleinigkeiten können den Unterschied ausmachen – und letztlich Leben retten.

Im Notfall richtig handeln

Kommt es zum Ernstfall, sollte zunächst der Notruf 1 12 verständigt werden. Details über die Art des Rauchs und die umliegende Vegetation könnten hilfreich sein. Wenn das eigene Haus betroffen ist und das Feuer es tatsächlich umzingelt, wird geraten, alle Fenster, Türen und andere Öffnungen zu schließen und im Haus zu bleiben. Außerdem wichtig: alle Versorgungseinrichtungen wie Gas und Strom abschalten. „Lassen Sie den Eingang zum Grundstück offen, falls die Feuerwehr ihn benötigt“, heißt es zudem im Waldbrand-Handbuch. Elektronische Toröffnermechanismen sollten dann abgeschaltet werden.

Archivbild: So sah das verbrannte Gelände um Andratx nach dem verheerenden Waldbrand im Sommer 2013 aus

Archivbild: So sah das verbrannte Gelände um Andratx nach dem verheerenden Waldbrand im Sommer 2013 aus / Redaktion DM

Auch wer in einem Wald unterwegs ist, wo ein Feuer ausbricht, sollte einige Faustregeln beachten. „Entfernen Sie sich, indem Sie sich gegen die Windrichtung bewegen, wenn Sie ein Gebiet betreten können, das bereits gebrannt hat“, rät der Leitfaden. „Hüten Sie sich vor Rauch, binden Sie sich ein nasses Tuch über Nase und Mund und halten Sie sich nicht in geschlossenen Räumen wie Brunnen oder Höhlen auf. Gehen Sie möglichst in die Nähe des Meeres und wenn nötig ins Wasser.“ Ansonsten sei es ratsam, die Wege nicht zu verlassen – was aufgrund des Geländes der Insel oft ohnehin schwer wäre und das Fortkommen verlangsamen würde. Wer in einem Auto unterwegs ist, sollte an einem Ort ohne Vegetation anhalten, die Fenster schließen und die Lüftung ausmachen. „Schalten Sie das Licht ein, damit Sie leichter zu finden sind.“

Ihm gehe es nicht darum, Panik zu schüren, betont Llabrés. Doch übertriebene Gelassenheit sei ebenso wenig angesagt: „Jeder sollte das Risiko ernst nehmen.“

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents