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Viel Echo, aber wenig Schlagkraft? Wie es nach der Großdemonstration auf Mallorca nun weitergeht

Nach der zweiten Kundgebung gegen die Auswirkungen des Massentourismus, an der mehr als 20.000 Menschen teilnahmen, nimmt der Druck auf die Politik weiter zu

„No és turismofòbia, és mallorquicidi“ steht auf dem Plakat einer Demonstrantin am Paseo del Borne. Auf Deutsch: „Das ist keine Angst vor den Urlaubern, sondern Mord an den Mallorquinern.“

„No és turismofòbia, és mallorquicidi“ steht auf dem Plakat einer Demonstrantin am Paseo del Borne. Auf Deutsch: „Das ist keine Angst vor den Urlaubern, sondern Mord an den Mallorquinern.“ / MANU MIELNIEZUK

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Da hat sich jemand ordentlich reingehängt: Mehrere Männer und Frauen tragen bei der Großkundgebung ein aus Pappkarton gebasteltes Kreuzfahrtschiff und einen ebenso kunstvoll gestalteten Privatjet durch die engen Straßen der Altstadt. Viele Worte braucht es da nicht, um auszudrücken, wogegen sich diese Artefakte richten. Mit den Bastelarbeiten ist der Gruppe die Aufmerksamkeit der Medien sowie Zigtausender Menschen sicher, die an diesem Sonntagabend (21.7.) ins Zentrum der Balearen-Hauptstadt gekommen sind.

Die Demonstranten wollen ihren Unmut darüber zum Ausdruck bringen, wie das Geschäft mit dem Massentourismus auf Mallorca läuft – oder ihrer Meinung nach aus dem Ruder läuft. Rund 50.000 Menschen seien gekommen, sagen die Organisatoren am Ende der Demonstration. Die Polizei spricht nach mehrfach nach oben korrigierten Schätzungen von „mehr als 20.000“ Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Der Borne-Boulevard platzte gegen 21 Uhr jedenfalls aus allen Nähten. Wie wird der Protest diesseits und jenseits der Insel aufgenommen? Was bewirkt er? Und wie geht es nun weiter? Die MZ klärt die wichtigsten Fragen, die die Demonstration aufgeworfen hat.

Die Sprüche der Demonstranten gegen den Massentourismus

Das aus Karton gebastelte Kreuzfahrtschiff. / DM

Wie geht der Protest weiter?

Nach der Demo ist vor der Demo. Die Organisatoren rund um Marga Ramis von der Umweltschutzorganisation GOB und Pere Joan Femenia von Fridays for Future nehmen sich allerdings erst einmal ein paar Tage Auszeit. Ramis sagte am Dienstag (23.7.) der MZ: „Die Vorbereitungen für die Demo waren anstrengend, wir müssen uns jetzt erst einmal neu aufstellen.“ Zumindest weitere Großdemonstrationen waren Stand Mittwoch nicht geplant. Da die Bewegung „Menys turisme, més vida“ (Weniger Tourismus, mehr Leben) dezentral organisiert ist, könne es aber gut sein, dass einzelne Ortsgruppen bereits an der Planung für weitere Protestaktionen säßen.

Ramis rechnet im August allerdings mit etwas weniger Engagement – auch für die Teilnehmer ist Urlaubssaison. Ob es wie von vielen bei einer Vollversammlung in Manacor gefordert, eine weitere Großkundgebung Ende September geben wird, stehe noch nicht fest. Auf Ibiza, so viel ist jetzt schon klar, wird eine Demonstration zum Internationalen Tourismustag am 27. September stattfinden.

Was sagen die Organisatoren?

Pere Joan Femenia war zunächst etwas skeptisch, als er am Paseo del Borne ankam und die Abordnung der spanischen Zentralregierung die Zahl der Demonstranten auf 10.000 schätzte. „Es ist nicht so einfach, die Mallorquiner für so eine Veranstaltung zu motivieren“, sagte er der MZ schon mal vorsorglich. Kurz darauf stellten die Initiatoren fest, dass die erste Schätzung eine „Unverschämtheit“ sei.

