Zum 50. Mal Mallorca, am liebsten im gleichen Hotelzimmer: Was die Insel an ihren Stammgästen hat
Manche Leute wollen im Urlaub Abenteuer erleben. Andere schätzen auf Reisen gerade Altbekanntes. Was Stammurlauber nach Mallorca zieht – und wie sie die Insel bereichern

Ein deutscher Stammgast in einem Lokal auf Mallorca (KI-generierte Illustration). / MIcrosoft Design
Wenn Mario Bröder von seinem Mallorca-Urlaub zurück nach Koblenz kommt, führt sein erster Gang ins Reisebüro. Dann wird der nächste Insel-Aufenthalt gebucht. Immer für Ende September, immer in Port d’Alcúdia, immer im Hotel JS Sol Alcúdia. Und ja, immer in Zimmer Nummer 324. „Ich habe mich an der Insel festgefressen, und das Schlimme ist: Ich vergleiche alles mit Mallorca. Egal wo ich hinkomme, nirgends ist es schöner“, sagt er. Bröder ist der Prototyp eines Stammurlaubers – und bei Weitem keine Ausnahme. Was steckt hinter dem Phänomen?
Bröder ist ein geselliger Mensch. Er mag seinen Job als Außendienstler, sein Leben in Deutschland. Doch nichts geht für den Single über die regelmäßigen Mallorca-Urlaube. In diesem September wird der 52-Jährige zum 50. Mal auf der Insel Urlaub machen. Dabei war seine erste Bekanntschaft mit Mallorca alles andere als Liebe auf den ersten Blick. „Das war 1996, ein typischer Ballermann-Urlaub, furchtbar“, erinnert er sich. Die Begeisterung für die Schönheit der Insel kam erst beim zweiten Mal, im Jahr 2000, mit drei Freunden in Port d’Alcúdia. Sie kamen im Hotel Bellvue Club unter. Seitdem kommt Bröder jedes Jahr wieder – manchmal zwei oder drei Mal.

Diese beiden Liegen mag Stammgast Mario Bröder in seinen Ferien auf Mallorca am liebsten. / Privat
Privilegien und Routinen
Im Hotel JS Sol Alcúdia, wohin er 2010 wechselte, weil sein Ursprungshotel auf All-inclusive umgestiegen war („das brauche ich nicht“) kennt fast jeder Mitarbeiter den Stammgast. „Die wissen genau, der Bröder kommt, zack, Zimmer 324“, so der sympathische Rheinland-Pfälzer. Jedes Mal reist er früh an und bekommt das erste Frühstück und das letzte Abendessen spendiert. Die Mitarbeiter im Speisesaal reservieren ihm ungefragt seinen Außentisch. Und der Hoteldirektor lädt Bröder gerne auf einen Kaffee ein. Privilegien eines Stammurlaubers.Bröder ist ein Mensch, der Routinen liebt: Bei jedem Aufenthalt kauft er auf dem Wochenmarkt in Alcúdia ein Portemonnaie („es hält immer genau ein Jahr“). Er trinkt immer bei der gleichen älteren Dame in dem netten Café am Marktplatz sein agua con gas und seinen café („Sie war schon im Jahr 2000 dort“), legt sich am Strand immer an den gleichen Abschnitt („Da weiß ich schon, um wie viel Uhr der Schatten kommt“), macht jedes Mal einen Ausflug nach Palma, wo er die Kathedrale umrundet und durch die Altstadt bummelt.
„Viele sagen: ‚Du bist bescheuert, es gibt so schöne andere Orte auf der Welt‘“, berichtet Bröder. „Und ja. Es gibt viele schöne Flecken. Aber ich genieße es einfach, auf Mallorca zu sein. Weil es schön ist. Und weil ich mich hier zu Hause fühle.“ Die nette Mitarbeiterin seines Stammreisebüros habe schon lange den Versuch aufgegeben, ihm ein anderes Reiseziel näher zu bringen. „Du und dein Mallorca, das ist einfach zu schwierig“, soll sie gesagt haben.

