23. Oktober 2020
23.10.2020
Mallorca Zeitung

Corona-Schleichwege: Protokoll einer Reise nach Mallorca

Ist in Zeiten der Pandemie ein Risiko nur gegeben, wenn eine Grenze dazwischenliegt? Eindrücke und Betrachtungen von einer herbstlichen Reise mit dem Auto von Mainz nach Mallorca, aufgezeichnet und aufgeschrieben von dem Architekten und "Urban Sketcher" Emil Hädler

23.10.2020 | 01:00
Eindrücke einer herbstlichen Reise nach Mallorca in Wort in Bild.

Es geht wieder los! Die zweite Corona-Welle rollt – man mag sie nennen, wie man will. In Spanien und Frankreich erreichen Neuinfektionen Höchststände. Das Robert Koch-Institut erklärt ein europäisches Land nach dem anderen zum Risikogebiet. Vor den Herbstferien spricht die Bundesregierung neue Reisewarnungen aus und betont, dass es sich keineswegs um Reiseverbote handle: Jeder müsse selbst wissen, was er tut – aber Abschreckung sei gewollt. Rückkehrer erwartet die Quarantäne und der verpflichtende Corona-Test.

Wer entgegen der ausdrücklichen Empfehlung eine nicht notwendige Reise antritt, gehört zu den Uneinsichtigen – vielleicht zu den Verantwortungslosen, die die Erfolge der letzten Monate mutwillig verspielen?

Was erwartet den Reisenden in diesen Tagen, wenn er mit dem Auto über die Grenzen fährt? Wie gefährlich ist das? Wie ergeht es den Nachbarn, die in den Herbstferien deutsche Urlauber erwartet hatten? Nach der Konferenz der Ministerpräsidenten Ende September, nach erneuter Reisewarnung bleiben die daheim oder reisen in Deutschland. Doch wie ergeht es ihnen da? München und Berlin reißen die kritischen Grenzwerte. Wird nicht auch vor Reisen in diese deutschen Großstädte gewarnt? Ist das österreichische Tirol gefährlicher als das bayerische Garmisch? Wer deutet uns die Wasserstandsmeldungen? Welchem Virologen folgen wir? Und welcher Verschwörungserzählung?

Ausgerechnet nach Mallorca, ins ultimative No-Go


Wir brechen auf, bevor die Herbst-Eskalation so richtig los geht – ausgerechnet nach Mallorca, ins ultimative
No-Go. Risikogebiet ist Spanien bereits eine Weile, seit Kurzem auch Frankreich. Während wir reisen, kommt ein Land nach dem anderen hinzu. Den Flieger vermeiden wir – fünf Tage auf dem persönlichen Corona-Schleichweg durch das Elsass in die Schweiz, über den Sankt Bernhard nach Italien, durchs Piemont nach Toulon: acht Grenzübertritte, zwei Alpenpässe, eine Fähre.

Daheim beklagt oder verteidigt jede zweite Talkshow die Einschränkung der persönlichen Freiheit: die Maske als Symbol. Nirgendwo jenseits der Grenzen erscheint sie fraglich: Maske auf der Straße wird einfach getragen. Italien hat seine Lektion gelernt. Mitten in Turin, der Hauptstadt des Piemont, Corona-Hotspot im März, dürfen wir uns sicher fühlen angesichts konsequenter Einhaltung der Regeln: Maske drin und draußen – Abstand – Hände waschen – Desinfektion.


Auf der Fähre gibt es keine Engpässe, keine Flaschenhälse beim Einchecken. Jeder sitzt in seinem Auto. Das Fieber wird gemessen, eine Corona-Selbstauskunft ist Pflicht. Nur die Hälfte der Plätze auf dem Schiff ist vergeben, ein Parkdeck ganz geschlossen, in der Lounge sitzen wenige Leute auf Abstand und maskiert, oben auf Deck in der Brise ist der Aufenthalt sowieso problemlos. Da nehmen's die deutschen Landsleute nicht so genau wie Schweizer, Italiener, Franzosen, Spanier. Wo erleben wir das reale Risiko höher: Unterwegs? Daheim? Es bleiben dennoch die besorgniserregenden Zahlen.

Es wird schon gut gehen – hoffentlich


Zu Hause wurde der Terminkalender voller: Theater und Konzerte waren endlich wieder im Angebot, das Kino lockt, Treffen mit den Urban Sketchers, ein Werkbund-Projekt, dazu Ausstellungen, Vernissagen. Auch wenn die Abstände stimmen, die Regeln in der Regel eingehalten werden: Die Frequenz nimmt zu und jedes Mal sind es andere, die sich da treffen. Es wird schon gut gehen – hoffentlich.