Und hatten recht damit: Der Strom an Menschen, die auf den Passeig del Borne zuliefen, riss über eine Stunde nicht ab. Jetzt wurde klar: Es waren deutlich mehr Menschen als bei der ersten Kundgebung Ende Mai. Marga Ramis berichtet zwei Tage nach der Demonstration gegenüber MZ: „Wir sind überglücklich über den Zuspruch, den die Demo hatte. Und auch über die großflächige Berichterstattung in den ausländischen Medien.“

Dass die Kundgebung so brav blieb und stellenweise eher an einen Sonntagnachmittagsausflug mit Kindern und Großeltern erinnerte, erstaunte Marga Ramis ein wenig. „Ich war davon überzeugt, dass zumindest sehr viele Leute Wasserpistolen mitbringen.“

So hatten in Barcelona Aktivisten bei einer ähnlichen Protestaktion Anfang des Monats Urlauber nassgespritzt. Die Balearen-Regierung hatte die Demonstranten auf Mallorca vorab davor gewarnt, diese Art des Protests zu kopieren. Und die Mallorquiner, nicht gerade als Störenfriede bekannt, gehorchten offensichtlich. „Die Demonstration hatte schon eher etwas von einem Fest“, so Ramis. Einzig ein paar Schmierereien an Hotelfassaden und Immobilienagenturen waren nach der Kundgebung zu verzeichnen. „Aber das war ja nur ein bisschen Unfug.“

Schmierereien am Boutiquehotel Posada Terra Santa.

Schmierereien am Boutiquehotel Posada Terra Santa. / FEHM

Was sagen die Hoteliers dazu?

Auf die leichte Schulter nimmt man in der Tourismusbranche diesen „Vandalismus“ nicht, wie es die Vizepräsidentin der mallorquinischen Hoteliervereinigung Fehm, María José Aguiló, ausdrückte. Sie lobte zwar, dass sich ein Großteil der Demonstranten friedlich verhalten habe, kritisierte aber die vereinzelten Schmierereien. So wurde etwa die Fassade des Boutique-Hotels Posada Terra Santa in der Altstadt von Palma mit gelber Farbe vollgesprüht. „Diese Aktionen verurteilen wir aufs Schärfste“, erklärte Aguiló. Auch ein „Angriff“ von Teilnehmern der Demonstration auf Urlauber nervte die Hoteliersprecherin. Die Touristen seien mit Wasser bespritzt und beschimpft worden, als sie auf einer Bank saßen, so die Vizepräsidentin der Fehm. Von anderer Seite wurde dieser Vorfall zunächst nicht bestätigt.

Die andauernde Tourismuskritik, die aber nicht die wirklichen Ursachen erfasse, sei „nicht konstruktiv“ und führe auch nicht zu einem „positiven Wandel“. „Es ist erstaunlich, welche Gruppierungen nun auf einmal aufwachen und aktiv werden, wo das Problem doch dasselbe wie in den vergangenen Jahren ist.“

Wie reagiert die Inselpolitik?

Als Erster zu Wort meldete sich nach der Demonstration der Sprecher der Balearen-Regierung und Vizepräsident Toni Costa (konservative Volkspartei, PP). Gegenüber dem Regionalsender IB3 erklärte sich Costa mit den Demonstranten fast schon solidarisch und bedankte sich dafür, dass es eine „friedliche und respektvolle“ Kundgebung war. Die Regierung sei sich darüber im Klaren, dass in der Bevölkerung Unmut über die Situation auf den Inseln herrsche. „Und einen Großteil dieser Unzufriedenheit teilen wir in der Landesregierung.“

Und wie zu befürchten war, gab die Demonstration einmal mehr Anlass zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen den beiden großen Volksparteien. Die oppositionellen Sozialisten forderten die Landesregierung auf, mit Maßnahmen nicht auf die Erkenntnisse des runden Tischs der Nachhaltigkeit zu warten, den die Landesregierung einberufen hat, sondern sofort aktiv zu werden. Es gebe 15 Maßnahmen, die man ohne Notwendigkeit von Studien oder Daten ergreifen könne, sagte der Sprecher der Sozialisten im Balearen-Parlament, Iago Negueruela.

Er verwies etwa auf die Forderungen der Sozialisten unter anderem nach einem Mietendeckel oder auch nach einer Einstufung der Inseln als „Gebiet mit angespannter Wohnsituation“, um weitere wohnungspolitische Maßnahmen ergreifen zu können. Beides Dinge, gegen die sich die PP sträubt. Negueruela forderte darüber hinaus, das Dekret für die Legalisierung von Schwarzbauten im ländlichen Raum zurückzunehmen. Dieses führe nur zu einem noch größeren Druck auf den Immobilienmarkt, und es entstünden weitere Zweitimmobilien.

Noch am Mittag antwortete der Sprecher im Balearen-Parlament, Sebastià Sagreras, und kritisierte wiederum Negueruela scharf. Er solle aufhören, sich „lächerlich zu machen“, so Sagreras. Die Demonstration habe sich gegen Zustände gerichtet, die in acht Jahren Linksregierung entstanden seien. Und eben mit Negueruela als verantwortlichem Tourismusminister in der zurückliegenden Legislaturperiode.

