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Saisonkräfte auf Mallorca: Jeden Winter arbeitslos - ist das erstrebenswert?

Viele Zehntausend Menschen auf Mallorca arbeiten nur während der Urlaubersaison – und gehen dabei oft über ihre Grenzen hinaus. Jetzt, im Winter, beginnt für sie die Erholungsphase. Das hat Auswirkungen. Auf das System und auf die Menschen

Im Sommer kellnern, im Winter ausruhen: Das ist die Lebenswirklichkeit vieler Saisonkräfte auf Mallorca.

Im Sommer kellnern, im Winter ausruhen: Das ist die Lebenswirklichkeit vieler Saisonkräfte auf Mallorca. / DM

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Sophie Mono

Sophie Mono

Jetzt, im November, kann Marilin Contreras endlich wieder durchatmen. Sechs arbeitsame Monate liegen hinter der 46-Jährigen. Seit mittlerweile vier Jahren ist sie fest angestellt als Zimmermädchen im Fünf-Sterne-Hotel Pleta de Mar in Canyamel auf Mallorca. Vier Jahre, in denen ihr Lebensrhythmus sich je nach Jahreszeit um 180 Grad wandelt. „Im Sommer opfert man sich auf, im Winter lebt man“, sagt die Chilenin. Sie ist fest angestellt, aber nur als Saisonkraft.

Fijo discontinuo lautet die Art des Vertrags, der in ihrem Fall immer im Mai beginnt und Ende Oktober endet. Während der Sommer für Contreras hauptsächlich aus harter körperlicher Arbeit und erschöpftem Ausruhen von den kräftezehrenden Reinigungsarbeiten im Luxushotel besteht, hat sie jetzt komplett frei. Freunde treffen, Sport treiben, die Wohnung grundreinigen – all die Dinge, für die während der Saison keine Zeit war, sind jetzt möglich. „Mir gefällt dieses Modell, vor allem jetzt im Winter“, freut sich Marilin Contreras.

Plötzlich haben alle Zeit

Contreras ist eine von rund 160.000 Saisonkräften, die auf den Balearen im Tourismussektor tätig sind. Sie machen im Sommer etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen auf den Inseln aus, in einigen Urlauberhochburgen liegt der Anteil der fijos discontinuos sogar deutlich über 50 Prozent. In keiner anderen Region Spaniens ist der Anteil so hoch, auch europaweit ist Saisonarbeit wohl nirgends so verbreitet wie auf den Balearen.

Für Außenstehende ist es ein merkwürdiges Modell, das sich mit dem Aufkommen des Massentourismus auf der Insel eingenistet hat. Gerade in den Küstenorten ist das Saisonende allgegenwärtig. Nicht nur, dass viele Straßenzüge zu Geistersiedlungen werden, weil Läden, Bars und Hotels die Pforten schließen, sondern auch, weil die Cafés rund um die Schulen plötzlich aus allen Nähten platzen, weil viele Eltern, die bis dato monatelang nur gehetzt ihren Nachwuchs ablieferten und dann zur Arbeit in Hotellerie und Gastronomie hasteten, plötzlich alle Zeit der Welt haben, sich selbst auf den Terrassen mit café con leche bedienen zu lassen. Fast kommt man sich als ganzjährig Arbeitender seltsam vor, wenn man weiterhin seinen Verpflichtungen nachkommen muss.

Regelmäßig vom Staat abhängig

Ein Lebensmodell, das ursprünglich eine Ausnahme war und in vielen anderen Gegenden Europas auch weiterhin ist, „hat sich hier auf den Balearen für große Teile der Gesellschaft zu einer normalen Lebensweise entwickelt“, sagt Bartolomé Deyá. Der Wirtschaftsprofessor an der Balearen-Universität beobachtet seit Jahren die Auswirkungen, die die Saisonarbeit auf die Insel hat. „Wenn man es rein volkswirtschaftlich betrachtet, ist das Modell der fijos discontinuos defizitär“, so der Experte. Die Saisonkräfte beziehen je nach Länge ihrer Verträge jeden Winter entweder Arbeitslosengeld (prestación por desempleo, oder umgangssprachlich paro) oder Arbeitslosenhilfe (subsidio de desempleo, kurz: ayuda). Gewissensbisse darüber, regelmäßig dem Staat auf der Tasche zu liegen, gibt es kaum. „Vielmehr sehen viele Menschen es als ihr Recht an, im Winter Arbeitslosengeld oder Hilfen zu beziehen – was es ja auch ist“, sagt Deyá.

