Wirtschaftsforum auf Mallorca: Zwischen Bestandsaufnahme und Aufbruch
Beim Wirtschaftsforum „Neu Denken“ auf Mallorca gilt Vertraulichkeit. Offen gesprochen wird dort über Deutschlands und Europas Zukunft, die Schwäche der Wirtschaft und die Suche nach neuen Allianzen und Lösungen

Volles Haus mit vielen Regeln: Das Wirtschaftsforum 2026. / Plattes Group
Von hier oben, von der breiten Terrasse des Castillo Hotel Son Vida, einem Fünf-Sterne-Gästehaus auf einem Hügel im Nordosten von Palma, fühlt man sich ein wenig wie auf der Rampe eines Raumschiffs, das gerade auf Mallorca gelandet ist. Der Blick geht über die Dächer der Stadt. Die Kathedrale thront am Meer. Dahinter erstreckt sich die Bucht von Palma.
Hier oben auf dem Hügel ist die Welt an diesem Wochenende deutsch. Es ist der erste Tag des Wirtschaftsforums "Neu Denken". Die bekannte TV-Moderatorin Sabine Christiansen und das Steuer- und Rechtsbüro PlattesGroup haben bereits zum neunten Mal zu dem Event geladen. 2.850 Euro kostet die Teilnahme, plus Umsatzsteuer. Dafür bekommen die Teilnehmer neben diversen Mahlzeiten vor allem eins: die Gelegenheit, in einem exklusiven Ambiente zu netzwerken und Menschen zuzuhören, die die Welt gestalten. "Mini-Davos" hat sich die Veranstaltung eine Zeitlang genannt.
Damit die Teilnehmer frei aussprechen können, was sie denken, gelten hier die "Chatham House Rules". Das bedeutet: Man darf die Erkenntnisse der Beiträge hinaus in die Welt tragen, darf sie aber keinem Teilnehmer konkret zuschreiben. Direkte Zitate sind absolut tabu. Es gibt manche Referenten, die von dieser Freiheit mehr Gebrauch machen als andere. Sie erhalten, so entsteht der Eindruck, besonders Applaus. Denn natürlich wissen die Teilnehmer bei manchen Sätzen: Das würde diese Person nicht so direkt in der Talkshow am Sonntagabend sagen, wenn die ganze Nation zuschaut.

Sebastian Kurz im Gespräch mit Sabine Christiansen. / Plattes Group
Auch die Veranstaltung selbst fühlt sich ein wenig an wie ein Raumschiff. Hier, über den Dächern von Palma, ist Mallorca vor allem Kulisse. Inhaltlich dominieren am ersten Tag Diskussionen über Deutschland. Zu den Themen, die während der anderthalb Tage Kernprogramm (am Donnerstagabend gab es ein frühsommerliches Get-Together) besprochen werden, gehören unter anderem:
- The Akrasia Effect – Deutschland zwischen Einsicht und Umsetzung
- Sailing close-hauled – Kann Deutschlands Wirtschaft wieder Kurs aufnehmen?
- Germany´s backbone Mittelstand in danger – Insolvenzen auf 20-Jahres-Hoch, brauchen wir ein neues Erfolgsmodell?
- Slower Growth Ahead – Deutschland ohne wirtschaftspolitische Orientierung?
Deutschland, was ist aus dir geworden? Die Stimmung? Mies. Die Zukunft? Fraglich. China, KI. Wie sollen wir da noch mithalten? Die Bürokratie, die jegliches Bestreben nach Innovation zunichtemacht, behindert, blockiert. Und kann man sich überhaupt noch auf die USA verlassen? Oder ist Europa ganz allein auf sich gestellt?
Applaus für ein Mea Culpa
Aber natürlich ist niemand hergekommen, um sich gegenseitig vorzujammern. Denn vor allem sind hier Menschen, die dem ganzen Drama etwas entgegensetzen wollen. Welche, die sich sogar selbst in die Verantwortung nehmen. Weil sie wissen, dass man nur etwas ändert, wenn man anpackt. Sogar ein Mea Culpa hört man. Chatham House Rules machen es möglich. Und ja, auch dafür gibt es viel Applaus.

