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"Wir werden regelrecht vertrieben": Das sagen die Teilnehmer an der Demonstration auf Mallorca

Die MZ hat mit Einheimischen über ihre Sorgen und Nöte gesprochen

"Reiche ausländische Immobilienkäufer, fahrt zur Hölle": Plakat bei der Demonstration in Palma.

"Reiche ausländische Immobilienkäufer, fahrt zur Hölle": Plakat bei der Demonstration in Palma. / Manu Mielniezuk

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Mehrere Tausend Menschen haben am Sonntagnachmittag und -abend (15.6.) auf Mallorca gegen das vorherrschende Modell des Massentourismus und für das Recht auf ein würdiges Leben auf der Insel demonstriert. Die MZ hat sich unter die Leute gemischt und mit einigen von ihnen gesprochen.

Violeta stammt ursprünglich aus Madrid, lebt aber bereits seit 15 Jahren auf der Insel. Sie hält ein Plakat in die Höhe mit der Aufschrift "Nothing personal, just taking care of our land. Politicians, do your work!!" (Es ist nichts Persönliches, ich will nur meine Heimat schützen. Politiker, tut eure Arbeit!!). "Ich bin heute gekommen, weil ich mehrere Anliegen habe. Wir müssen die Touristifizierung Mallorcas stoppen und die Natur besser schützen. Die Politiker arbeiten nicht für die Leute, deshalb müssen wir uns selbst kümmern", sagt sie. Vor allem seien es die rechten und konservativen Parteien, die nur für ihre eigenen Interessen einstünden.

Violeta und Esteban bei der Demo in Palma.

Violeta und Esteban bei der Demo in Palma. / Johannes Krayer

Lebensmittelversorgung kritisch

Esteban steht neben ihr und sorgt sich vor allem um die Lebensmittelversorgung auf der Insel. "Die Insel ist weit davon entfernt, sich eigenständig mit Lebensmitteln versorgen zu können. 90 Prozent muss von außerhalb kommen", kritisiert Esteban, der als Sohn eines Engländers und einer Mallorquinerin in Sóller zur Welt kam. In Verbindung mit dem Massentourismus sei diese Abhängigkeit vom Festland ein großes Problem. Dazu komme noch die Wohnungsnot. "Was mich am meisten besorgt, ist, dass wir eine Insel ohne ausreichende Wasserressourcen aufbauen, auf der es immer größere soziale Konflikte gibt", sagt er.

Das Wasserproblem macht auch Aina Bonner zu schaffen. Die Mallorquinerin war eines der ersten Mitglieder bei der Umweltschutzorganisation Gob und kritisiert, dass das Wasser eine viel zu stark ausgenutzte Ressource ist. "Da sind aber nicht nur die Urlauber das Problem. Auch die Einheimischen verbrauchen beispielsweise mit ihren Pools viel zu viel Wasser."

Aina Bonner mit ihrem Plakat.

Aina Bonner mit ihrem Plakat. / Johannes Krayer

"Politik vertritt die Menschen nicht"

Ihr Lebensgefährte, der Deutsche Jürgen Schmidt, hat ein passendes Banner dazu gebastelt, das zwar noch aus dem Vorjahr stammt, aber nichts an Aktualität eingebüßt hat. Auf der einen Seite steht: 59.000 Piscines = 6.000.000.000 L de vaporació (59.000 Pools = 6 Milliarden Liter Verdunstung). Auf der anderen Seite: 18.000.000 Turistes = 140.000.000 Dutxes (18 Millionen Urlauber = 140 Millionen Duschen), dazu ein weinender Wassertropfen, der Nooo! ruft.

Jürgen Schmidt bei der Demonstration.

