Mallorcas Wunderpflanze geht weiter zurück: Bis zu 40 Prozent weniger Posidonia durch die Meereserwärmung
Ein neuer Belastungsindex namens „Stress Degree Days“ misst die langfristigen Folgen der thermischen Belastung für die Pflanzen

Seegraswiesen sind für das Ökosystem im Mittelmeer sehr wichtig / Xavier Mas
Die Seegraswiesen der Posidonia Oceanica, einer ausschließlich im Mittelmeer vorkommenden Meerespflanze, sind wie Wälder unter Wasser. Zahlreiche Tiere und andere Organismen nutzen sie als Lebensraum sowie zur Nahrungssuche und Fortpflanzung. Doch die zunehmende Erwärmung des Mittelmeers setzt den Beständen immer stärker zu.
Eine Studie des Forschungsinstituts IFISC-CSIC-UIB, des CEAB-CSIC und der König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technologie in Saudi-Arabien zeigt, dass eine lang anhaltende Erwärmung die Posidonia-Wiesen im Mittelmeer schädigt. Der über längere Zeit angesammelte Hitzestress verringert ihre Ausdehnung und verändert ihre Struktur – selbst wenn keine unmittelbar lebensbedrohlichen Temperaturen erreicht werden.
In den am stärksten betroffenen Gebieten ist die Fläche der Seegraswiesen laut den Forschungsergebnissen um mehr als 40 Prozent zurückgegangen.
Anhaltender Hitzestress
Die Wissenschaftler nutzten künstliche Intelligenz und Satellitenbilder mit hoher Auflösung. Damit stellten sie erstmals einen Zusammenhang zwischen der chronischen Erwärmung des Wassers, dem Verlust an Posidonia-Flächen und der zunehmenden Zerstückellung der Seegraswiesen her, wie das CEAB-CSIC mitteilte.

Karte zur thermischen Belastung im Mittelmeerraum / CSIC
Die Posidonia-Wiesen bilden eine der wichtigsten Grundlagen der Küstenökosysteme im Mittelmeerraum. Ihre Bestände gehen jedoch immer schneller zurück. Neben der Erwärmung tragen dazu auch Faktoren wie die Einleitung von Schadstoffen und das massenhafte Ankern von Booten bei.
Bisher untersuchten die meisten quantitativen Studien die Auswirkungen des Klimawandels vor allem anhand der Überschreitung bestimmter Temperaturgrenzen. Die neue Untersuchung zeigt dagegen, dass auch chronischer und angesammelter Hitzestress die Seegraswiesen schädigen und aufspalten kann, ohne dass kritische Temperaturen erreicht werden.
Neuer Belastungsindex
Um die langfristigen Folgen zu messen, entwickelte das Forschungsteam einen physiologisch basierten Index mit der Bezeichnung „Stress Degree Days“ (SDD). Damit lässt sich erfassen, wie sich thermischer Stress unter wechselnden Umweltbedingungen über einen längeren Zeitraum auf einen Organismus auswirkt.
Anders als Ansätze, die sich ausschließlich auf einzelne Temperaturspitzen konzentrieren, berücksichtigt der neue Wert die gesamte angesammelte Wärmebelastung. Die Wissenschaftler werteten historische Daten zur täglichen Oberflächentemperatur des Meeres aus den Jahren 2000 bis 2020 aus und kombinierten sie mit den Sterberaten der Pflanzen. Auf diese Weise berechneten sie die angesammelte Wärmebelastung im gesamten Mittelmeerraum.
Deutlich weniger Seegras
Anhand von mehr als 30 Satellitenaufnahmen aus verschiedenen Regionen des Mittelmeers ermittelten die Forscher die Ausdehnung der Posidonia-Wiesen und den Grad ihrer Zerstückelung.
Dabei zeigte sich, dass Gebiete mit einer besonders hohen angesammelten Wärmebelastung vor allem an den südlichen und östlichen Küsten des Mittelmeers liegen. Dort ist die Fläche der Seegraswiesen um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Zugleich sind die Bestände stark fragmentiert.

Poseidonia Oceanica in einem guten Zustand. / CMA/Ibanat
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine lang anhaltende Erwärmung die Posidonia-Wiesen schrittweise schädigen und ihre Struktur verändern kann, noch bevor tödliche Temperaturen erreicht werden. Die Folgen des Klimawandels müssten deshalb nicht nur anhand extremer Hitzeereignisse bewertet werden, sondern auch anhand der Dauer und der angesammelten Intensität der Wärmebelastung.
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