Rafael Kleinmann, Senior Manager Project Management Automated Driving and Parking Mercedes-Benz AG, spricht über die Zukunft der Mobilität. / Plattes Group
Das Event findet nicht auf der breiten Terrasse statt. Stattdessen geht es eine Treppe hinunter in einen langen Konferenzraum, an dessen Decke große, kreisrunde Lampen hängen, die ein gedämmtes Licht in den Raum werfen. An einem Ende ist eine Bühne aufgebaut, zwei breite weiße Stehtische befinden sich links und rechts. Dahinter eine mehrere Meter breite LED-Wand. Die breite Fensterfront, die zu einer der Terrassen des Hotels hinausgeht, ist mit dicken weißen Vorhängen verdeckt.
Das Raumdesign unterstreicht die Vertraulichkeit des Formats. Dass man hier die Dinge offen besprechen kann. Worte können die dicken Vorhänge nicht durchdringen. Das mag dazu beitragen, dass die Menschen hier drin sitzenbleiben in diesem klimatisierten Konferenzraum mit den rot-goldenen, gepolsterten Stühlen und zuhören.

Panel beim Wirtschaftsforum Neu Denken: Marie-Christine Ostermann, Sumeet M. Gulati und Dagmar Rosenfeld. / Plattes Group
Natürlich handelt nicht alles an diesem ersten Konferenztag vom Zustand der deutschen Wirtschaft. Es geht unter anderem auch um die Zukunft der Mobilität, das Jetzt der Technologie. Es geht um Raumfahrt und Energiesicherheit, um Investment-Strategien und die Midterm-Wahlen in den USA. Es werden hochinteressante Projekte vorgestellt. Und man hat zwischendurch wirklich das Gefühl, dass hier Menschen stehen, die die Welt besser machen wollen. Jeder in seinem Fachgebiet.
Bekannte Namen auf dem Programm
Die Referentenliste ist lang - und inhaltlich breit gefächert. Es sind bekannte Namen dabei. Der österreichische Altbundeskanzler Sebastian Kurz ist da, die Innovationsexpertin Ann-Kristin Achleitner ebenso. Es spricht der US-Politikwissenschaftler Kenneth R. Weinstein und auch der Investor Sumeet Gulati. Es sind Vertreter von politischen Parteien und von Privatunternehmen dabei. Menschen aus dem Bankenwesen und welche, die Bücher geschrieben haben.
So vielfältig die Themen sind und so facettenreich die Referentenliste, so ziehen sich doch Leitmotive durch die Diskussionen. Eines ist, dass man unbedingt erkennen muss, dass die Welt sich verändert hat. Und das man sein Handeln dementsprechend anpassen muss. Eigentlich sind alle dafür. Manche formulieren es eher als Aufforderung an sich selbst, andere bedauern, dass der Wandel anderswo zu langsam geht. Ein Wort, das immer wieder fällt, ist Innovation. Ein anderes ist Wettbewerbsfähigkeit.
Schlagwort: Transparenz
Ein drittes Wort fällt immer wieder in diesem Raum mit den dicken Vorhängen: Transparenz. Meistens als Aufforderung an die Politik. Vor allem an die deutsche, ein bisschen auch an Brüssel. Daneben steht die Frage, wie demokratische Gesellschaften mit der Effizienz autoritärer Systeme umgehen. Dass einer von Europas wesentlichen Vorteilen die Demokratie ist, das stellt keiner in Zweifel. Aber gleichzeitig klingt auch immer wieder durch, dass autoritäre Regimes derzeit - zumindest in Teilen - wettbewerbsfähiger sind.
Gespräche als Bestandaufnahme
Konkrete Vorschläge, wie man Herausforderungen - von China bis Trump, von Klimawandel bis KI - begegnen soll, gibt es wenige. Eher wirken die Gespräche wie eine fundierte Bestandsaufnahme. Man lotet aus, wer wie denkt. Und vielleicht entspinnen sich dann jene Allianzen und Kooperationen, die zu Lösungen führen. Im besten Fall.
Draußen knallt die Mai-Sonne auf die breite Raumschiff-Terrasse. Man blickt auf die Stadt, auf die Insel. Eine Insel, auf der wohl sehr wenige wissen, dass in einem Hotel auf einem Hügel, umgeben von Villen, über die Zukunft von Deutschland und Europa nachgedacht wird.
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