Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Rekordbeteiligung und gewalttätiges Ende: Mallorca erlebt eine denkwürdige Demonstration gegen den Massentourismus

Die aufgeheizte Stimmung bei der Kundgebung führte zu Handgemengen und dem Einsatz von Schlagstöcken durch die Polizei

Schubsen und Schläge mit dem Stock: Die Nationalpolizei und die Demonstranten geraten beim Protest gegen das Tourismusmodell auf Mallorca aneinander

Johannes Krayer

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google
Johannes Krayer

Johannes Krayer

Zwei Erkenntnisse hat die erneute Demonstration gegen die negativen Folgen des Massentourismus auf Mallorca unter dem Motto "Mallorca al límit!" am Sonntagabend (26.7.) in Palma zutage gefördert: Zum einen lassen sich die Mallorquinerinnen und Mallorquiner doch mobilisieren, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht und zum anderen war bei keiner der bisherigen Demonstrationen die Stimmung so aufgeheizt wie an diesem Abend. Was wohl auch mit der in weiten Teilen der Bevölkerung scharf kritisierten Verhaftung von zwei Aktivistinnen zu tun haben dürfte, die Immobilienbüros in Santa Maria mit Farbe beschmiert haben sollen.

Ausdruck der Frustration über den Zustand der Insel war ein Scharmützel zwischen Demonstranten und Beamten der Nationalpolizei, die die Teilnehmer an dem Protest daran hindern wollten, hinunter zum Veranstaltungsort Ses Voltes unterhalb der Kathedrale zu gelangen. Die Polizisten hatten die Zugänge bereits zu Beginn versperrt, wohl weil man befürchtete, der Ort könnte sich zu sehr füllen. Allerdings war Ses Voltes zum Zeitpunkt der Sperrung eher spärlich gefüllt.

Überforderte Polizei

Das störte die Demonstranten und sie begannen, an den Absperrungen zu zerren. Unter den Rufen "Volem passar" (Lasst uns durch) verschafften sich schließlich einige Teilnehmer Zugang zur Rampe, die von der Stadtmauer hinunter nach Ses Voltes führt.

Kurz nachdem die ersten Demonstranten die polizeilichen Absperrungen in Ses Voltes durchbrochen hatten.

Kurz nachdem die ersten Demonstranten die polizeilichen Absperrungen in Ses Voltes durchbrochen hatten. / Johannes Krayer

Die Polizisten versuchten zunächst, die Menschen zurückzuhalten, wobei es zu Handgemengen und Schubsereien kam. Manche Beamten setzten auch ihre Schlagstöcke ein und fuchtelten damit durch die Luft. Mindestens ein Demonstrant wurde auch von einem Stock getroffen, so die Beobachtung der MZ vor Ort.

Schlagstöcke im Einsatz

Später kam es nach Einbruch der Dunkelheit am westlichen Ende des Parc de la Mar zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Nach Angaben des "Diario de Mallorca" wurden Demonstranten von den Beamten mit Schlagstöcken angegriffen, weil sie die Einsatzkräfte filmten.

Allerdings warfen wohl auch mehrere Teilnehmer der Demonstration Gegenstände wie etwa Plastikflaschen auf die Beamten. Diese gingen dagegen mit Schlagstöcken und Gummigeschossen vor. Auch Urlauber sollen von Gummigeschossen getroffen worden sein. Es soll mehrere Verletzte gegeben haben. Mindestens ein Demonstrant erlitt eine blutende Verletzung am Kopf.

Demonstration startet friedlich

Ein solches Ende war zunächst nicht absehbar gewesen, die Demonstration begann wie in den Jahren zuvor auch äußerst friedlich an der Plaça d'Espanya. Man hatte beinahe das Gefühl, es handelte sich um ein alljährlich wiederkehrendes Festival. Die selben Gesichter, mehr oder weniger die selben Plakate, auch das von der Umweltschutzorganisation Gob gebastelte Kreuzfahrtschiff aus Karton war wieder dabei.

SOS Mallorca - so fühlten sich viele der Teilnehmer an der Demonstration.

SOS Mallorca - so fühlten sich viele der Teilnehmer an der Demonstration. / Patrick Schirmer Sastre

Kurz vor 19 Uhr hatte sich der Platz bereits gut gefüllt, trotzdem war in diesem Moment noch nicht absehbar, dass es eine neue Rekordbeteiligung werden würde. Am Ende sprachen die Veranstalter der Initiative "Menys turisme, més vida" (Weniger Tourismus, mehr Leben) von 70.000 Teilnehmern, die Polizei von 25.000 Menschen. Wie so oft dürfte die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Wobei selbst 50.000 Menschen angesichts der nicht enden wollenden Menschenkette, die sich langsam durch die Straßen von Palma zog, eher knapp kalkuliert scheint.

