Proteste gegen Massentourismus auf Mallorca: Hässliche Schmierereien und ein Geh-heim-Auftrag am Auto
Bisher waren die Proteste sehr konstruktiv. Nun aber tauchen vermehrt Botschaften und Aufkleber mit deutlichen Anfeindungen auf. Hoteliers und Ferienvermieter sorgen sich ums Geschäft, doch einigen Aktivisten kommt der rauere Ton gerade recht

Graffiti an einer Hauswand in Palma. / Johannes Krayer
Schlägt die Stimmung jetzt um? Bisher waren die Proteste gegen die Auswirkungen des Massentourismus auf Mallorca betont friedlich und glichen eher einem Sonntagsspaziergang, auch wenn Zehntausende Menschen den Aufrufen zu den bisher zwei Großdemonstrationen gefolgt sind. Die Wasserpistolen blieben trocken und die Urlauber am Rand der Strecke unbehelligt. Viele äußerten Verständnis für die Anliegen der Demonstranten.
Nun wird die Auseinandersetzung zunehmend aggressiver geführt, zumindest auf den Wänden. Inzwischen sind an mehreren Orten Schmierereien mit eindeutigen Botschaften aufgetaucht: „Kill a tourist“ steht an einer Wand in Manacor. „Tourismus macht frei“ – auf Deutsch – in Anlehnung an das Motto „Arbeit macht frei“ in den Konzentrationslagern der Nazizeit in Deutschland wurde an mehreren Stellen in der Altstadt von Palma an die Wände gesprüht.
Vergleichsweise harmlos waren dagegen noch die Aufkleber mit der Aufschrift „Tourists go home“, die Unbekannte auf die Windschutzscheibe des Mietwagens einer Urlauberfamilie in Bunyola klebten.
Einzelpersonen oder kleine militante Gruppen
Bei den Urhebern dürfte es sich um kleine militante Gruppen oder sogar Einzelpersonen handeln, die auch schon bei anderen Gelegenheiten in Erscheinung traten. Ihre Meinung dürfte auf der Tourismusinsel Mallorca kaum mehrheitsfähig werden.

Aufkleber „Tourists go home“ in Bunyola. / Alquilair
Allerdings machen die Botschaften der Tourismusbranche auf der Insel zunehmend Sorgen, auch wenn das die Verantwortlichen nicht in allen Fällen offen zugeben wollen. So versucht man etwa bei der mallorquinischen Hoteliersvereinigung FEHM abzuwiegeln.
Eine Sprecherin sagt: „Es ist eine winzige Minderheit, die sehr laut schreit. Deshalb nimmt man sie wahr.“ Man sei sich zwar der Gefahr bewusst, dass derartige Botschaften für Verunsicherung in den Quellmärkten sorgen könnten. Allerdings könne man sich nun nicht zu jeder Schmiererei an einer Wand äußern.
Ferienvermieter machen sich Sorgen
Expliziter ist da schon María Gibert, die Sprecherin der Vereinigung der Ferienvermieter Febhabtur. Sie ist besorgt vor den Auswirkungen solcher Botschaften auf die Buchungszahlen. Bereits jetzt stehe man bei 15 bis 20 Prozent weniger Auslastung als im vergangenen Sommer.
Schriftzüge wie „Kill a tourist“ hülfen da nicht und seien zum Teil für den Rückgang der Urlauber verantwortlich, glaubt Gibert. „Momentan sind die Auswirkungen aber noch überschaubar, weil die Saison mitten im Gange ist“, erklärt sie.
Kurzfristige Stornierungen
Maria Gibert erzählt allerdings auch von Stammgästen, die jedes Jahr ein Ferienhaus auf Mallorca mieten, in diesem Jahr aber ihre Buchung kurzfristig storniert hätten. Einen genauen Überblick über die Zahl der Stornierungen habe sie nicht, bislang seien es noch eher Einzelfälle.
„Sorge habe ich im Hinblick auf die kommende Saison“, sagt Gibert. Dann nämlich könnten sich viele Urlauber andere Reiseziele suchen, weil sie sich auf Mallorca nicht mehr willkommen fühlten. Auch die Hoteliers sprechen von schwächeren Buchungszahlen als vor der Saison erhofft.
Initiatoren der Proteste zufrieden über Verunsicherung
Auch sonst ist die Verunsicherung bei den Urlaubern bereits zu spüren. Yoann Blanc, Miteigentümer von Alquilair, einer Firma, die Ferienvermietung anbietet, berichtet, dass er und sein Team seit Wochen Nachrichten von Gästen beantworten, die von der aktuellen Entwicklung besorgt seien. Die Debatte werde zunehmend emotional geführt. Davon zeugen auch Zuschriften, die die MZ erreichen.
Den Organisatoren der Protestaktionen ist eine gewisse Verunsicherung der Urlauber und ein eventuelles Ausbleiben von Gästen nur recht. „Das ist ja genau das, was wir erreichen wollen“, erklärt Pere Joan Femenia, einer der Sprecher der Bewegung „Menys turisme, més vida“ (Weniger Tourismus, mehr Leben). „Wir fördern zwar nicht, dass die Leute ‚Kill a tourist‘ an die Wände schreiben, aber wir verstehen, dass viele Menschen äußerst genervt von den Auswüchsen des Tourismus sind“, sagt Femenia.

Grafitti „Kill a tourist“ in Manacor. / DM
"Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir offenbar deutlichere Worte finden"
Derartige Schmierereien würden ausdrücklich hingenommen und nicht verurteilt. „Es ist schon klar, dass das manchen Menschen weniger gefällt, aber wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir offenbar deutlichere Worte finden“, sagt Femenia. Bisher habe die Politik keinerlei ernsthafte Schritte unternommen, um den Massentourismus in den Griff zu bekommen.
Erschrocken zeigte sich Femenia über den Schriftzug „Tourismus macht frei“, auf den er bisher nicht aufmerksam geworden sei. Er könne sich nicht erklären, wer diesen Satz an die Wände gesprüht haben könnte.
„Unsere Bewegung ist antifaschistisch, von uns kann es also niemand gewesen sein“, glaubt Femenia, der es für möglich hält, dass es sich um Trittbrettfahrer handeln könnte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Mallorquiner geschrieben hat.“ Dass sich die Stimmung weiter aufheizen und in möglichen Attacken gegen Urlauber niederschlagen könnte, davon geht Femenia derzeit nicht aus.
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