Wirtschaftsforum "Neu Denken" auf Mallorca: Deutschlands Wecker klingeln – doch keiner wacht auf
Zum neunten Mal findet das Wirtschaftsforum „Neu Denken“ in Palma statt. Initiator Willi Plattes über seine Sorgen um Deutschland, Unternehmertum in Krisenzeiten und warum Mallorca bei der Veranstaltung kaum vertreten ist

Will Deutschland und Europa wachrütteln: Willi Plattes. / FOTO: P. SCHIRNHOFER/J. PUCHMÜLLER
Willi Plattes ist ein Mann, der die Welt gern in Bildern erklärt. Und diese Welt macht ihm große Sorgen – insbesondere mit Blick auf die deutsche Politik. „Es ist, als ob überall Wecker klingeln. Jeder ist eine Herausforderung, der sich das Land stellen muss. KI, das Bildungswesen, das Gesundheitssystem, die Infrastruktur. Und diese Wecker klingeln und klingeln, aber keiner wacht auf.“
Um dieser Schlafmützigkeit etwas entgegenzusetzen, veranstaltet seine Wirtschafts-, Rechts- und Steuerberatungskanzlei PlattesGroup vom 28. bis 30. Mai zum neunten Mal das Wirtschaftsforum „Neu Denken“. Ein Event, bei dem Vertreter aus Wirtschaft, Militär und aus der Politik im Castillo Hotel Son Vida zusammenkommen, um eine Lagebestimmung zu unternehmen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Bei dem von Sabine Christiansen und Willi Plattes initiierten Format steht zum einen der interdisziplinäre, ideologiefreie Austausch im Vordergrund, zum anderen sollen die verbindlichen Chatham House Rules für eine offene Atmosphäre sorgen: Referenten dürfen weder namentlich noch direkt zitiert werden. Zu den Rednern gehören in diesem Jahr unter anderem Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, der ehemalige österreichische Bundeskanzler und KI-Unternehmer Sebastian Kurz sowie der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber für Europa Christopher G. Cavoli.
Herr Plattes, Sie zeichnen ein düsteres Bild für Deutschland und Europa.
Es hat einen totalen Vertrauensverlust in die Politik gegeben. Die Ideen, etwa die Forderungen nach Steuererhöhungen für die Reichen, kann man zwar diskutieren, aber sie packen die Probleme nicht bei der Wurzel, etwa in Sachen Bürokratie. Für den Mittelstand, der Deutschland wirtschaftlich hochhält, bedeutet dies vor allem, dass die Unternehmer nun selbst versuchen, Lösungen zu finden. Die Menschheit ist immer mobiler. Und angesichts des Umstands, dass das Zukunftsversprechen in Deutschland gar nicht mehr vorhanden ist, suchen sich diese Leute eben andere Destinationen, um zu investieren. Das ist im Übrigen auch etwas, was wir in Großbritannien sehen.
Zumal die Rahmenbedingungen durch die vielen Kriege, durch die Klimakrise und durch die Herausforderungen durch die KI nicht einfacher werden.
Wir haben in den vergangenen 70 Jahren die friedlichste Zeit der Weltgeschichte erlebt. Das ist jetzt vorbei. Zudem haben sich die USA als einzige Weltmacht zurückgezogen. Wir sehen ein Szenario mit vielen Mächten. Indien und China, aber auch Vietnam und Malaysia. Europa gerät da immer mehr in den Hintergrund. Gleichzeitig sind wir hier Weltmeister im Behördentum. Das sieht man etwa bei der KI. Sie wird die Welt völlig verändern. Ob das gut oder schlecht ist, darüber können wir streiten. Ich habe neulich ein schönes Beispiel gehört: KI ist wie ein Tsunami. Entweder er überrollt uns und oder wir lernen, auf dieser Welle zu surfen. Ich bin der Meinung, wir sollten Letzteres tun.
Nun suggeriert „Neu Denken“ ja eine gewisse Energie des Aufbruchs. Wie ist die Stimmung unter den Teilnehmern der Veranstaltung? Wie hat sich diese entwickelt?
Ich würde unterscheiden. Da ist einerseits die allgemeine Stimmung. Zur Zeit der Ampel-Koalition war sie richtig mies, auch der jetzigen Regierung traut man kaum noch etwas zu. Andererseits haben wir Referenten zu Gast, die dieser allgemeinen Stimmung Ideen und Konzepte entgegensetzen und zeigen, was möglich ist, wenn sich alle zusammenreißen. Gerade in der Krise brauchen wir Zuversicht, Visionen und Umsetzungskraft. Und dafür stehen Referenten wie etwa Satjiv Chahil, der frühere Apple-Executive, oder der renommierte Finanzmanager Paul Achleitner.