"Viel zu lange auf dieses Modell gesetzt"

Gekommen war unter anderem Joana mit ihrer Wandergruppe, die mehrere Plakate gebastelt hatten. Sie hatte gleich mehrere Gründe, warum sie demonstrierte. "Unsere Kinder werden später hier nicht leben können, weil sie sich keine Wohnung leisten können, alles ist überfüllt, die natürlichen Ressourcen der Insel sind endlich und wir beuten sie aus." Es sei ja nicht die Schuld der Urlauber, auch die Mallorquiner treffe eine Verantwortung. "Wir haben viel zu lange auf dieses Modell gesetzt", sagt Joana.

Joana ist mit ihrer Wandergruppe gekommen.

Joana ist mit ihrer Wandergruppe gekommen. / Johannes Krayer

Malta sei das Beispiel, an dem sich Mallorca orientieren solle. Dort seien in den vergangenen Jahren neben dem Tourismus viele andere Wirtschaftszweige aufgebaut worden. Aber die Politiker auf Mallorca trauten sich einfach nicht, Entscheidungen gegen den Tourismus zu treffen. "Die mallorquinischen Hoteliers sind die mächtigsten der Welt. Klar will sich niemand mit denen anlegen."

Tochter wird keine Wohnung finden

Eine andere Frau hat sich ein Schild gebastelt, auf dem steht "Del vostre pa, no podem fer ni sopes", was sich an die Urlauber richtet und bedeutet: "Von eurem Brot können wir nicht mal sopes machen". Sopes sind ein typisches Inselgericht, aus Brot, Gemüse und Wurst. Warum sie bei der Demo mitmacht? "Hier steht meine zehnjährige Tochter. Sie wird später keine Wohnung finden."

Diese Frau sorgt sich, dass ihre Tochter einmal keine Wohnung finden wird.

Diese Frau sorgt sich, dass ihre Tochter einmal keine Wohnung finden wird. / Johannes Krayer

Der Zug braucht etwa eineinhalb Stunden, bis er am Parc de la Mar angekommen ist, unterwegs bleibt alles friedlich. Es werden keine Urlauber mit Wasserpistolen bespritzt und keine Immobilienbüros mit Graffiti beschmiert. Die Stimmung ist wie bei den vorangegangenen Demonstrationen auch familiär, viele haben ihre Kinder mitgebracht und unterhalten sich über dies und das, während sie durch die Straßen schlendern.

Niederländische Urlauber verschreckt

Am Hort des Rei stoppen die Veranstalter die Masse kurz ab, um als ein großer Zug in den Parc de la Mar einzuziehen. Am Rand steht ein junges Urlauberpaar aus den Niederlanden. Die beiden Anfang 20-Jährigen sehen etwas irritiert, ja fast verschreckt aus.

Das Motto der Demo: "Mallorca al límit".

Das Motto der Demo: "Mallorca al límit!". / Johannes Krayer

Ob sie wüssten, weshalb hier demonstriert wird? "Ich kann es mir vorstellen, ich schätze, gegen die Urlaubermassen", sagt der junge Mann etwas kleinlaut. Er sei noch nie auf Mallorca gewesen und habe von der Demonstration nicht gewusst. "Das fühlt sich jetzt schon ein wenig merkwürdig an für uns", gibt er zu.

Kunstvoll zurechtgemacht

In Ses Voltes angekommen, steht ein Pärchen auf dem Platz, das sich richtig Gedanken um ihr Outfit gemacht hat. Die Frau, Belén Caliz, trägt ein traditionelles Kopftuch, wie es die Bäuerinnen auf der Insel früher aufsetzten und hat über dem Kopf ein Plakat angebracht, auf dem der Umriss von Mallorca gezeichnet ist und darunter steht "Not for sale". Ihr Mann Oriol Gómez, hat in Anspielung auf die Immobilienpreise ein Schild gemalt, auf dem steht "Es lloga aquest cartró 900 €/mes amb vistes a la manifestació" (Dieser Karton zu vermieten für 900 Euro im Monat mit Blick auf die Demonstration).

Oriol Gómez vermietet sein Schild für 900 Euro im Monat.

Oriol Gómez vermietet sein Schild für 900 Euro im Monat. / Johannes Krayer

Auch die beiden Lehrer machen sich Gedanken über die Zukunft ihrer 19 und 20 Jahre alten Kinder. "Sie werden keine Wohnung finden, und wir, die Mallorquiner sind mitverantwortlich, weil wir jahrzehntelang verkauft haben. Wir haben aber nur ein begrenztes Territorium", sagt Oriol Gómez.

Langsames Umdenken

Seine Frau sieht ganz langsam ein Umdenken in der Bevölkerung. "Solche Veränderungen brauchen Zeit, aber ich spüre, dass viele Menschen inzwischen merken, dass es so nicht weitergeht. Vor allem auch die kleinen Unternehmer aus der Tourismusbranche merken, dass diese Insel nicht mehr hergibt. Sie ist ausgepresst."

Nachdem die Veranstalter ihr Manifest verlesen hatten, löste sich die Menge nach und nach auf. Immer wieder allerdings waren Schmähgesänge auf die Polizei zu vernehmen, die an diesem Abend sicher nicht ihr bestes Bild abgegeben hat - auch wenn manche Demonstranten die Beamten provoziert hatten.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents