MZ-Exklusiv
Demonstration gegen Massentourismus auf Mallorca: Jetzt spricht die Ministerpräsidentin
Marga Prohens (PP) im MZ-Interview über die für Sonntag (21.7.) angesetzte Großkundgebung gegen die Auswüchse des Massentourismus, die neue Strategie der balearischen Landesregierung sowie die Wertschätzung deutscher Stammurlauber

Marga Prohens beim MZ-Interview. / Rafael Blanc Bofarull
Nein, sie werde nicht wie gebannt verfolgen, wie viele Menschen am Sonntag in Palma an einer Großdemonstration gegen die Auswüchse des Massentourismus teilnehmen. Dafür habe sie gar keine Zeit, bei ihr zu Hause stehe eine Einladung mit acht Kindern an, sagt die zweifache Mutter betont gelassen. Für die 42-jährige konservative Ministerpräsidentin (Volkspartei, PP) ist der Umbau des Tourismusmodells neben der Wohnungnot dennoch die größte Herausforderung ihrer vor einem Jahr begonnen Amtszeit. Sie will dafür einen Sozialpakt mit allen Beteiligten schmieden. Arbeitsgruppen sollen dafür jetzt Vorschläge sammeln und Lösungen erarbeiten.
Wenn Sie selbst an der Demonstration teilnehmen würden, welchen Satz würden Sie auf Ihr Transparent schreiben?
"Den Erfolg managen." Woran es in den vergangenen acht Jahren vor meinem Amtsantritt auf den Balearen gefehlt hat, ist das Management unserer wichtigsten Wirtschaftsbranche (die acht Jahre verweisen auf die sozialistische Vorgänger-.Regierungen, Anm. d. Red.) Dazu bedarf es objektiver Daten, die es uns erlauben, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich habe Verständnis für das Unbehagen vieler Bewohner, bitte aber darum, dass solche Demonstrationen nicht, wie in Barcelona geschehen, in Vandalismus gegenüber Urlaubern und Einwohnern ausarten.
Die Urlauber sind auf den Balearen willkommen, und das wird auch so bleiben.
Fürchten Sie, dass bei der Kundgebung der Eindruck entsteht, die Urlauber seien nicht willkommen?
Das könnte durchaus geschehen, aber dem ist natürlich nicht so. Die Urlauber sind auf den Balearen willkommen, und das wird auch so bleiben. Deswegen ist die von meiner Regierung initiierte Debatte so wichtig: Wir wollen einen gesellschaftlichen und politischen Pakt schließen, um die Inseln nachhaltiger aufzustellen. Die Tourismusbranche hat Hunderttausende Jobs und Wohlstand geschaffen, sie muss aber auch sozialverträglich sein, die Menschen müssen sich damit wohl fühlen. Da so viele Arbeitsplätze vom Tourismus abhängen und es zu ihm keine echte Alternative gibt, müssen wir dabei sehr rigoros vorgehen. Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Stärke der Tourismusindustrie andere Branchen befeuern kann. Die Stichworte sind hier Innovation, Digitalisierung, Forschung und Künstliche Intelligenz.
"Diese Regierung hört den Bürgern zu, und zwar allen, und ich verstehe das Unwohlsein, das uns dieser Mangel an Management eingebracht hat."
Sie haben im Mai gesagt: "Die Balearen sind an ein Limit gekommen. So etwas hat man vorher von der PP nicht gehört. Wie kam es zu der Kehrtwende?
Das haben wir bereits im Wahlprogramm deutlich gemacht. Unser Programm spricht von wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, und man darf keinen dieser drei Aspekte vernachlässigen. Dass wir ein besseres Management unseres Erfolgs brauchen, habe ich bereits in der vergangenen Legislaturperiode gefordert.

Besucherandrang führt zu Verkehrskollaps in Sóller / Joan Mora
Im Frühjahr sind eine Reihe von Dingen passiert, Kundgebungen auf den Kanaren, Verkehrschaos am Sóller-Tunnel... Gab es vielleicht eine Umfrage über das Unbehagen in der Bevölkerung?