Mario Bröder zu nach-Pandemie-Zeiten mit dem Personal im Hotel JS Sol Alcúdia / privat
Kein deutsches Phänomen
Bekannte Umgebung, bekannte Abläufe – Mario Bröder ist nicht der Einzige, der das im Urlaub schätzt. Die Zahl der Wiederholungsurlauber auf Mallorca ist riesig. „Viele Menschen bevorzugen vertraute Reiseziele, da diese ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Komfort bieten“, sagt die Psychologin Christina Miro, die sich auf Reisepsychologie spezialisiert hat. Die Vertrautheit mit dem Ort reduziere Stress und ermögliche eine tiefere Entspannung. „Gewohnheit schafft Routine und Vorhersehbarkeit, was Unsicherheit und Ängste mindert und ein Gefühl der Kontrolle verstärkt. Dies trägt erheblich zum allgemeinen Wohlbefinden bei“, erklärt Miro. Man weiß eben, was einen erwartet, wenn man schon oft an einem Urlaubsort war. „Diese Verlässlichkeit und Stabilität wirken sich positiv auf die Psyche aus.“
Dabei sei dieses Verhalten kein typisch deutsches Phänomen. „Es ist weltweit verbreitet. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit ist in jedem Menschen verankert“, sagt Miro. Was nicht heißt, dass alle Menschen in jeder Situation dasselbe wollen. „Es gibt Reisende, die im Urlaub Abenteuer suchen und dabei neue Erfahrungen und Abwechslung bevorzugen.“ Stammurlauber gehörten eher zu den Erholungssuchenden, die Sicherheit und Vertrautheit neuen Erlebnissen vorzögen.
Trotz der Urlaubsroutinen: Stammurlauber sind nicht automatisch auch Hotelhocker. Mario Bröder beispielsweise bucht den Mietwagen immer gleich für den gesamten Aufenthalt. Die Ausflüge, die er – abgesehen von seinem Standardprogramm – unternimmt, variieren. „Ich kenne schon alle Ecken, aber entdecke doch jedes Mal neue schöne Fleckchen der Insel.“ Und noch etwas macht jeden seiner Aufenthalte einzigartig: „Ich bringe immer andere Leute mit. Freunde, Familie, Kollegen. Mal sind wir nur zu zweit, mal eine ganze Gruppe. Das ändert jedes Mal die Reisedynamik.“
Zurück zu Kindheitsorten
Dass gerade Mallorca bei Stammurlaubern beliebt ist, sei kein Zufall, bewertet Reisepsychologin Christina Miro. Wegen des Klimas, der etablierten touristischen Infrastruktur und der guten Erreichbarkeit sei die Insel mit ihrem großen Freizeitangebot geradezu prädestiniert dafür, sie immer wieder aufzusuchen. „All das erleichtert die Planung und Durchführung eines entspannten Urlaubs“, so Miro.
Viele Hotels haben sich auf die immer wiederkehrenden Gäste eingestellt. Im Hotel Bahía del Sol in Santa Ponça haben die Betreiber eine „Wall of Fame“ in der Eingangshalle eingerichtet: Jeder Gast, der mehr als 15 Mal eincheckt, dessen Name wird in einen metallenen Stern an der Wand graviert. Einige von ihnen waren sogar schon rund 70 Mal da. „Ich kann die Menschen verstehen, die immer wieder kommen und auch stets das gleiche Zimmer haben möchten“, sagt Hoteldirektor Miguel Ángel García. „Beim Friseur macht man ja auch einen Termin mit immer derselben Friseurin aus. Und wir Spanier essen gerne jeden Sonntag wieder Paella. Jeder hat eben seine Routinen.“

Die "Wall of Fame" der Stammurlauber im Hotel Bahía del Sol in Santa Ponça / Privat
Für die Hotelbetreiber seien die Stammkunden unverzichtbar. Nicht nur wegen der guten Mundpropaganda. „Wir freuen uns über jeden, der wiederkommt. Es zeigt, dass wir es gut machen“, findet García. Dass man diesen Gästen das ein oder andere Privileg einräume, verstehe sich von selbst. „Und es bedeutet nicht wirklich Mehraufwand, ein Zimmer für sie zu blocken oder ihnen kleine Aufmerksamkeiten zu machen.“ Einige Gäste kämen sogar in dritter Generation. „Häufig wollen die Kunden ihren Kindern zeigen, wie sie selbst ihre Kindheitsurlaube mit ihren Eltern verbracht haben“, sagt der Hoteldirektor. Reisepsychologin Christina Miro kann das bestätigen. „Viele Menschen kehren gerne an Orte zurück, die sie aus ihrer Kindheit kennen, da diese mit glücklichen Erinnerungen und einem Gefühl der Geborgenheit verbunden sind. Sie kommen wieder, um genau dieses Gefühl erneut zu erleben.“
Tendenziell seien die jungen Generationen allerdings weniger treu, so Hoteldirektor García. „Wohl auch, weil es durch die Technologien heute deutlich einfacher ist, ohne großen Aufwand andere Urlaubsorte zu erschließen.“
Keine negative Überraschung
Kevin Kirchheim ist da anders. Der 31-jährige Reiseverkehrskaufmann ist schon allein wegen seines Berufs viel unterwegs, kennt die Welt und kommt locker auf 80 Flugreisen im Jahr. Und doch zieht es auch ihn immer wieder nach Mallorca. „Meine richtigen Urlaube verbringe ich in der Regel auf der Insel“, berichtet der junge Mann aus Velbert (Nordrhein-Westfalen). Knapp 20 Mal war er seit seinem ersten Mal 2011 für längere Aufenthalte auf Mallorca, immer zu anderen Jahreszeiten. Meist kommt er dabei in den Hipotels Gran Playa oder Palace an der Playa de Palma unter.

