06. Dezember 2020
06.12.2020
Mallorca Zeitung

Workation und Coliving: das Büro nach Mallorca verlegen

Warum nicht bei milderem Klima am Schreibtisch sitzen? Vor allem in der Pandemie scheint das eine attraktive Option, zu sein. Auch die Hotels sehen darin eine Chance

06.12.2020 | 01:00
Beim Arbeiten im MHouse in Palma ein paar Sonnenstrahlen einfangen.

Wenn Paola Téllez morgens auf Mallorca aufwacht, fragt sie oft erst einmal in die WhatsApp-Gruppe ihrer großen Wohngemeinschaft, wer Lust hat, mit ihr Morgenfitness zu machen. Meistens raffen sich ein paar ihrer derzeit acht Mitbewohner, die aus ganz verschiedenen Ländern stammen, auf. Im Anschluss wird, bis eine kleine Gruppe anfängt, gemeinsam zu kochen, am langen Wohnzimmertisch gearbeitet. Jeder an seinem Projekt, aber immer mit offenem Ohr für das Gegenüber. Die meisten von Téllez' Mitbewohnern sind selbstständig oder Jungunternehmer, die sich von ihren Homeoffice-Kollegen neue Ideen und Unterstützung holen wollen. Vorübergehend zusammenleben können sie nur, weil es ihnen ihr Job erlaubt, von überall auf der Welt aus zu arbeiten.

Das Konzept der sogenannten „digitalen Nomaden" ist nicht neu. Mit der Pandemie jedoch hat es deutlich an Bedeutung gewonnen. Da mittlerweile immer weniger Mitarbeiter vor Ort im Büro erscheinen müssen, lässt sich der Schreibtisch oft auch eine Zeit lang nach Mallorca verlegen. „Co-Working & Co-Living" oder „Workation" wird das Arbeitsmodell genannt.

„Weltweit sind viele Städte gerade im Lockdown. Hier auf der Insel gibt es nur wenige Corona-Fälle und man kann ein halbwegs normales Leben führen", sagt Téllez, die aus Kolumbien kommt. „Ich habe in den vergangenen Jahren schon viel Erfahrung mit Co-Living in Medellín, im Silicon Valley und in Berlin gesammelt. Auf der Suche nach einem neuen Arbeits- und Wohnort bin ich dann auf das Sunshine Embassy in Palma gestoßen". Beruflich erstellt sie Online-Angebote für das emotionale Wohlbefinden auf der von ihr gegründeten Plattform www.impactminds.org. Die 29-Jährige bleibt meist drei bis vier Monate in einer Unterkunft. Erst seit drei Wochen lebt und arbeitet sie nun von einem der beiden Standorte aus, die die Mallorquinerin Paula Bublay betreibt.

Sunshine Embassy: Land und Stadt

Die Idee, auf der Insel ein Co-Living-Start-up zu gründen, brachte Bublay aus ihrer Zeit in Kalifornien mit. Nach einer Testphase auf einer Finca in Selva Ende 2019 (MZ berichtete) betreibt sie seit Juli 2020 eine Co-Living-Unterkunft in Valldemossa und seit Oktober 2020 die an der Plaça del Mercat nahe des Borne in Palma de Mallorca. „Unsere Mitglieder leben derzeit lieber in der Stadt, da sie dadurch unabhängiger sind", sagt Bublay. Auch die Aufenthaltsdauer sei mittlerweile länger.

Während sich die meisten anfangs nur zehn bis 14 Tage einmieteten, würde der Großteil der Bewohner, die zwischen 26 und 44 Jahre alt sind, derzeit länger als einen Monat bleiben.

550 Euros pro Monat kosten die Zimmer, die man sich mit einer weiteren Person teilen muss, Einzelzimmer kosten 900 Euro. In der Unterkunft in Palma de Mallorca gibt es zudem Einzimmerwohnungen (Studios) für 1.400 Euro. Im Preis enthalten ist neben der Nutzung der Arbeits- und Wohnräume auch die Teilnahme an den Aktivitäten, die die Gruppe regelmäßig organisiert, etwa Ausflüge in die Berge, Yoga-Kurse oder Workshops. Genau diese Gemeinschaft sei es, die Menschen vor allem in Pandemie-Zeiten suchen. „Sie haben Angst vor einem weiteren richtigen Lockdown, den sie dann womöglich allein zu Hause verbringen müssten. Stattdessen suchen sie nach einem sicheren Ort, der auf gewisse Art eine Familie ersetzt, wollen neue Leute kennenlernen, die sie inspirieren, damit sie auch in ihren Projekten maximal produktiv sind", sagt Bublay, die bei potenziellen Bewohnern in einer Art Bewerbungsgespräch erst einmal abcheckt, ob sie auch ins Raster passen. Wer nur eine nette Wohnmöglichkeit sucht, ohne sich in die Gemeinschaft einzubringen, hat schlechte Karten. Das Alter ist nicht entscheidend. „Auch Rentner, die sich inspirieren lassen und die Arbeit der anderen kennenlernen und sie darin unterstützen wollen, sind willkommen", so Bublay. Die Adressen der Unterkünfte gibt Bublay bewusst nicht im Internet bekannt, damit Neugierige nicht einfach so spontan vorbeischauen können und die Privatsphäre der Bewohner der Unterkünfte gewahrt wird.