Nun könnte man sagen: Wenn es so schlecht läuft in Deutschland, könnten die Unternehmer Verantwortung für ihr Land übernehmen und selbst in die Politik gehen.
Die deutsche Politik ist mittlerweile stark ideologisiert, und das schreckt viele Unternehmer ab, einen solchen Schritt zu gehen. Sie sehen, dass nicht auf Grundlage von Fakten diskutiert wird. Vor 25 Jahren noch saßen in den Ministerien hochspezialisierte Beamte, die im Austausch mit der Wirtschaft waren, wenn es darum ging, Gesetze zu entwickeln. Heute werden solche Posten nach parteipolitischen Kriterien besetzt. Da spielt die Ideologie die Hauptrolle bei den Entscheidungen. Ich glaube, viele Unternehmer würden wieder in die Politik gehen, wenn es da eine Umorientierung gäbe.
„Neu Denken“ findet auf Mallorca statt, gleichzeitig nimmt der Mittelstand der Insel nicht daran teil. Warum eigentlich?
Das ist eine berechtigte Frage. Wir wollen uns in den Gesprächen auf die Perspektive des DACH-Raums konzentrieren. Wenn wir die mallorquinischen Unternehmer einladen würden, müssten wir die Veranstaltung europäischer aufziehen. Im Augenblick fokussieren wir uns auf die drei Länder. Wir freuen uns aber, natürlich, dass sich dieses Jahr der balearische Wirtschaftsminister Antoni Costa und Palmas Bürgermeister Jaime Martínez bei „Neu Denken“ angekündigt haben.
„Neu Denken“ ist aus der Veranstaltungsreihe der PlattesGroup „Steuerliche Herbstgespräche“ erwachsen. Welche Rolle spielen Steuerthemen noch bei der Veranstaltung?
Gar keine. In der Gemengelage, die wir in der Welt haben, mit Krieg, wirtschaftlicher Unsicherheit und sinkender Innovationsfähigkeit, sind Steuern nur ein Randthema.
Hat es in den vergangenen Jahren Gespräche oder Momente bei der Veranstaltung gegeben, die bei Ihnen persönlich ein „neues Denken“ ausgelöst haben?
Ich hatte vergangenes Jahr beispielsweise die Gelegenheit, mit Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart zu sprechen. Das Ergebnis war, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Er hat mir nämlich auf Fakten basierend dargelegt, dass die gesamte Ostflanke im Endeffekt in keinem Maße verteidigungsfähig ist.
Gibt es etwas, was Ihnen angesichts dieser Gesamtsituation dennoch Hoffnung gibt für die Zukunft Deutschlands und Europas?
Nun, das ist einer der Gründe, warum wir „Neu Denken“ veranstalten. Weil es immer noch Menschen gibt, die Dinge tun, die Substanz haben und Zukunft wieder möglich machen. Dass man eine Vision entwickelt, die man leben und umsetzen kann. Dass man aufsteht, wenn die vielen Wecker der Herausforderungen klingeln. Ich hoffe, dass wir diese Impulse geben können.
Abonnieren, um zu lesen
- Großteil der Belegschaft ausgetauscht und neuer Name für das 'Schatzi' von Krümel: So soll das Chalet X 'das beste Clubrestaurant im Südwesten Mallorcas' werden
- Die Insel hat ihren nächsten 'Was auf Mallorca passiert, bleibt auf Mallorca'-Skandal
- Wir haben keinen Piloten': Flug ab Mallorca verspätet sich um acht Stunden
- Mallorca wird zum Brutkasten: Ist die 40-Grad-Marke fällig?
- Das Mandarin Oriental Punta Negra hat auf Mallorca eröffnet: Die Insel ist in der internationalen Luxusliga angekommen
- Mallorca, aber bitte diskret: Warum Unternehmer 100.000 Euro pro Woche für Ferienimmobilien zahlen
- Martín Demichelis-Wechsel zu RB Leipzig: Jetzt spricht Real Mallorcas Geschäftsführer
- Hat Jürgen Klopp Bayern-Legende Martín Demichelis im Mallorca Country Club abgeworben?
