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„Schlicht keine Kapazität“ - Warum es auf Mallorca und Spanien keinen dm gibt

Christoph Werner, Chef der Drogeriekette dm, über den Verzicht auf dm-Drogeriemärkte in Spanien, Online-Handel mit Medikamenten und deutsche Arbeitsmoral

Christoph Werner am Rande des Wirtschaftsforums „Neu Denken“.  | FOTO: JÖRG PUCHMÜLLER

Christoph Werner am Rande des Wirtschaftsforums „Neu Denken“. | FOTO: JÖRG PUCHMÜLLER

Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Der 52-jährige Christoph Werner ist der Sohn des dm-Gründers Götz Werner und leitet seit 2019 den Marktführer unter Deutschlands Drogeriemärkten. Im Unterschied zu Mitbewerber Erwin Müller besitzt er kein Haus auf Mallorca. Mit der MZ sprach er Mitte Juni beim Wirtschaftsforum „Neu Denken“.

Warum überlassen Sie Mallorca und Spanien Ihren Mitbewerbern?

Weil es anderweitig schon so viel zu tun gibt. Wir sind bereits in 14 Ländern aktiv. Die Logistik müsste organisiert werden, die Läden gefunden. Und uns ist wichtig, in den Ländern, in denen wir sind, wirklich erfolgreich zu sein.

Tut es nicht weh, hier an all den Müller- und Rossmann-Filialen vorbeizufahren?

Überhaupt nicht. Ich freue mich ja, wenn die Mitbewerber hier so großes Potenzial sehen. Die deutschen Drogerien sind in vielen Ländern erfolgreich, aber es ist wichtig, sich zu überlegen, wo man jeweils den Fokus legt, um den Unterschied machen zu können. Derzeit haben wir schlicht nicht die Kapazität. 

Erwartungsmanagement ist wichtig, das muss ja alles auch klappen.

Warum nicht nur auf Mallorca? Genügend mit dm vertraute Kunden gibt es hier schon.

Die Frage ist ja immer: Machen wir Dinge, um größer zu werden oder um stärker zu werden? Wenn wir jetzt hier auch einen dm-Markt eröffnen, würden wir größer – aber würden wir dadurch als Gruppe auch stärker? Da bin ich mir nicht so sicher. Jetzt ein paar Märkte auf Mallorca aufzumachen, mit der Infrastruktur, die es braucht, damit es auch dm-Märkte sind, wie die Menschen sie aus Deutschland kennen, wäre ein relativ großer Aufwand. Natürlich ginge das. Die Frage ist nur: Wollen wir uns die Komplexität derzeit leisten?

Ihre Top-Priorität ist gerade eine andere. Sie starten den Online-Verkauf nicht verschreibungspflichtiger Medikamente. Wann genau?

Im zweiten Halbjahr.

Das kann in zwei Wochen oder in sechs Monaten sein. Ließe sich das noch präzisieren?

Erwartungsmanagement ist wichtig, das muss ja alles auch klappen. Jetzt große Ankündigungen zu machen, halten wir nicht für sinnvoll. Wir arbeiten intensiv daran, aber natürlich gibt es auch noch Unwägbarkeiten.

Ist das ein europaweites Angebot?

Es ist zunächst ein Angebot für den deutschen Markt. Die Vertriebszentren sind in Tschechien. Dass die Sendung aus dem Ausland kommen muss, ist eine regulatorische Voraussetzung.

Werden unsere Leserinnen und Leser dennoch von Spanien aus bestellen können?

Nein, eine Lieferung ins EU-Ausland, und damit auch nach Spanien, ist nicht geplant.

Werden Sie in diesem Bereich dann auch Eigenmarken anbieten?

Zumindest nicht zu Beginn. Wenn der Online-Verkauf erfolgreich ist, steht aber natürlich die gesamte Klaviatur zur Verfügung. Wir werden sehen, was die Kunden besonders annehmen, was weniger, und das dann nach und nach anpassen und skalieren.

Das Geheimnis von Kundenorientierung ist, dass die Mitarbeiter Kunden so behandeln, wie sie sich vom Unternehmen behandelt fühlen.

Und eines Tages auch verschreibungspflichtige Medikamente online verkaufen?

Heute ist es zumindest so, dass verschreibungspflichtige Medikamente nicht von Tschechien aus versendet werden können. Und dann ist da ja auch noch der Umstand, dass die Entscheidung über das Medikament der Arzt trifft – der Kunde muss es nur noch beschaffen. Das ist eine andere Verkaufsmechanik.

Wie erklären Sie sich den engen Bezug vieler Menschen zu dm?