Lucky Paradise: Die Ökos

Im August mit ähnlich vielversprechendem Namen hinzugekommen ist auch die Co-Living-Öko-Finca von Lucky Paradise, die der Franzose Mathieu Zeilas in Palmanova betreibt. Die Idee hatte er schon länger, den letzten Impuls gab die Pandemie. „Als digitaler Nomade und Selbstständiger betreue ich beruflich selbst viele Start-ups, helfe ihnen etwa, sich auf dem internationalen Markt zu positionieren", so Zeilas. Für ebendiese Gründer und Unternehmer wolle er einen Ort des Austausches schaffen.

Auf 400 Quadratmetern bietet er nun Platz für zehn bis 15 Personen. Es gibt zwei Küchen, zwei Co-Working-Arbeitsräume und acht Zimmer. Wer sich sein Zimmer teilt, zahlt ab 245 Euro pro Woche, 755 Euro für einen Monat und 650 pro Monat, wenn er drei Monate bleibt. Für das Einzelzimmer werden Bewohner mit 300 Euro pro Woche, 900 Euro für einen Monat und 850 Euro pro Monat für die Dauer von drei Monaten zur Kasse gebeten. Wer noch länger bleiben will, kann verlängern – sofern er sich in der Gemeinschaft bewiesen hat: „Wir leben hier umweltbewusst, versuchen, auf Plastik zu verzichten, wenn möglich, alles zu recyceln, und kaufen nur Produkte bei lokalen Händlern", so der 28-Jährige, der bald noch eine weitere Unterkunft in Palma de Mallorca eröffnen will.

Bedndesk: die Ersten

Ein Anbieter, der das Konzept schon lange vor Corona verfolgte, ist Bedndesk in Arenal. Schon seit fünf Jahren bietet Matias Bonet digitalen Nomaden Schlaf- und Arbeitsplatz zugleich. „Als ich Bedndesk gegründet habe, haben mich die Leute wegen der Geschäftsidee komisch angeschaut. Damals sind die meisten entweder gereist oder haben gearbeitet. Mittlerweile können sich zunehmend mehr Menschen etwas unter ,Co-Living' vorstellen, und es gibt es auch immer mehr Orte, an denen es möglich ist", so Bonet.

Die zwei Doppel- und zwei Einzelzimmer in seiner Unterkunft kosten je nach Ausstattung derzeit ab 350 Euro pro Monat. Normalerweise bleiben die Bewohner im Schnitt eineinhalb Monate. Derzeit seien es wegen der Pandemie etwas weniger. Daypasses für Interessenten, die nur tageweise zum Arbeiten kommen, bieten Bonet und sein Geschäftspartner Oscar Morales derzeit nicht an.

Weitere Angebote

„Lucky Paradise" und „Sunshine Embassy" sind auf der Website www.coliving.com aufgeführt. Dort finden sich auch Angebote etwa auf dem spanischen Festland. Um Gleichgesinnte zu finden, lohnt sich vielleicht auch ein Blick auf das Portal www.joinmytrip.com.

Auch Hotels orientieren sich um

Diejenigen, denen der Gemeinschaftsaspekt nicht so wichtig ist, können sich alternativ für einen längeren Aufenthalt in ein Hotel auf der Insel einmieten. Schon seit geraumer Zeit bieten einige Häuser während der Wintermonate largas estancias an, etwa für Ruheständler. Nun wendet man sich auch explizit an Berufstätige. Laut Maria Durán vom mallorquinischen Hoteliersverband FEHM beteiligen sich auf der Insel rund 25 Hotels an der Langzeitinitiative: eines in Can Picafort, neun in Capdepera, zwei in Colònia de Sant Jordi, drei in Palmanova-Magaluf, sechs an der Playa de Palma, zwei in Peguera, eines in Cala Millor und ein weiteres in Palma de Mallorca.


