Tourismusboom in Albanien: Mallorca sollte dem Land eine Lektion sein
In Albanien boomt der Tourismus wie in den 70ern auf den Balearen. Die Parallelen waren auch bei der Tourismusmesse ITB in Berlin ein Thema

In Albanien gibt es noch weitgehend unberührte Strände am Mittelmeer. Doch ob es bei der Idylle bleibt, ist angesichts des Urlauberbooms fraglich. / Freepik
80 Prozent Wachstum bei den Urlauberzahlen seit 2019, 14 Millionen Reisende im vergangenen Jahr – angesichts eines solchen Trends würden viele Einheimische auf Mallorca Ausschläge bekommen. Zwar bestreiten die Hoteliers, wie gerade bei der Tourismusmesse ITB in Berlin geschehen, jegliche Überfüllung energisch, aber die meisten Bewohner von Mallorca spüren die Auswirkungen des Massentourismus wie Wohnungsnot, verstopfte Straßen und ständig steigende Lebenshaltungskosten längst am eigenen Leib.
In Albanien ist das Empfinden offenbar anders. In dem kleinen Land im östlichen Mittelmeerraum, das im Süden an Griechenland und im Norden an Montenegro grenzt, scheinen die meisten Menschen angesichts des vor wenigen Jahren ausgebrochenen Tourismusbooms euphorisch. Da passte es gut, dass bei der ITB in diesem Jahr Albanien das Gastland war.
Der Stand in Halle 3.1 war vor allem im Vergleich zu den protzigen Aufbauten der arabischen Staaten oder auch Ägypten beinahe bescheiden, an den Gesprächstischen und in den Gemeinschaftsbereichen allerdings herrschte reger Betrieb. Auffällig: Neugierige werden geradezu mit offenen Armen empfangen. Gibt man sich als Pressevertreter aus, sprudelt es nur so aus den Vertretern der verschiedenen Reiseanbieter heraus. Und: Die Unternehmer sprechen ohne Scheu negative Aspekte an und sehen die Ausbreitung des Massentourismus in ihrem Land auch kritisch.
Hotellandschaft ändert sich
Besonders auskunftsfreudig ist Junid, auch wenn er seinen Nachnamen lieber nicht verraten will. Der Enddreißiger spricht fast perfekt Deutsch, er hat die Sprache in Österreich gelernt. Junid ist Teilhaber am Radveranstalter Cycle Albania. Das Unternehmen, das geführte Radreisen durch das bergige Hinterland der Mittelmeerküste anbietet, gründeten seine Kollegen eher zufällig 2013, kurz vor dem einsetzenden Tourismusboom. „Das Schöne ist, dass die meisten Hotels noch in Familienhand sind und maximal 50 Zimmer haben“, erklärt Junid.
Doch das ändert sich langsam. Zwar gibt es noch vergleichsweise wenige Bettenburgen, wie sie im Zuge des Tourismusbooms in den 1970ern etwa an der Playa de Palma oder in noch deutlich stärkerem Ausmaß an der spanischen Mittelmeerküste auf dem Festland entstanden. Das liegt laut Junid aber auch daran, dass Albanien noch nicht in der EU ist.
Meliá ist schon da
„Ausländische Investoren sind da ein bisschen vorsichtiger, weil sie dem Land noch nicht ganz über den Weg trauen.“ Allerdings sind da bereits Beispiele für große Hotelketten, die in Albanien investieren, unter anderem eine mallorquinische: Inzwischen gibt es fünf Meliá-Hotels im Land – eines in der Hauptstadt Tirana und vier an der Küste. Auch Hyatt, Marriott und andere große internationale Konzerne lassen derzeit schicke Unterkünfte an der Küste bauen.
Eines der drastischsten Beispiele: Auf der kleinen Insel Sazan gegenüber der Stadt Vlorë hat sich der Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump, Jared Kushner, eingekauft und plant hier ein Luxusresort. Eigentlich sind die Insel und die umliegenden Gewässer Nationalpark respektive Meeresschutzgebiet. Doch es ist eben viel Geld im Spiel, und da lässt sich an Umwelt- und Landschaftsschutzbestimmungen schon noch etwas drehen.
Schutzgebiete einfacher verschieben
So verabschiedete die Regierung unter dem sozialistischen Premierminister Edvin Rama vor etwa einem Jahr ein Gesetz, das es erlaubt, die Grenzen von Schutzgebieten einfacher zu verschieben. Diese Änderung erleichtert nahe Vlorë auch den Bau eines neuen Flughafens, der momentan an einem Naturschutzgebiet im Delta des Flusses Vjosa entsteht. Für den Flughafen wurden ebenfalls die Schutzbestimmungen aufgeweicht, auch wenn Radsportunternehmer Junid sagt: „Das Gebiet, auf dem der Flughafen entsteht, ist landschaftlich nicht interessant, das richtige Schutzgebiet ist ein Stück davon entfernt.“
Ein paar Stände weiter sitzt Frenkli Prengaj, der Gründer und Chef der Online-Reiseagentur Discover Albania. Er ist einer der großen Profiteure des Tourismusbooms im eigenen Land. Trotzdem sagt er: „Die Prioritäten der Regierung liegen im Moment bei 100 Prozent Tourismusförderung und null Prozent Landschaftsschutz.“ Und das gibt ihm zu denken. Derzeit gebe es so gut wie keine Regulierungen, was die Tourismusbranche angehe. „Aber wenn wir uns andere Ziele, wie beispielsweise Mallorca, anschauen, werden wir diese Regulierungen in den nächsten Jahren brauchen“, glaubt Prengaj.
Sorgen um den Wohnungsmarkt
Vor allem denken Junid und er da an den Wohnungsmarkt. In der Hauptstadt Tirana, aber auch in anderen begehrten Städten, haben sich die Wohnungspreise laut Junid „innerhalb von kurzer Zeit verdoppelt“. Die Angebote für Kurzzeitvermietung auf Plattformen wie Airbnb sind explodiert. Und trotzdem liegen die Preise im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern noch verlockend niedrig, sodass sich erste wohlhabende Ausländer in Albanien einkaufen.
Derweil nehmen auch die Reiseveranstalter Albanien deutlich stärker in den Blick. Nils Lübbe, der Direktor für den westlichen Mittelmeerraum bei DERTour, sagt der MZ bei der ITB: „Wir haben Albanien inzwischen seit acht Jahren im Programm, und die vergangenen zwei, drei Jahre ist die Zahl unserer Urlauber dort enorm gewachsen.“
Es werde viel gebaut, die touristischen Gebiete entwickelten sich gut, vor allem in den Gegenden um Durrës und Sarandë, wo lange Sandstrände locken. „Der Albanien-Boom hat gerade angefangen, die Nachfrage wird in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen.“ Dass wohl auch aus Preisgründen der ein oder andere Mallorca-Stammurlauber auf Albanien zurückgreifen wird, gilt als ausgemacht.
Radreiseanbieter Junid hofft dabei inständig, dass es nicht die Saufurlauber sind. „Wir haben leider jetzt schon in manchen Gebieten Zustände, die an den Ballermann erinnern.“ Albanien müsse von Mallorca lernen, um rechtzeitig gegenzusteuern.
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