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"Hatten befürchtet, dass weniger Menschen kommen": Großdemonstration für Recht auf würdiges Leben vereint Tausende in Palmas Altstadt

Die Organisatoren sprechen von bis zu 30.000 Teilnehmern, die Polizei beziffert die Zahl auf rund 8.000 Menschen

Tausende Menschen demonstrieren auf Mallorca gegen die Folgen des Massentourismus

Manu Mielniezuk

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Ein bisschen kommt man sich wie im Spielfilm "Und täglich grüßt das Murmeltier" vor, wenn man da unter Tausenden Menschen mit Plakaten und Trillerpfeifen an der Plaça d'Espanya im Zentrum von Palma steht. Es hat was von Routine, wie die verschiedenen Gruppierungen, die an dieser inzwischen vierten Großdemonstration gegen das aktuelle Modell des Massentourismus und seine Folgen wie etwa die Wohnungsnot auf Mallorca teilnehmen.

Wie sie ihre Banner auf den Boden vor sich legen und sich in Stellung bringen, um durch die Stadt zu ziehen. Man ist mehr oder weniger unter sich. Die meisten derjenigen, die am Sonntag gekommen sind, waren auch bei den anderen Protestkundgebungen dabei. Insgesamt 109 Organisationen unterstützen die Kundgebung an diesem Tag.

Trillerpfeifkonzerte und mallorquinische Musik

Was sich jedes Mal ändert, ist der Startzeitpunkt. Und so geht es diesmal um kurz nach 18 Uhr los mit dem Marsch, der in zahlreichen Städten in Südeuropa ebenfalls stattfindet. Die Probleme sind mehr oder weniger überall dieselben. Trotz der großen Hitze bei deutlich über 35 Grad füllt sich die Plaça d'Espanya weiter, auch als die Spitze des Zuges bereits losläuft. Bekannte Sprechchöre ("Qui estima Mallorca, no la destrueix" - Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht und "Menys turisme, més vida" - Weniger Tourismus, mehr Leben) wechseln sich mit Trillerpfeifkonzerten und der akustisch angenehmeren traditionellen Musik einer mallorquinischen Gruppe ab, die ganz vorne läuft.

Einmal mehr gleicht der Zug einem Sonntagsspaziergang, gekommen sind viele Familien, auch zahlreiche Gruppen von Schülern, aber auch Ältere - eine bunte Mischung eben. Manche der Jüngeren haben Wasserpistolen dabei, trauen sich aber - anders als im Sommer 2024 in Barcelona - nicht, auf Urlauber zu zielen. Die erste Aufregung gibt es am Eingang der Kirche Sant Antoni Abat im Carrer Sant Miquel, als ein Fotograf die Menschenmenge filmen will und dazu die drei Stufen zur Kirche hinaufsteigt.

Kleines Scharmützel an der Kirche

Ein Verantwortlicher des geöffneten Gotteshauses sieht das und will den Mann vertreiben. Es kommt zu einem heftigen Wortgefecht. Offenbar ist dem Kirchenvertreter die gesamte Demonstration nicht geheuer. Ein junger Aktivist schießt mit einer Spritzpistole Wasser in die offene Kirchentür, daraufhin holt der Verantwortliche der Kirche einen Eimer Wasser und kippt ihn auf die Straße hinunter zu den Demonstranten. Die Szenerie beruhigt sich wieder.

Ohne weitere Zwischenfälle geht es über die Plaça Major, den Carrer Colom und den Carrer Conquistador hinunter auf den Passeig del Born. Die Polizei hat dazugelernt, Beamte haben sich vor den in dieser Straße zahlreichen Immobilienagenturen postiert. Im Vorfeld der vergangenen Demonstration im April 2025 waren die Schaufenster der Unternehmen von Aktivisten beschädigt worden. Die ersten Teilnehmer erreichen die Plaça de la Reina gegen 19 Uhr und stellen sich in altbewährter Manier auf dem Born vor der Bühne auf, von wo wenig später das Manifest verlesen wird.