Kevin Kirchheim an seinem Lieblingsplatz auf Mallorca in Son Veri Nou / privat
„Es muss nicht immer das gleiche Zimmer sein, aber schon ein höheres Stockwerk. Und nicht immer der gleiche Tisch im Essenssaal, aber doch immer einer am Rand, das weiß das Personal auch mittlerweile.“ Er freue sich, wenn er bei seiner Ankunft ein Begrüßungsschreiben der Hotelleitung vorfinde, auf dem man ihm für seine Rückkehr dankt. „Und ich habe eben gewisse Ansprüche an ein Hotel, die dort erfüllt werden. Ich weiß gerne, was auf mich zukommt, einen negativen Überraschungseffekt möchte ich nicht haben.“
Genau wie Stammurlauber Mario Bröder hat auch Kevin Kirchheim einige Programmpunkte, die er bei jedem seiner Aufenthalte wiederholt: nach Son Veri Nou laufen und über die Playa schauen, beispielsweise. Oder die Flugzeuge in der Einflugschneise beobachten. „Ich mache aber auch täglich neue Touren. Deshalb mag ich die Insel: Weil sie so vielfältig ist.“
Wie ein Fels in der Brandung
Christian Struck, Martin Cimera und Steffen Müller sind da weniger aktiv. Die MZ trifft die Männer im besten Alter entspannt im Hotel Capricho in Cala Ratjada auf einer der Hotelterrassen, wo es von Stammurlaubern nur so wimmelt. Seit zehn Jahren kommen die Freunde immer wieder in die gleiche Unterkunft. „Die Lage, der Service, die Stimmung, das Essen – uns gefällt es hier einfach. Und wenn man weiß, was kommt, und man seine Pfade und die Umgebung schon kennt, dann setzt der Erholungseffekt schneller ein“, sagt Struck. „Eigentlich direkt am Flughafen“, fügt Steffen Müller hinzu. Der 56-Jährige war selbst lange als Hoteldirektor in Deutschland tätig und kennt daher beide Seiten. „Stammurlauber hat man gerne, es sind zufriedene Gäste, die einem das auch zeigen. Gleichzeitig verzeihen sie vielleicht auch mal eine kleine Unperfektheit schneller als Neukunden.“ Und schätzen die Umgebung ihres Urlaubsziels oft mehr. Langweilig wird es den drei Freunden im immergleichen Urlaubsort nicht. „Es ist eine bewusste Entscheidung für so eine Art Urlaub, die mit uns als Männergruppe funktioniert“, so Struck. „Wenn wir mit unseren Frauen oder Familien urlauben, machen wir ganz andere Reisen und nicht immer ans gleiche Ziel.“

Die Betreiber des Hotels Capricho in Cala Ratjada, Diana und Daniel Vaquer (Mitte) mit einigen Stammkunden / Sophie Mono
Auch Percy Nugent ist Stammurlauber im Hotel Capricho. Der Hamburger Rentner reist allein. Doch in den nunmehr 13 Jahren hat er in der Unterkunft andere Stammurlauber kennengelernt. „Mittlerweile planen wir die Reisen extra so, dass wir uns einige Tage überschneiden. Wir leisten uns Gesellschaft.“ Überhaupt ziehe ihn die familiäre Stimmung im Capricho an. „Man wird wiedererkannt, das Lächeln ist echt, man ist keine Nummer.“
Kein Wunder: Das Capricho ist ein familiengeführtes Unternehmen in dritter Generation, die Geschwister Diana und Daniel Vaquer, die mittlerweile die Leitung innehaben, wuchsen praktisch hinter dem Rezeptionstresen auf. Einige Stammurlauber kennen sie bereits ihr Leben lang. „Ein älterer Herr, Dieter Holl, kommt seit mehr als 40 Jahren zwei oder drei Mal im Jahr“, erzählt Daniel Vaquer und zeigt Bilder des Seniors. Anfangs zahlte der Bochumer noch 540 Mark für drei Wochen Halbpension. Für die Hotelinhaber sind Kunden wie er in den schnelllebigen Zeiten auch eine Art Fels in der Brandung in der Flut von Digitalisierung, Last minute und Unverbindlichkeiten. „Ach, der Dieter ist wie Familie“, unterbricht Vaquers Mutter Kirsten Brondum, die mitunter noch ein wenig an der Rezeption mitmischt, mit einem Strahlen in den Augen. „Wenn Dieter da ist, kommen wir alle hier zusammen.“ Ihr Sohn nickt. „Wegen Stammkunden wie ihm lieben wir unsere Arbeit.“
Urlauben statt auswandern
Ganz so innig ist die Verbindung zwischen Mario Bröder und der Hotelleitung im JS Sol Alcúdia nicht – allein deshalb, weil die Direktoren in großen Ketten nach einigen Jahren von einem Haus zum anderen wechseln. Und doch reicht für Bröder die Aussicht auf den nächsten Mallorca-Urlaub, um ihn begeistert klingen zu lassen. Auswandern kam für ihn nie infrage. „Urlaub und Leben auf Mallorca sind ein großer Unterschied“, sagt er. „Wenn man alle meine Aufenthalte zusammenzählt, komme ich doch auf anderthalb Jahre auf der Insel, und das ohne dort zu arbeiten. Was will man mehr?“
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