Mit Selbstversorgung: Vistasol

Eines der ersten, das direkt nach der Ausgangssperre wiedereröffnete, ist Apartamentos Vistasol in Magaluf. 80 Zimmer sind hier für Kunden reserviert, die mindestens einen Monat lang bleiben. „Wir bieten schon seit zehn Jahren in den Wintermonaten Langzeitaufenthalte an. Vor der Pandemie dauerten die Aufenthalte jedoch nur maximal einen Monat", erzählt Mitarbeiter José Enrique García. Nun können Gäste bis zu einem halben Jahr bleiben. Die Zimmer kosten ab 500 Euro pro Monat. Dazu kommt eine Pauschale von 120 Euro für die Nebenkosten. Um die Preise für die Kunden niedrig zu halten, setzt das Vistasol auf ein System, bei dem sich die Gäste selbst versorgen und auch ihre Zimmer selbst reinigen. „Wir wechseln lediglich einmal pro Woche die Bettwäsche und die Handtücher", so García.

Im Preis enthalten ist die Nutzung des Spa-Bereichs, Fitnessstudios und der Lobby. Rund 70 Prozent der Zimmer sind derzeit belegt. „Zu unseren Kunden gehören sowohl Menschen, die sich gerade beruflich umorientieren, als auch Deutsche, die vorm Winterklima in ihrem Heimatland fliehen", so García. Sie wüssten, wie schwierig es auf der Insel vor allem in der momentanen Lage ist, eine Wohnung für weniger als ein Jahr zu mieten. „Auch die Kosten für eine Immobilienagentur oder böse Überraschungen bei den Nebenkosten sparen sie sich durch einen Aufenthalt bei uns", so García.

Keine Monatsgrenze: Meliá

Auch das Vier-Sterne-Hotel Meliá Palma Marina hat die Dauer für Langzeitaufenthalte wegen der Pandemie vor Kurzem deutlich ausgeweitet. Wer länger als zwei Wochen bleibt, bekommt zehn Prozent auf die vergünstigten Wintertarife, wer über drei Wochen bleibt, 20 Prozent. Eine Monatsgrenze gibt es nicht. Laut Test über die Buchungsplattform (https://landings.melia.com/es/workation.html) zahlen Kunden für Dezember ab 1.950 Euro pro Monat. Darin enthalten sind Frühstück, normale Dienste eines Hotels sowie die Nutzung des Fitnessstudios. Auch Residenten, die sich nur für einen Tag zum Arbeiten einmieten wollen, haben dazu seit einem Monat die Gelegenheit. Kostenpunkt: 69 Euro für ein Zimmer zwischen 8 und 20 Uhr. Buchung: melia.palma.marina@melia.com

Im Boutique-Hotel leben: MHouse

Ab 1. Dezember startet auch das Vier-Sterne-Boutique-Hotel MHouse der mallorquinischen Hotelkette UR Hotels im Herzen von Palma sein Angebot für arbeitswillige Inselliebhaber. Wer sechs Monate in einem der 33 Zimmer bleibt, zahlt ab 799 Euro pro Monat, bei drei Monaten sind 899 Euro pro Monat fällig, ein Monat kostet ab 999 Euro. Die Buchung erfolgt über www.mhouseclub.com. Im Preis enthalten ist unter anderem das Frühstück, unbegrenzter Kaffeekonsum, die „New York Times" sowie die Nutzung der Meeting-Räume. Wer das hauseigene Bistro nicht nutzen will, kann sich in der Kochküche selbst verpflegen. „Wir arbeiten gerade noch an Kollaborationen mit umliegenden Restaurants, Friseuren oder Spas", so Stefanie Roth von der Kommunikationsagentur des Hotels. Auch ein wöchentliches Aktivitätenprogramm mit Yoga- oder Meditationsstunden soll es geben. Wer sich nur zum Arbeiten einmieten will, zahlt monatlich 250 Euro und pro Tag 25 Euro (9–19 Uhr).

Frisch renoviert: Petit Hotel Alaró

Auch das deutsch-argentinische Paar, Angela Daghigh-Nia und Mauro Moreno, bietet sein Petit Hotel in Alaró als Raum fürs gemeinsame Arbeiten und Wohnen an. Sieben Zimmer gibt es hier, Küche, Terrasse, Garten und Pool. Mehr Infos: Petit Hotel Alaró, Campo Roig, 43, Alaró, Tel. 971 51 87 51, www.petithotelalaro.es

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