Vorschlag von Reiseverband: Deutsche Rentner sollen auf Mallorca überwintern, um Gas zu sparen

Die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros, Marija Linnhoff, lässt mit einem ungewöhnlichen Vorschlag aufhorchen, nachdem Rentner über die kommende Heizperiode in wärmere Gefilde auswandern könnten. Wie realisitisch ist diese Idee?

Sehen wir bald noch mehr deutsche Rentner auf Mallorca?

Sehen wir bald noch mehr deutsche Rentner auf Mallorca? / Nele Bendgens

Daniel Jacob

Der drohende Gas-Lieferboykott durch Russland setzt die deutsche Politik unter Druck. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) denkt etwa in der "Rheinischen Post" schon jetzt laut darüber nach, im Herbst Millionen Arbeitnehmer ins Home-Office zu schicken. So könnte man die Heizkosten in den Bürogebäuden senken.

Aus seinem Bundesland bekommt Pinkwart nun einen anderen Denkanstoß. Die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR), Marija Linnhoff, sieht die Lösung für das Gas-Problem bei den Rentnern. Um Energie in Deutschland zu sparen, so der Vorschlag, könnten Senioren über den Winter über längere Zeiträume in wärmere Länder verreisen. Beispielhaft führt Linnhoff die Türkei, Tunesien und Mallorca als Ziele an. Schon jetzt verbringen viele Rentner auf der Insel die kalten Wintermonate. Diese Langzeitreisen sollten laut Linnhoff bezuschusst werden.

In Deutschland wurde Ende April ein Entlastungspaket als Reaktion auf die steigenden Energiepreise verabschiedet. Dieses sieht unter anderem eine einmalige Energiepreispauschale in Höhe von 300 Euro vor, allerdings nur für „einkommensteuerpflichtige Erwerbstätige“. Das heißt: Die 21 Millionen Ruheständler in Deutschland gehen bislang leer aus. Warum also nicht eine Langzeiturlaubspauschale zahlen, mit der sich diese Gruppe eine solche Reise finanzieren könnte und die heimischen Energiereserven nicht zu sehr beanspruche, so die Idee der VUSR-Chefin.

Langzeiturlaub auf Mallorca bereits ab 950 Euro

Im Gespräch mit der MZ rechnet sie vor: "Der Einstiegspreis für eine solche Reise nach Mallorca liegt derzeit bei etwa 1.300 Euro pro Person. Das sind 50 Tage in einem guten Mittelklassehotel auf Mallorca inklusive Halbpension und Flügen. Mit Selbstverpflegung liegen wir derzeit bei 950 Euro pro Person."

Käme eine Pauschale von etwa 500 Euro, wie Linnhoff es vorschlägt, obendrauf, so ergäbe sich ein erschwingliches Urlaubsangebot. "Man schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Rentner bekämen auch Zuschüsse, wir sparen Gas für die Industrie und unterstützen die Urlaubsziele. Denn ich glaube, Mallorca ist immer noch durch die Pandemie gebeutelt", sagt sie.

Linnhoff, die mit ihrem Verein über 7.000 Reisebüros in ganz Deutschland vertritt, sieht ihre Branche durch den Krieg in der Ukraine und die damit einhergehenden finanziellen Belastungen für Verbraucher mittelbar betroffen: "Wenn Familien mit Kindern in finanzielle Probleme geraten, dann werden sie wohl als erstes auf den Urlaub verzichten. Wir brauchen Möglichkeiten, dass gerade Reisen subventioniert werden."

So reagiert die Politik auf den Vorstoß

Linnhoff hat durchaus eine gewichtige Stimme in der Tourismus-Branche. Vergangene Woche wurde sie von Wirtschaftsminister Robert Habeck in den Tourismusbeirat der Bundesregierung berufen. Allerdings nicht wegen des Vorschlags, sondern "weil ich einfach Expertise mitbringe, auch wenn ich in der Branche manchmal als Enfant Terrible gelte. Ich habe eben keine Angst auch mal die Großen anzugreifen", so Linnhoff.

Mit ihrem Vorschlag kommt sie dennoch nicht überall an. NRW-Wirschaftsminister Pinkwart sieht die Idee Medienberichten zufolge im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft kritisch. Wenn die Kaufkraft in diesem Zeitraum sinke, würden dadurch neue Probleme entstehen. Linnhoff sieht das anders: "Die Kaufkraft leidet nicht, wenn man im Januar und Februar reist. Das sind doch gerade die Monate, in denen in Deutschland am meisten geheizt wird."

Der "Paritätische Wohlfahrtsverband" mahnt den durch solche Reisen entstehenden Kerosin-Verbrauch an, den man durch einen solchen Zuschuss quasi mitfinanzieren würde. "Ich finde es wichtig, sich Gedanken zu machen, wie oft man fliegt", sagt Linnhoff. "Aber das Problem mit Russland überlagert doch nun mal derzeit alles."