Am Dienstag meldete sich dann auch erstmals Ministerpräsidentin Marga Prohens zu Wort. Sie hob direkt auf die Schmierereien ab, die es am Rand der Demo gegeben hatte. Es seien zwar nur „einzelne“ Aktionen gewesen, diese verurteile man jedoch, die Schmierereien repräsentierten nicht die „Befindlichkeiten der Mehrheit“. Ansonsten stelle man fest, dass es in der Bevölkerung ein „Bedürfnis nach einer Diagnose“ gebe, damit konkrete Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Massentourismus in die Wege geleitet würden.

Wie sieht es das Ausland?

Das Medieninteresse in den Quellmärkten war erwartungsgemäß groß. Bei der Demonstration selbst waren viele deutsche Medienvertreter anwesend, zahlreiche Kamerateams waren eigens angereist. Darunter beispielsweise auch ein Team des ZDF, das für die Kindernachrichten „Logo“ bei Kika einen Beitrag drehte. Marga Ramis berichtete, dass sie von einer deutschen Reporterin darauf angesprochen worden sei, was deutsche Urlauber tun könnten, um die Situation zu verbessern. „Es würde schon reichen, wenn sie uns verstehen“, so Ramis. Wobei das nicht das Problem in Deutschland zu sein scheint. In den meisten Berichten deutscher Medien wurde Verständnis deutlich.

Und auch in der deutschen Politik wurde die Demonstration auf Mallorca kommentiert, der Tenor war vorwiegend wohlwollend. CDU-Tourismusexpertin Anja Karliczek warnte zwar davor, mit den Protesten Urlauber zu verschrecken und sagte: „Die Urlauber auch aus Deutschland sichern Arbeitsplätze, sorgen für Steuereinnahmen, die wiederum in Investitionen in die Infrastruktur vor Ort fließen.“ Sie räumte aber auch ein, dass der Overtourism für Probleme sorge.

Der tourismuspolitische Sprecher der Bundesregierung, Stefan Zierke (SPD), sagte: „Tourismus darf kein Luxusgut werden, das nur einer Minderheit zugutekommt, während die Mehrheit unter niedrigen Löhnen und hohen Lebenshaltungskosten leidet.“ Und der Tourismus-Experte der Grünen, Matthias Gastel, erklärte: „Ich habe Verständnis, wenn sich die Bevölkerung dort zur Wehr setzt, wo sich durch Massentourismus Schäden einstellen.“ Der wachsende Druck auf die Branche sei richtig.

Weniger verständnisvoll äußerten sich die Medien in Großbritannien. Die Zeitung „Daily Mail“ griff ein Plakat der Demonstration auf, auf dem ein Foto der Finalniederlage bei der EM gegen Spanien zu sehen war, und schrieb: „Die Tourismusgegner machen sich über die englische Niederlage bei der EM lustig, während Tausende auf die Straße gehen, um von Großbritannien zu fordern, seine Betrunkenen wieder einzusammeln“. Zu lesen war auf dem bei der Demo gezeigten Plakat: „Take back your drunks“. Das Sensationsblatt „The Sun“ kommentierte unterdessen: „Die fanatischen Tourismusgegner skandierten ‚Leere Hotels, keine Mietwagen und keine Radfahrer‘.“

Was folgt nun aus der Demo?

Der Zuspruch aus der Bevölkerung für die Anliegen der Bürgerbewegung „Menys turisme, més vida“ bringt die Politik nun in Zugzwang. Ministerpräsidentin Marga Prohens erklärt zwar, das Thema mit Priorität zu behandeln. Doch bislang ist in Sachen Overtourism außer der Gründung des runden Tisches zur Nachhaltigkeit nicht viel passiert. In dieser Woche soll nun die Arbeit der zwölf Arbeitsgruppen unter Koordination von Wirtschaftswissenschaftler Toni Riera beginnen. Bislang sind auf der eigens dafür eingerichteten Website (pacteperlasostenibilitat.org) mehr als 115 Vorschläge zur Bekämpfung der negativen Folgen des Massentourismus eingegangen. Die Website verzeichnete bislang immerhin mehr als 10.000 Zugriffe.

Die Herausforderung sei nun nicht mehr die Sensibilisierung der Menschen auf den Balearen, sondern der ausreichende Druck auf die Politik, so Ramis. Angesichts der bisherigen Haltung der Regierung habe man jedoch keine großen Erwartungen an den runden Tisch.

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