10. Juni 2018
10.06.2018

Als das Fliegen nach Mallorca größer, bunter und lustiger war

Fliegen ist heute für viele wie Busfahren. In den 60er- und 70er-Jahren war das anders. Ex-Stewardess Margitta Weber erzählt von ihren Anfangsjahren bei Condor, als noch der Jumbo auf Mallorca landete

10.06.2018 | 01:00
Der am Bauch silbern glänzende Jumbo „Fritz" der Condor Flugdienst GmbH bot Platz für über 500 Menschen. Im Einsatz war er etwa acht Jahre, auch auf Mallorca-Flügen.

Wenn Margitta Weber am Telefon von ihrer Zeit als Stewardess bei der Fluggesellschaft Condor erzählt, muss sie selbst ab und zu lachen. Die heute 77-Jährige begann im Januar 1965 bei der gerade einmal zehn Jahre alten und damals zur Lufthansa gehörenden Condor Flugdienst GmbH – als Flugbegleiterin mit der Nummer 7 – „mehr gab es zu dieser Zeit nicht." 30 Jahre lang flog sie zwischen Deutschland und Mallorca, den Kanaren und anderen Sonnenzielen hin und her. „Das war damals eigentlich fast eher Urlaub als Arbeit." Heute lebt sie in Duisburg.

Margitta Weber hat einen großen Teil der Firmengeschichte von Condor miterlebt und mitgeprägt. Und einen wichtigen Teil dieser Geschichte nimmt Mallorca ein. Die Insel ist seit jeher das wichtigste Ziel der Airline, das hat sich bis heute nicht verändert.

Verändert hat sich aber das Leben als Flugbegleiterin, das wird im Gespräch mit Margitta Weber deutlich. Damals war alles neu, aufregend und Welten entfernt vom heutigen Konkurrenzkampf im Flugverkehr. Die Flugzeuge boten damals Beinfreiheit wie in einer VIP-Loge eines Theaters, Sicherheitsbestimmungen waren nahezu inexistent, vielfach machte die Crew einen Flug und hatte dann eine Woche bezahlten Urlaub, weil der nächste Rückflug in die Heimat eben erst nach sieben Tagen ging. „Das war zum Beispiel bei den weiter entfernten Zielen wie Ceylon oder Namibia so", erzählt Weber. „Wir hatten dann eine Woche bezahlten Strandurlaub, weil es teurer gewesen wäre, wenn uns das Flugzeug zurückgebracht hätte."

Es war familiärer


Familiär sei es an Bord zugegangen, sagt Weber. In den Anfangsjahren sei es durchaus üblich gewesen, mit den Passagieren Spiele zu veranstalten, um sie bei Laune zu halten. „Es gab ja sonst keine Bordunterhaltung, und die drei Stunden nach Mallorca ­konnten sich dann schon ganz schön hinziehen." Die ersten Maschinen, die sogenannten Vickers Viscount, die von 1961 bis 1968 auf den Mallorca-Flügen zum Einsatz kamen und gerade einmal 64 Passagieren Platz boten, benötigten für die Strecke damals noch rund eine Stunde mehr als heute. Und da rief der Pilot dann schon mal zu einem Quiz an Bord auf. „Der Sieger gewann dann den Landeanflug auf Mallorca im Cockpit." Oder die musikalisch talentierteren Flugbegleiter brachten ihre Gitarre mit und sangen mit den Passagieren gemeinsam an Bord. „Es gab auch einmal die Idee, vor den Toiletten Spielautomaten aufzustellen. Aber man nahm dann davon wieder Abstand, weil die dauernden Geräusche der Automaten wahrscheinlich die anderen Passagiere gestört hätten", sagt Weber.

Die Condor Flugdienst GmbH war zu Beginn der deutschen Zivilluftfahrt beinahe das Maß aller Dinge: So hatte das Unternehmen 1962 an der gesamten deutschen Flugtouristik einen Anteil von 63,3 Prozent. Rund 32.000 Passagiere wurden in diesem Jahr befördert – Mallorca war mit 18.400 Passagieren der Spitzenreiter.