Wer Saisonverträge von neun Monaten oder mehr im Jahr hat, kann die verbleibenden drei Monate lang paro beziehen, sprich: 70 Prozent des Durchschnittsgehalts. Das Arbeitslosengeld wird dann auch für die Rente angerechnet. Wer wie Marilin Contreras nur sechs Monate arbeitet, hat nur jeden zweiten Winter Anspruch auf paro, in den anderen Jahren wird nur die deutlich geringere ayuda ausgezahlt, die nicht für die Rente mitzählt. „Die Leute rechnen fest mit dem Geld. Dabei ist und bleibt es natürlich eine staatliche Hilfe. Der Staat muss Winter für Winter für Tausende Menschen aufkommen“, sagt Bartolomé Deyá.

Vergeudung von Talenten

Die Ursprünge des Fijo-discontinuo-Modells liegen im Hotelsektor. „Gerade für die großen Häuser lohnt es sich nicht, bei geringer Bettenbelegung geöffnet zu haben. Wenn die Auslastung unter 40 Prozent liegt, fahren sie Verluste ein. Um das zu vermeiden, schließen sie – die Mitarbeiter werden dann nicht mehr gebraucht“, erklärt Deyá. Letztlich sei es aber eine Vergeudung von Talenten und Kapital, dass in den Wintermonaten ganze Wirtschaftszweige fast komplett zum Erliegen kommen und keinen Mehrwert generieren. „Gesamtwirtschaftlich ist es schlicht ineffizient. Wie eine Fabrik, deren Maschinen immer wieder gestoppt werden“, sagt der Ökonom.

Auch für den einzelnen Mitarbeiter sei die Anstellung als fijo discontinuo heikel, betont José García von der Gewerkschaft UGT auf den Balearen. Zwar sind die Arbeitgeber verpflichtet, die Mitarbeiter nach der Winterpause wieder einzustellen, „aber es macht die Menschen verletzlich, nur eine bestimmte Anzahl an Monaten Gehalt zu beziehen. Die staatlichen Hilfen, die sie im Winter beziehen, sind eben deutlich geringer als ein komplettes Einkommen“, so der Gewerkschafter. Das habe zur Folge, dass viele im Sommer über ihre Belastungsgrenzen hinaus arbeiteten, oft auch über die vorgeschriebenen Pausenzeiten hinaus, um möglichst viel Geld zu scheffeln und so im Winter über die Runden zu kommen. „Viele setzen dabei ihre Gesundheit aufs Spiel, zumal es oft körperlich harte Arbeiten sind und ihnen im Servicesektor viel abverlangt wird“, so García.

Unbezahlte Überstunden

Dass viele Arbeitnehmer aus eigenem Antrieb mit ihren Vorgesetzten vereinbaren, im Sommer Extraschichten zu schieben und monatelang ohne Urlaubstage durchzupowern, will García nicht kritisieren. Wohl aber die illegalen Vorgehensweisen, durch die sich viele Arbeitgeber Vorteile von der Notsituation ihrer Angestellten verschafften. „In der Saison werden Abertausende von Überstunden geleistet. Das Problem ist, dass ein Großteil nicht versteuert wird und viele davon letztlich nicht einmal ausgezahlt werden. Unseren Schätzungen nach werden nur fünf Prozent der Überstunden der fijos discontinuos offiziell abgerechnet. Der Rest wird unter der Hand gemacht, und dann hängen die Mitarbeiter vollkommen von der Fairness ihrer Chefs ab.

Marilin Contreras mag ihren Job als Zimmermädchen im Hotel Pleta de Mar.  | FOTO: PRIVAT

Marilin Contreras mag ihren Job als Zimmermädchen im Hotel Pleta de Mar. | FOTO: PRIVAT

Zimmermädchen Marilin Contreras hat Glück. Sie ist nicht darauf angewiesen, Überstunden zu machen, obwohl auch ihr Mann nur acht Monate im Jahr arbeitet. „Das funktioniert aber auch nur, weil wir keine Hypothek und kaum Miete zahlen, da die Wohnung meiner Schwiegermutter gehört. Sonst sähe es ganz anders aus“, sagt die Chilenin.