Junge Aktivisten

Das ist diesmal Sache der Jüngsten. Der erst 16-jährige Sprecher der Protestbewegung "Menys turisme, més vida", Jaume Pujol, eine weitere Aktivistin sowie eine Jugendliche und ein erst etwa Zehnjähriger fordern vor der Menschenmenge einen "Stopp der Touristifizierung der Insel", das bereits zitierte "Recht auf ein würdiges Leben", das eine Wohnung mit einschließt oder auch Maßnahmen gegen den Klimawandel. "Das aktuelle Tourismusmodell führt uns direkt in den Kollaps. Wir gehen auf die Straße, so oft es nötig ist. Bis uns die Politiker irgendwann mal beachten", ruft Jaume Pujol trotzig ins Mikro.

Den wärmsten Applaus bekommt der Zehnjährige mit seiner Forderung, er wünsche sich wieder Nachbarn mit Kindern zum Spielen und keine Ferienwohnungen, in denen alle paar Tage die Bewohner wechseln, die dann auch noch lautstarke Partys schmeißen und ihn nicht lernen oder ausruhen lassen.

Der Sprachenstreit ist wieder auf der Straße

Als dann Jaume Pujol noch ein weiteres Thema aufs Tableau bringt, nämlich die Sprache, da brandet frenetischer Beifall auf und es entstehen die lautesten Sprechchöre: "A Mallorca es parla català" (Auf Mallorca sprechen wir Katalanisch). Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration tragen grüne T-Shirts mit Aufschriften wie "Sí a la llengua" (Ja zur Sprache, in dem Fall Katalanisch) oder auch "Crida per una educació pública de qualitat" (Erhebe deine Stimme für eine qualitativ hochwertige öffentliche Schulbildung).

Die Shirts stammen noch aus der Zeit, als der frühere Balearen-Premier José Ramón Bauzá versuchte, das Katalanisch für ein Drei-Sprachen-Modell an den Schulen zurückzudrängen, was 2013 etwa 100.000 Menschen auf die Straße trieb. Aktuell hat die Inselsprache unter der PP-Vox-Regierung ebenfalls einen schweren Stand. Vor allem die Rechtsextremen wollen das Katalanische möglichst weit beschneiden.

Aktivisten umzingeln Urlauber

Nach dem zweimaligen Verlesen des Manifests - es strömen weiterhin Menschen auf die Plaça de la Reina - löst sich die Menschentraube langsam auf. Manche bleiben noch und tanzen oder reden ein wenig. Einmal mehr kommt so etwas wie Volksfeststimmung auf. Weniger entspannt geht es ein paar Meter weiter in Richtung Plaça de les Tortugues zu.

Eine Gruppe von Aktivisten, die an der Demo teilgenommen hatten, umzingelt die Außenbewirtschaftungsflächen der Restaurants und legt sich verbal mit den Urlaubern an, die dort sitzen. Die Polizei stellt sich dazwischen und trennt beide Seiten. Rund eine Stunde harren die Demonstranten rund um die Tische der Urlauber aus, zu Übergriffen kommt es aber offenbar nicht.

Marga Ramis vom Gob ist auf dem Heimweg zwar erschöpft und hat kaum noch Stimme, zeigt sich aber überglücklich über die Resonanz. "Wir hatten befürchtet, dass auch wegen der Hitze weniger Menschen kommen", sagt sie der MZ. Aber es sei deutlich geworden, dass die Menschen sich weiterhin mobilisieren ließen. Auf 25.000 bis 30.000 schätzt sie die Teilnehmerzahl, was trotz allem deutlich weniger wäre als die geschätzten 50.000 bei der Großdemo im Juli 2024. Damals hatte die Polizei die Zahl auf etwa 15.000 beziffert, an diesem Sonntag spricht sie von rund 8.000 Menschen. Auch das ist ein altbekanntes Spiel. Die Wahrheit dürfte auch diesmal wie fast immer irgendwo in der Mitte liegen.

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