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Hotelierschefin von Mallorca: "Natürlich wird an der Playa de Palma Ruhe einkehren"

Maria Frontera verabschiedet sich nach sieben Jahren an der Spitze der Hoteliers der Insel. Ein Gespräch über die Pandemie, die Proteste gegen ihre Branche und die Arbeit mit Politikern

Wurde durch die Pandemie "extrem motiviert": Hotelierschefin Maria Frontera.

Wurde durch die Pandemie "extrem motiviert": Hotelierschefin Maria Frontera. / Guillem Bosch

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Fast sieben Jahre stand Maria Frontera nun als Präsidentin der mallorquinischen Hoteliersvereinigung FEHM vor. Kurz vor ihrem Abschied lässt die 49-Jährige mit spanischem Vater und dänischer Mutter eine äußerst ereignisreiche Zeit Revue passieren.

Es war eine aufregende Amtszeit samt Pandemie. Wie haben Sie diese sieben Jahre erlebt?

Sie waren wirklich intensiv. So sehr, wie ich das niemals erwartet hätte. Aber ich kann es nur empfehlen, die eigene Komfortzone zu verlassen und mit so vielen Menschen, Unternehmen und Institutionen in Kontakt zu treten. Das ist eine unschätzbare Erfahrung. Und da war ja nicht nur die Pandemie. Kurz nach meinem Amtsantritt hatten wir mit der Insolvenz des ältesten Reiseveranstalters der Welt zu tun (Thomas Cook, Anm. d. Red.). Ab diesem Moment hat die Intensität nicht mehr nachgelassen. Die Insolvenz hat uns dazu gezwungen, Protokolle etwa zur Rückführung von Urlaubern zu erarbeiten, die wir mit der Pandemie wieder nutzen konnten. Wir haben die Beziehungen zur Regierung in dieser Zeit sehr verstärkt, die Zusammenarbeit lief wirklich sehr gut, so gut wie nie mehr danach.

"Politiker lieben es, Dinge anzukündigen, bevor es so weit ist."

Das überrascht, da man Sie näher an der konservativen Regierung verortet. Mit welcher haben Sie mehr Einfluss ausüben können?

Darum geht es gar nicht. Unsere Verantwortung ist, mit jeder Regierung zusammenzuarbeiten und die anstehenden Themen anzugehen. Und das wichtigste Thema ist, wie können wir Wohlstand mit Nachhaltigkeit verbinden. Mit der Linksregierung haben wir in sehr enger Abstimmung das Dekret gegen den Sauftourismus erarbeitet. Auch beim Pilotprojekt der Wiederöffnung des Tourismus kurz nach dem Corona-Ausbruch haben wir sehr gut kooperiert. In anderen nicht so sehr. Denn es gab viele Momente, in denen das Reiseziel Mallorca nicht gemanagt wurde. Politiker lieben es, Dinge anzukündigen, bevor es so weit ist. Beim Dekret gegen den Sauftourismus beispielsweise gab es einen großen Unterschied zwischen Calvià und Palma bei der Umsetzung. In Palma arbeiten die Politiker erst jetzt daran, so erfolgreich wie in Calvià zu sein.

Glauben Sie wirklich daran, dass auch an der Playa de Palma Ruhe einkehren kann?

Na klar, ich halte das für problemlos möglich. Wenn wir nicht daran glauben würden, würden wir nicht mit aller Kraft daran arbeiten und das Thema immer wieder anschieben.

Gab es einen Moment in der Pandemie, an dem Sie am liebsten hingeschmissen hätten?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Die Herausforderung und die Verantwortung waren riesig. Wir haben uns quasi Tag und Nacht dem Thema gewidmet. Das war der Moment, an dem ich mich am meisten persönlich und beruflich entwickelt habe. Mich hat diese Ausnahmesituation extrem motiviert.

"Das ist jetzt der Moment, um das Gleichgewicht zwischen Urlaubern und Einheimischen wiederherzustellen."

Der Tourismus war zu diesem Zeitpunkt quasi tot. Vier Jahre später sprechen wir wieder von Rekordzahlen. Was ist passiert?

Das hat eine einfache Erklärung. Nach der Pandemie haben viele ihre Prioritäten im Leben hinterfragt. Die Leute wollten wieder raus und hatten außerdem Geld gespart, das sie in der Pandemie nicht ausgeben konnten. In den Jahren danach haben sich die Ausgaben wieder etwas normalisiert. Das ist jetzt der Moment, um das Gleichgewicht zwischen Urlaubern und Einheimischen wiederherzustellen. Und dafür haben wir ja inzwischen die Technologie. Die wurde sträflich vernachlässigt in den vergangenen Jahren. Wir müssen effizienter werden, kreativer.

Tui-Deutschland-Chef Sebastian Ebel (re.) mit Hotelierspräsidentin Maria Frontera (2. v. re.).

Tui-Deutschland-Chef Sebastian Ebel (re.) mit Hotelierspräsidentin Maria Frontera (2. v. re.) beim Pilotprojekt zur Wiederöffnung des Tourismus im Juni 2020. / Foto: Johannes Krayer

Das Ziel, zur Luxusdestination zu werden, Preise zu erhöhen und damit weniger Urlauber anzulocken, scheint gescheitert.