Jürgen Schmidt bei der Demonstration. / Johannes Krayer

Sie sei sich aber auch bewusst, dass die Wohnungsnot eines der drängendsten Themen ist, sagt Bonner. Sie seien zwar nicht betroffen, weil sie in Santa Catalina Eigentum haben, aber es könne nicht angehen, dass eine Monatsmiete so hoch liege wie ein Gehalt. Jürgen Schmidt regt sich vor allem über die Untätigkeit der politischen Institutionen auf. "Wir sind ja nicht gegen Urlauber, aber es braucht auch mal Führungsstärke der hiesigen Politiker, endlich Maßnahmen zu ergreifen. Die Politik vertritt die Menschen nicht."

"Einwanderer stärker ansprechen"

Bonner und Schmidt haben beobachtet, dass zu den Demonstrationen stets mehr oder weniger dieselben Gruppen und Bürger kommen. "Wir müssen die Einwanderer noch viel stärker ansprechen, die haben ja diese Probleme auch, aber sie kriegen oft gar nicht mit, dass eine Demonstration ansteht", sagt Schmidt. Mut macht ihm die große Zahl junger Menschen an diesem Tag.

Neben Schmidt steht ein junger Mann mit einem T-Shirt, das die Aufschrift "Tourismus macht frei" trägt - in Anlehnung an den Spruch "Arbeit macht frei" am Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz. Immer wieder taucht der Spruch in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen das Tourismusmodell auf Mallorca auf.

"Tourismus macht frei"

Der junge Vater, der das T-Shirt trägt, ist sich natürlich der Bedeutung des Satzes bewusst, findet das aber okay. "Es ist doch Ironie", sagt er und stellt sich als Toni vor. Eine deutsche Freundin habe diesen Slogan vor einiger Zeit erfunden. Er sei Mallorquiner durch und durch und unterstreicht das, indem er durchgehend Katalanisch spricht. Er sei es leid, dass er auf seiner Insel nicht mehr in Ruhe leben könne. Seine Familie könne sich die Insel nur noch leisten, weil sie in einem Haus der Familie in S'Arracó bei Andratx untergekommen sei. Ein Foto für die Zeitung will er nicht machen, er geht lieber heim.

Ein Freund von Toni bleibt noch und schimpft über die politischen Verhältnisse auf der Insel. Mallorca brauche dringend einen Unabhängigkeitsstatus, so wie einige Inseln in Nordeuropa auch. "Der Schuldige ist Madrid. Das Finanzamt behält unseren Reichtum ein, den wir auf der Insel schaffen und speist uns auf Mallorca mit den Brotkrumen ab", sagt er vehement.

"Politiker lachen über uns"

Auf dem sich langsam leerenden Passeig del Born stehen Kike und Silvia von der Plattform "SOS Residents" an einer Bank und packen ihre Plakate ein. Silvia hat vor allem mit der Überfüllung der Insel Probleme. "Ich bin nun mal ein Strandkind, aber seit Jahren kann ich nicht mehr an meine Lieblingsbuchten, weil sie völlig überfüllt sind. Wir werden regelrecht vertrieben", schimpft sie. Auch den Schmutz und den Müll an vielen Orten auf der Insel ertrage sie kaum. Nach außen hin werde für die Urlauber alles auf Hochglanz gebracht, aber die Realität für die Einheimischen sehe anders aus.

Kike ist an der Plaça d'Espanya aufgewachsen, von dem früheren Platz sei aber nichts mehr übrig. "Alles nur noch Ketten, die es in anderen Städten auch gibt, wir verlieren unsere Identität, die Insel werde zu einem Themenpark", kritisiert er. Und irgendwann blieben dann auch die Urlauber weg, weil sie "das alles auch in anderen Städten finden".

Silvia und Kike am Passeig del Born.

Silvia und Kike am Passeig del Born. / Johannes Krayer

Die Demo sei gut gelaufen als Startschuss für weitere Aktionen im Sommer. Aber, so gibt Kike zu bedenken: "Wir müssten eigentlich mal etwas Radikaleres machen. Die Politiker lachen doch über uns, wie wir da friedlich durch die Stadt ziehen und tanzen." Zwar sei Gewalt keine Lösung, aber auf friedlichem Wege seien schließlich noch nie große gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg gebracht worden.

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