Auspowern im Sommer

So wie bei Inma. Ihren vollen Namen will die Andalusierin, die seit vielen Jahren auf Mallorca lebt und hier auch eine Familie gegründet hat, nicht nennen. Auch sie ist als Reinigungskraft in einem Hotel angestellt. Anders als Contreras weiß sie kaum, wie sie über die Runden kommen soll. „Ich arbeite sieben bis acht Monate im Jahr. Im Hochsommer schufte ich sieben Tage die Woche, weil es natürlich mehr Geld gibt. Teilweise komme ich dann auf mehr als 60 Stunden pro Woche“, berichtet sie.

Doch anders gehe es nicht. Ihr Mann sei als Kellner ebenfalls nur saisonal angestellt. „Drei Kinder, Hypothek – wir brauchen jeden Cent“, sagt sie. Immerhin bekäme sie das Geld schwarz, aber zuverlässig ausgezahlt. „Klar ist es für die Rente ungünstig, dass die Extrastunden nicht deklariert werden. Aber aktuell ist es für mich so besser. Ich kann es mir nicht leisten, an die ferne Zukunft zu denken.

Dabei ist sich die Spanierin bewusst, dass der hohe Rhythmus im Sommer schon jetzt ihrer Gesundheit schadet – und auch das Familienleben belastet. „Während der Saison bleibt im Haushalt so viel liegen, ich habe kaum Zeit für meine Kinder, natürlich ist das nicht gut. Aber was soll man machen“, sagt Inma. Eine Ausbildung hat sie, wie viele andere Saisonkräfte, nicht. „Und wenn die Saison dann endlich vorbei ist, brauche ich erst einmal Zeit, mich zu regenerieren.“ Zudem sei der Winter die einzige Chance, die Familie auf dem Festland zu sehen.

Flüchten im Winter

„Die Hoteliers reden immer von mehr Qualität und davon, ihre Mitarbeiter weiterbilden zu wollen. Aber keiner von ihnen bietet Weiterbildungen während der Arbeitszeit an. Und im Winter flüchten die Leute, um sich zu entgiften“, so Gewerkschafter José García. Mit seinen Mitstreitern will er im kommenden Jahr bei den neuen Tarifverhandlungen vor allem darum kämpfen, die Saisonverträge auf neun Monate auszuweiten.

„Die touristische Saison zu verlängern, sagt sich so leicht, das ist aber kompliziert – und teilweise auch gar nicht im Sinne der Saisonarbeiter“, sagt hingegen Bartolomé Deyá. Viele fijos discontinuos hätten sich schon so an diesen Rhythmus gewöhnt, dass sie gar nicht gewillt seien, ganzjährig zu arbeiten.

„Da beißt sich der Hund in den Schwanz. Die Leute brauchen eine Erholungspause im Winter, gleichzeitig geht das Saisonarbeitsmodell an den sozialen Bedürfnissen vorbei und ist wirtschaftlich nicht sinnvoll“, sagt auch der auf Unternehmensrecht spezialisierte Jurist Juan Franch Fluxá, der ebenfalls an der Balearen-Uni lehrt. Auch er kritisiert die Einstellung vieler fijos discontinuos, die im Winter nicht den Drang zu haben, einer wertschöpfenden Tätigkeit nachzugehen. „Natürlich sind ihre Jobs hart, aber das sind die von Bergarbeitern, Landwirten oder Servicekräften in ganzjährig geöffneten Betrieben auch“, findet er. „Die Frage ist doch, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der der wichigste Wirtschaftszweig regelmäßig über Monate hinweg ausgebremst wird.“

Doppelt so viel Geld in der Hälfte der Zeit

Der Gewerkschaftler José García nimmt hier auch die Hoteliers in die Pflicht „Viele wollen ihre Betriebe nur bei Vollbelegung öffnen und machen deshalb im Frühjahr extra spät auf. Warum können sie nicht früher und ruhiger in die Saison starten? Dann wären die Mitarbeiter auch nicht darauf angewiesen, sich im Sommer völlig auszupowern.“

Marilin Contreras nimmt es indes gelassen. „Man muss eben abwägen. Will man als Verkäuferin ganzjährig einen ruhigen Job haben, aber nur 1.000 Euro verdienen, oder doppelt so viel in der Hälfte der Zeit?“ Sie selbst hat beides ausprobiert und ist sich sicher: „Ich will die Freiheit im Winter nicht mehr missen. Jetzt beginnt die gute Jahrezeit.“

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