Die Flugzeuge „Fritz" und „Max"


Vielleicht der Meilenstein für Condor war der Kauf eines Jumbos im Jahr 1971. Der beeindruckende Bauch des silbern glänzenden Flugzeugs – auf eine Lackierung hatte man angesichts des deutlich höheren Spritverbrauchs bewusst verzichtet – zog die Aufmerksamkeit der Massen auf sich. 496 Sitzplätze gab es an Bord, erzählt Margitta Weber etwas wehmütig. Mit Babys ohne eigenen Sitz und Besatzung also deutlich mehr als 500 Menschen in einer Maschine. Nie zuvor und danach flog ein derart großes Passagierflugzeug Mallorca an. Zur Identitätsstiftung in der deutschen Bevölkerung trug auch der zugegebenermaßen geschickte Marketing-Gag von Condor bei, das Flugzeug sowie seinem baugleichen Bruder, der ein Jahr später in Betrieb genommen wurde, auf die Namen „Fritz" und „Max"
zu taufen.

Schon der Überführungsflug von Seattle nach Frankfurt war ein Ereignis. Margitta Weber war damals an Bord mit einer ­Handvoll geladenen Gästen und Journalisten. Geplant war eigentlich, in der Luft ein Radrennen zu veranstalten, um zu zeigen, wie viel Platz im Bauch des Flugzeugs war. Allerdings wurden die Räder vor dem Start geklaut. „Man disponierte dann schnell um und organisierte ein Tischtennisspiel an Bord. Die Condor-Crew gewann natürlich gegen die Journalisten", erinnert sich Weber.

Vor eine logistische Herausforderung stellten die Jumbos vor allem die kleineren Flughäfen in den Urlaubsgebieten, wie etwa Mallorca, Ibiza oder auch die Kanaren. „Sie müssen sich das mal vorstellen. Teilweise sind auf Mallorca zwei Jumbos innerhalb von einer halben Stunde gelandet, mit ­insgesamt 1.000 Passagieren. Das war zu dieser Zeit eine riesige Zahl", erzählt Weber. Insgesamt gab es zu dieser Zeit in Son Sant Joan rund 3,5 Millionen Passagiere im Jahr – im vergangenen Jahr waren es mehr als 25 Millionen.

Keine Sicherheitskontrollen


Um die Abfertigung der beiden Jumbos zu erleichtern, griff man auf Mallorca zu einem unkonventionellen Verfahren: In den Zaun, der den Flughafen umgab, wurde ein großes Loch geschnitten, durch das die Fluggäste nach dem Aussteigen direkt zu ihren Bussen liefen, die sie in die Hotels brachten. Das Terminal wäre mit einem derartigen Ansturm überfordert gewesen. ­Sicherheitskontrollen gab es überhaupt keine, Passkon­trollen erst an Bord, die spanischen Polizeibeamten flogen einfach mit nach Deutschland und kontrollierten während des Fluges, um Zeit zu sparen. Im Flugzeug setzten sich die Passagiere einfach nach Gutdünken hin, Platzkarten gab es nicht. „Das führte zu dem kuriosen Phänomen, dass die Leute auf den letzten Metern auf dem Rollfeld immer schneller liefen und schließlich rannten, um als Erste einen der begehrten Fensterplätze zu ergattern", erinnert sich Weber. Sie empfing die Passagiere dann an Bord mit einem Preis für den, der als Erster ankam. „Der bekam dann oft eine Banane oder ein Glas Sekt."