Ich glaube, am Ende ist es uns als Unternehmen gelungen, konsequent kundenorientiert zu bleiben. Wir sind in unserer Wahrnehmung nah an den Kunden und entwickeln das Angebot permanent weiter, sodass wir für sie relevant bleiben. Hinzu kommt, dass wir innerhalb des Unternehmens die Menschen, die in der Organisation näher bei den Kunden sind, als interne Kunden sehen. Das Geheimnis von Kundenorientierung ist, dass die Mitarbeiter Kunden so behandeln, wie sie sich vom Unternehmen behandelt fühlen.

In Ihren Verteilzentren werden Ihnen krankheitsbedingte Kündigungen vorgeworfen. Wie gefährlich ist das für das Image, dass dm den Menschen guttut?

In einem Unternehmen dieser Größenordnung klappt nicht alles. Das erwarten die Menschen auch gar nicht. Was die Menschen erwarten, ist, dass Missstände angegangen werden und man sich kümmert.

Also handelt es sich hierbei um Missstände?

Das Erste, was wir machen, wenn so ein Sachverhalt angesprochen wird, ist, dem nachzugehen. Wir haben natürlich bei einem Unternehmen mit in Deutschland über 60.000 Mitarbeitern auch Arbeitsgerichtsprozesse. Dafür sind die Gerichte ja da, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Aber unsere Aufgabe ist natürlich schon, dafür zu sorgen, dass wir als Arbeitsgemeinschaft leistungsfähig bleiben. Das sind wir auch den Menschen schuldig, die sich jeden Tag voll reinhängen.

Wenn wir eine Karenztags-Regelung hätten, könnten die Firmen sich überlegen, wie sie damit umgehen. Und sie könnten schauen, ob es gewisse Auffälligkeiten gibt in den Krankheitstagen und gegebenenfalls eingreifen.

Sollte im Krankheitsfall ein Karenztag ohne Lohnfortzahlung eingeführt werden?

Wenn wir uns die Zahlen anschauen, sehen wir, dass der Krankheitsstand in Deutschland relativ hoch ist und in anderen Ländern niedriger. Da spielen unterschiedliche Rahmenbedingungen eine Rolle – Faktoren wie dietelefonische Krankmeldung und auch die Lohnfortzahlung. Da besteht zumindest eine Korrelation, vielleicht auch eine Kausalität. Als Gegenargument zu der Einführung eines Karenztages kommt immer das Argument, dass sich die Menschen dann krank zur Arbeit schleppen würden. Aber welches Unternehmen hat Interesse an infektiösen Mitarbeitern? Wenn wir eine Karenztags-Regelung hätten, könnten die Firmen sich überlegen, wie sie damit umgehen. Und sie könnten schauen, ob es gewisse Auffälligkeiten gibt in den Krankheitstagen und gegebenenfalls eingreifen. Die Menschen sind ja nicht aus Jux und Dollerei eingestellt worden, sondern weil sie gebraucht werden. Und wenn Menschen, die gebraucht werden, nicht ihre Arbeit einbringen, dann geht das zulasten der Menschen, die die Aufgabe ernst nehmen. Das ist also unfair innerhalb des Teams, da muss man dann als Verantwortlicher schon eingreifen. Oder aber es muss mit mehr Marge gearbeitet werden – aber das wird dann letztlich von den Kunden bezahlt. Wollen wir das? Ich würde sagen: Nur, wenn es sein muss. Und es muss nicht sein, weil es in anderen Ländern besser gehandhabt wird.

Es überrascht, wie häufig Sie sich in der Öffentlichkeit zu allen möglichen Fragen äußern. Sehen Sie das als die Aufgabe eines Unternehmers?

Ja, ich halte das für sehr wichtig. Gerade Familienunternehmer sollten versuchen, die Diskussion voranzubringen.

Wenn aber aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen und der KI immer weniger Angestellte gebraucht werden, wird das Thema bedingungsloses Grundeinkommen richtig virulent werden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik zuhört?

Unterschiedlich. Aber auch hier gilt: Beharrlich im Bemühen und bescheiden in der Erfolgserwartung. Da muss man einfach dranbleiben.

Sie fordern seit Jahren, wie Ihr Vater, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dringen Sie damit durch?

Es hat mal mehr, mal weniger Konjunktur. Im Moment etwas weniger, weil Politiker und viele Journalisten das Thema Bürgergeld mit dem des bedingungslosen Grundeinkommens gleichsetzen. Außerdem herrscht gerade Fachkräftemangel, sodass die Leute sagen: Passt doch alles. Wenn aber aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen und der KI immer weniger Angestellte gebraucht werden, wird das Thema bedingungsloses Grundeinkommen richtig virulent werden.

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