Vielleicht war diese Abreise eine Art Selbst-Überlistung gegenüber den Verlockungen zu Hause. Tatsächlich erleben wir dieselben Orte, die wir im März fluchtartig im Shutdown und auf den letzten Drücker vor der Grenzschließung verlassen mussten, ein halbes Jahr später wie eingefroren, wie evakuiert: Es ist niemand da. Die deutsche Buchhändlerin an einem bekannten Seniorenstrand vergleicht die Lage etwas übertrieben mit Tschernobyl: Alle sind weg. Gras wächst in der Hoteleinfahrt des Boulevards Peguera – eine Geisterstadt nach dem Goldrausch. An wem sollten wir uns infizieren?


Restaurant-Terrassen sind geräumt, mit Flatterband umwickelt, Schaufenster von innen mit weißer Farbe gestrichen: Hier macht demnächst niemand mehr auf. Gelegentlich steht auf einem Pappschild in Deutsch: „Wir sind 2021 wieder für sie da" – und darunter verzweifelt: „Bleiben Sie uns treu!" Nur der Grillmüller brät noch Thüringer und Currywurst: Fast Food/deutsche Küche – für wen?

Öde Leere, der spröde Charme von #lostplaces


Wir wagen eine Expedition ins Epizentrum des Risikogebiets: die Playa de Palma. Der Sommer hat in einem Großversuch noch einmal 10.000 Test-Touristen nach Mallorca gebracht, bis doch wieder zu viele Irre sich wie früher eng und ungeschützt zur Party trafen. Nun ist der Ballermann behördlich geschlossen, der König von Mallorca ohne
Publikum. Es herrscht nicht nur dort öde Leere, der spröde Charme von #lostplaces.

Zwischen den Busstationen Balneari 6 und Balneari 7 warten afrikanische Flüchtlinge auf Urlauber, die sich nicht mehr einstellen wollen, hängen an der Strandpromenade ab. Niemand kauft ihre Fake-Ware: Taschen, Gürtel, Strandutensilien. Die menschenleere Trostlosigkeit entlarvt ihre absurde Seite in grellen Bildern. Balneari war wohl für die deutschen Gäste auch zu schwierig auszusprechen. Ballermann ging da leichter über die lallende Zunge.

Seitdem klar ist, dass die deutschen Herbstferien in Mallorca ausfallen, wird der Strand rückgebaut: die blauen Liegen, ohnehin im Sand vom Wind eingeweht, braucht niemand mehr – auch nicht die schilfgedeckten Sonnenschirme mit ihrem Schopf. Wie Skelette stecken die Stängel ohne Dach im Boden, aber die fröhlich-gelben Strandwächter-Türme sind noch besetzt: Tagsüber langweilen sich dort zwei Lebensretter.

Das Feriengefühl will sich nicht einstellen


Noch immer lädt das Meer zum Baden ein mit angenehmen Temperaturen im Wasser. Bei Sonne, 25 Grad und leiser Brandung herrscht dennoch kühle Februar-Stimmung. Hat man sich nicht immer nach einsamen Stränden gesehnt? Hier sind sie nun, leer wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr. Aber das Feriengefühl des Monsieur Hulot will sich nicht einstellen.

Unsere Tochter Roberta kommt für eine Woche aus Barcelona mit der Fähre herüber ins Homeoffice – Corona-negativ getestet. Sie beobachtet, dass die Menschen auf Mallorca umsichtiger mit den Regeln umgehen als auf dem Festland. Innerhalb Spaniens wird eine Reise ebenso wenig kritisch gesehen wie innerhalb Deutschlands. Zweifellos ist Madrid eine Krisenregion, Barcelona ein Hotspot wie München, wie Berlin. Ist ein Risiko nur gegeben, wenn eine Grenze dazwischenliegt? Zur Côte d'Azur ja, zur Costa Brava nein? Das Restrisiko nimmt uns die Reisewarnung nicht ab. Hier an den menschenleeren spanischen Stränden dürfte es geringer sein als auf dem Mainzer Wochenmarkt.

Was für eine Rückreise wird das werden?


Am Abend wird es nun kühler. Ein erster Herbststurm wühlt das Meer auf, peitscht die Palmen und verkündet das Ende der Saison, die nicht stattgefunden hat. Die Temperaturen fallen, aber tagsüber hat die Sonne noch Kraft. Gedämpft dringt am Kiosk die Wirklichkeit der Schlagzeilen durch, hinein in diese nachdenkliche Nicht-Reisezeit: Wir erfahren, dass Donald Trump mit dem Coronavirus infiziert ist. Er hat wohl ein paar Regeln nicht befolgt. Hat er sein Risiko falsch eingeschätzt? Schätzen wir das unsrige richtig ein? Was für eine Rückreise wird das werden? In was für eine Wirklichkeit im Herbst?

Emil Hädler illustriert und schreibt jeden?Monat eine Kolumne für den deutschen Werkbund: www.deutscher-werkbund.de

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