Nein, aber diese Regierung hört den Bürgern zu, und zwar allen, und ich verstehe das Unwohlsein, das uns dieser Mangel an Management eingebracht hat. Ich möchte auch ganz klar sagen: Diese Probleme gibt es nicht nur auf den Balearen. Das geschieht weltweit, infolge der Trendwende nach der Pandemie und der Demokratisierung des Tourismus. Jeder hat das Recht zu reisen, und wir alle sind zu einem bestimmten Zeitpunkt Urlauber.
"Die Balearen haben in den vergangenen Jahren an Pro-Kopf-Einkommen, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verloren. Diesen Trend müssen wir umkehren."
Hatten Sie auch selbst schon mal das Gefühl: Hoppla, hier sind aber viele ausländische Urlauber?
Das passiert genauso anderswo, in Rom oder Berlin, in Griechenland oder der Türkei, in Barcelona oder Madrid. Es erscheint mir nicht fair, dieses Thema auf die Balearen zu fokussieren. Es ist ein weltweites Phänomen, das wir als Landesregierung erstmalig angehen, zusammen mit mehr als 140 Vereinigungen, mehreren Arbeitsgruppen, die jetzt loslegen, und einer Plattform, auf der sich jeder Bürger prominent einbringen kann (externer Link). Wir erhalten Hunderte Vorschläge und Dokumente mit Daten. Wir alle können gemeinsam unsere Zukunft gestalten.
Aber dabei gibt es doch schon so viele Daten, das Weißbuch des Tourismus auf den Balearen etwa, eine Reihe kluger Analysen und Fachbücher. Warum legen Sie nicht los?
Dafür brauchen wir erst aktualisierte, auf die Baleren bezogene Daten, und die gibt es noch nicht ausreichend. Dieses Jahr erfassen wir erstmals die Zahl der Besucher in bestimmten Naturräumen auf den Inseln. Wir müssen wissen, wann und wo genau wir von Überfüllung sprechen. Hier geht es nicht um die persönliche Wahrnehmung der Ministerpräsidentin oder bestimmter Vereinigungen, sondern um Fakten. Deswegen haben wir eine Expertengruppe einberufen, die der Wirtschaftsprofessor Toni Riera koordiniert. Sie wird auswerten, was die Arbeitsgruppen erarbeiten. Im Übrigen: Obwohl ich erst ein Jahr regiere, habe ich durchaus Maßnahmen getroffen. Zum Beispiel gibt es erstmals eine Regelung zur Versiegelung illegaler Ferienunterkünfte, das haben wir im Rahmen des Pakets zum Bürokratieabbau beschlossen. Erstmals werden die Inselräte auch die Touristenströme messen.

Marga Prohens im Interview mit Ciro Krauthausen und Frank Feldmeier. / Rafael Blanc.
Mit welchem Zeitplan für die Umsetzung arbeiten Sie?
Im Vergleich zu anderen Regionen in Europa, die einen Transformationsprozess ihres Wirtschaftsmodells begonnen haben, sind wir im Vorteil. Wir gestalten ein Modell um, das funktioniert, das Wohlstand und Jobs schafft. Dieser Wandel braucht Zeit, das geht nicht mit einem Gesetz oder innerhalb einer Legislaturperiode.
Wenn die Daten die Empfehlung nahelegen, dass der Tourismus zurückgefahren werden muss, würden Sie dies befürworten?
Ich bin offen für die Ergebnisse. Aber ich halte es für einen Fehler, von Wachstum oder Schrumpfung zu sprechen. Es geht um einen Paradigmenwechsel, um mehr Wertschöpfung. Die Balearen haben in den vergangenen Jahren an Pro-Kopf-Einkommen, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verloren. Diesen Trend müssen wir umkehren. Wir müssen das Volumen zurückfahren, die illegalen Angebote.
"Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, den wir sehr ernst nehmen. Alles andere wäre ein Sprung in den Abgrund."
Mallorca hat viele Stammgäste. Müssen sie befürchten, dass sie nicht mehr willkommen sind?
Hier muss niemand etwas befürchten. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, den wir sehr ernst nehmen. Alles andere wäre ein Sprung in den Abgrund. Die treuen Urlauber, die die Umwelt, das Kulturerbe und unsere Lebensweise achten, haben uns gut getan, und das wird so bleiben.