Männer trugen Anzüge


Natürlich war in den 60er- und 70er-Jahren das ­Fliegen noch etwas Besonderes. Die Passagiere erschienen nicht einfach, wie heute oftmals üblich, in Shorts und abgeranzten T-Shirts. „Die Männer trugen oft Anzüge, die Damen kamen im Kostüm und hatten häufig ein Hütchen auf." Wenn jemand bei der Kleiderordnung komplett aus dem Rahmen fiel, dann musste er schon mal unfreiwillig den Urlaub verlängern. „Ich habe auf den Malediven einmal einem Mann, der barfuß und mit einem Hawaii-Hemd zum Flieger kam, den Zutritt an Bord verwehrt. Und er war nicht der einzige Fall."

Auch Probleme mit Betrunkenen habe sie bereits in den Anfangsjahren des Fliegens gehabt, berichtet Weber. Das sei auf Mallorca-Flügen allerdings nicht schlimmer gewesen als auf anderen Strecken auch. Einmal habe sich ein Vorstandsmitglied einer großen deutschen Bank an Bord derart daneben benommen, dass er bei einem der damals vor allem auf Langstreckenflügen noch durchaus zahlreichen Zwischenstopps des Flugzeugs verwiesen wurde.

Aber auch witzige Anekdoten weiß Weber zu erzählen. Als sie bereits verantwortliche Flugbegleiterin an Bord war, hatte sie bei einem Flug vergessen, Brot einzuladen. „Da kam ein Passagier zu mir und meinte, er habe zwei ganze Brote dabei. Die haben wir dann unter den Fluggästen aufgeteilt."

Brenzlige Situationen an Bord habe sie wenige gehabt, sagt sie. Nur einmal, da sei ein Passagier zu ihr gekommen und habe um zwei Schlaftabletten gebeten. „Als wir fragten, wofür er die brauche, gab er zu, dass er zwei Äffchen aus Afrika an Bord geschmuggelt habe. Damit sie nach der Landung keinen Lärm im Flughafen machten, wollte er sie mit den Tabletten betäuben." Für die Äffchen ging die Geschichte nicht gut aus: Nach der Landung in Deutschland waren beide tot. Die Wirkung der Schlaftabletten war offenbar zu stark.

Ende der 70er-Jahre entschied sich die Condor, die beiden Jumbos „Fritz" und „Max" an andere Airlines zu verkaufen und stattdessen drei DC-10-Maschinen anzuschaffen. Die waren sparsamer und flexibler einsetzbar. Der Mallorca-Boom erreichte unterdessen ungeahnte Höhen. „Es war damals eben auch gut zu bezahlen, jedes Jahr kamen mehr Leute." Bald fanden die Flüge täglich statt, dann mehrmals am Tag.

Crew-Haus an der Playa


Margitta Weber kam weiter regelmäßig auf die Insel. Heute kennt sie Mallorca wie ihre Westen­tasche, sagt sie. Auf der Insel wurde die Besatzung in den Anfangsjahren zunächst in einem Hotel untergebracht, bevor Condor ein sogenanntes Crew-Haus einrichtete. „Das war wahrscheinlich vorher ein kleines Hostel mit etwa 20 Zimmern und wir hatten sogar eine Art Haushälter dort, der sich um alles gekümmert hat", sagt Weber. Das Haus befand sich zwischen Arenal und Can Pastilla und war rund 500 Meter vom Strand entfernt. „Wir waren wie eine große Familie, weil wir ja ständig gemeinsam in dieses Haus kamen." Noch heute organisieren die Crew-Mitglieder von damals jährliche Treffen. „Da kommen regelmäßig an die 300 Leute."

Margitta Weber selbst ging nach 30 Berufsjahren 1995 in Rente. „Damals wurden wir alle mit 55 pensioniert, heute muss man ja deutlich länger fliegen, und auch die Arbeitsbedingungen sind keineswegs mehr so paradiesisch wie früher." Mit den heutigen Stewardessen tauschen will Weber nicht im Traum. „Meine Generation hat ein tolles Leben gehabt", sagt sie. „Und Condor war mein Leben."

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