Ich glaube nicht, dass das gescheitert ist. Vor zehn Jahren hatten 30 Prozent der Hotels vier oder fünf Sterne, heute sind es 72 Prozent. Die Ausgaben sind deutlich gestiegen, auch das Niveau der Urlauber ist gestiegen. Die Märkte haben sich geändert, der Mix ist besser. Die US-Amerikaner sind dazugestoßen, die Skandinavier sind zurückgekommen. Die Briten beispielsweise reisen weniger im Sommer an. In Magaluf sehen wir das stellvertretend. Hier ist dieser Mix aus Nationalitäten und Segmenten, etwa Familien- und jetzt verstärkt Pärchenurlaub, zum Erfolg geworden. Das hat zu höheren Ausgaben geführt, und dieser Erfolg sollte sich nun auch an anderen Orten einstellen. Das wird der einheimischen Bevölkerung zugute kommen. Man sieht ja, dass die Einheimischen unzufrieden sind und den Tourismus dafür verantwortlich machen. Aber die Unzufriedenheit ist Resultat des fehlenden Managements in Sachen Mobilität und Wohnraum. Seit Jahrzehnten werden diese Themen vernachlässigt.

"Die Bewegung „Menys turisme, més vida“ schreibt alle Probleme dem Tourismus zu, aber das muss differenzierter betrachtet werden. So einfach ist es nicht."

Sie können die Proteste der Menschen also nachvollziehen?

Natürlich. Es ist ja kein Wunder, dass es diese Unzufriedenheit gibt. Aber wir haben die Mittel, um gegenzusteuern. Man darf nicht vergessen, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Ferienwohnungen um 176 Prozent gestiegen ist. Und das sind nur die legalen. Bevor das losging, haben Urlauber und Einheimische friedlich zusammengelebt, weil sie nicht in Konkurrenz zueinander standen. Die Bewegung „Menys turisme, més vida“ schreibt alle Probleme dem Tourismus zu, aber das muss differenzierter betrachtet werden. So einfach ist es nicht.

Die Regierung versucht, mit ihrem Runden Tisch gegenzusteuern. Doch viele Tourismuskritiker sind davon enttäuscht, erste Vereinigungen verlassen die Arbeitsgruppen bereits. Welchen Eindruck haben Sie von den Gesprächen?

Sie waren eine gute Entscheidung von der Ministerpräsidentin, um das Thema zu demokratisieren. Niemals zuvor hatte eine Balearen-Regierung die verschiedenen Akteure alle an einen Tisch gesetzt. Es können gar nicht alle zufrieden aufstehen von diesem Tisch, aber wenn im Dezember die Ergebnisse mit Experten besprochen werden, dann geben wir dem erst einmal einen Vertrauensvorschuss. Es gibt viele Themen, bei denen man jetzt Entscheidungen treffen könnte. Etwa die Bekämpfung der illegalen Ferienvermietung in Mehrfamilienhäusern oder die Umwandlung von in die Jahre gekommenen Hotels in Wohnraum. Da wäre ein Zeitplan wichtig.

"Die öffentliche Verwaltung muss endlich ihr Chaos in den Griff kriegen und die Steuern zweckgebunden einsetzen. Jahrelang war der Einsatz der Gelder ineffizient."

Sorgen Sie sich vor einem neuen Sommer voller Proteste?

Zurzeit nicht. Jetzt müssen wir erst einmal Lösungen erarbeiten und das Gleichgewicht wiederherstellen. Aber wir müssen auch sehen, dass der Tourismus weiterhin der Motor der balearischen Wirtschaft ist. Und dass er nicht nur daraus besteht, in einem Hotel zu übernachten. Er geht weit darüber hinaus.

Urlauber schreiben uns immer wieder, sie würden gerne zehn Euro Touristensteuer zahlen, um die Wohnungsnot auf Mallorca zu lindern. Wieso zieht man so etwas nicht in Betracht?

Im vergangenen Jahr sind knapp drei Millionen Menschen am Flughafen angekommen, die keinerlei Steuer gezahlt haben. Die öffentliche Verwaltung muss endlich ihr Chaos in den Griff kriegen und die Steuern zweckgebunden einsetzen. Jahrelang war der Einsatz der Gelder ineffizient. Mit der neuen Regierung sehen wir einen Wandel in Sachen Priorisierung. Endlich werden mindestens 260 Millionen Euro in den Wasserkreislauf gesteckt. Das wurde höchste Zeit. Die Hoteliers sind vorbildlich beim Wassersparen. Aber gleichzeitig geht in manchen Gemeinden die Hälfte des Trinkwassers durch kaputte Leitungen verloren. Zehn Euro würden kein Stück der Wohnungsnot lindern. Die Vorgängerregierung hat angeblich 54 Millionen Euro von der Touristensteuer für Wohnungen ausgegeben, doch das Geld ward nie mehr gesehen.

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