Aber können sich diese Urlauber angesichts einer Qualitätsoffensive Mallorca dann noch leisten?
Mehr Wertschöpfung heißt nicht mehr Luxus. Ein verantwortungs- und respektvoller Tourismus ist ein ganz anderes Konzept als der Luxustourismus.
Wir würden Ihnen gerne Forderungen der Demonstranten aufzählen und Sie bitten, diese mit einem Satz zu bewerten. Zum Beispiel: Maximal eine Ferienvermietungslizenz pro Person.
Meine Antwort wird immer die gleiche sein: die Online-Plattform zur Bürgerbeteiligung. Jeder ist aufgerufen, seine Forderungen einzureichen, damit sie in den Arbeitsgruppen thematisiert werden.
"Ich halte es für einen Fehler, die Ferienvermietung zu kriminalisieren. "
Aber Sie haben ja sicherlich eine Meinung, ob es beispielsweise eine Ausweitung des Limits für Kreuzfahrtschiffe braucht, oder?
Es geht aber nicht um meine persönliche Meinung. Alle Sichtweisen sind legitim, und wir müssen es schaffen, sie gemeinsam zu diskutieren und Verständnis für die Positionen der anderen aufzubringen. Die Frage lautet: Was kann ich oder meine Branche tun, um zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen?
Unabhängig von der politischen Couleur: War es ein Fehler, die Ferienvermietung in der Form zu liberalisieren, wie es geschehen ist?
Wir befürworten die Ferienvermietung, soweit sie reguliert, qualitativ und nachhaltig ist. Sie hat vielen Familien auf den Balearen ermöglicht, an der touristischen Wertschöpfungskette teilzuhaben und zum Beispiel den Kindern eine universitäre Ausbildung zu bezahlen. Ich halte es für einen Fehler, die Ferienvermietung zu kriminalisieren. Allerdings kam es zu einem nie dagewesenen Wachstum der irregulären Ferienvermietung, die enormen Schaden anrichtet, hinsichtlich der Überfüllung, der Qualität, hinsichtlich unseres Images. Hier müssen wir ansetzen, beim illegalen Angebot, das den guten Namen unserer Region ausnutzt.
Was ist hier bisher geschehen?
Wir haben Daten erstmals mit der Steuerbehörde abgeglichen. Dabei sind sogleich tausend Ferienwohnungen aufgefallen, die abgemahnt wurden. Wir haben eine Gesetzesreform beschlossen, um illegale Ferienwohnungen versiegeln zu können. Die Inselräte haben die Zahl der Inspekteure und der Inspektionen erhöht. Außerdem haben wir Abkommen mit den wichtigsten Buchungsplattformen abgeschlossen, damit sie illegale Angebote zurücknehmen, die bislang ganz normal veröffentlicht werden konnten.
Das vollständige Interview, auch zu Bekämpfung der Wohnungsnot sowie dem weiteren Kurs in der Balearen-Politik, lesen Sie in der kommenden MZ-Ausgabe, die am Donnerstag (25.7.) erscheint.
Abonnieren, um zu lesen
- Aussteiger-Traum: Warum nicht jeder (Deutsche) als neuer Hüttenwirt im Castell d'Alaró geeignet ist
- Vorgeschmack auf den Frühling: Das Schmuddelwetter auf Mallorca ist endlich vorbei
- Eurowings, Ryanair, Condor und Co.: Wie sind die Regeln für Powerbanks bei den Mallorca-Flügen?
- Frischer Fisch von Mallorca: Die Ausländer kennen die Arten nicht - und die Jüngeren wollen sie nicht zubereiten
- Arbeit an Tankstelle, Fast-Auswanderung nach Ibiza, erst keine Lust auf Fernsehen: 'Goodbye Deutschland'-Auswanderin Peggy Jerofke ganz privat
- Ärger um die Liegeplätze im Club de Mar: So wehren sich die deutschen Investoren
- Ich bin schon ein Arschloch': 'Goodbye Deutschland'-Mallorca-Auswanderer Steff Jerkel hat Peggy Jerofke Only-Fans-Villa-Projekt verheimlicht
- Wegen 'erheblicher Verunsicherung': Steigenberger Hotel Camp de Mar bittet um Unterstützung und Vertrauen der Gäste