Mallorca im Wandel: Deutsche Unternehmer in Santanyí zwischen internationalem Hype und wachsendem Druck
Die MZ sprach mit deutschen Unternehmern in Santanyí. Über den Gang der Geschäfte, über die Stimmung im Dorf, über das Verhältnis zu den Mallorquinern. Dabei stellt sich heraus: Die gemeinsame Hauptsorge ist, dass die Insel sich allzu stark verändert

Zweite Generation Ladeninhaber: Sabine, Hannah und Burkhard Messerschmidt im Eingang von „Es Centre“. / Nele Bendgens
Die Insel wird immer internationaler; die Mietpreise steigen weiterhin. Das betrifft auch die Gewerbetreibenden, und man munkelt vielerorts von Ladensterben. Die MZ hat sich in Santanyí stichprobenartig umgehört und dort bei deutschen Unternehmern die Stimmung sondiert, auch vor dem Hintergrund vereinzelter ausländerfeindlicher Aktionen.
Als wir uns an diesem hochsommerlichen Wochentag an der Plaça Major umschauen, geht es hier eher gemütlich zu. Es sind nur ein paar Tische auf der Terrasse des Lokals Sa Cova gleich neben der Kirche Parròquia de Sant Andreu besetzt. Ein ganz anderes Bild als zu den Markttagen am Mittwoch und Samstag, wo der Ortskern nur so brummt und man schon Kilometer entfernt keinen Parkplatz mehr findet. In der von Uwe Ochsenknecht mitbetriebenen Bar Sa Cova gibt es außer leckeren Tapas weiterhin zu den Markttagen Livemusik, wie uns die Angestellten versichern.

Blick auf die Plaça Major in Santanyi / Nele Bendgens
Bereits seit 30 Jahren auf der Insel
Gleich nebenan befindet sich das Bekleidungsgeschäft „Cult“. Hier steht mit der jungen Hannah Messerschmidt die zweite Generation hinter der Ladentheke. Ihren Eltern Sabine (65) und Burkhard (68) gehören außerdem der Laden „Es Centre“ mit Damenmode gleich gegenüber sowie das Bekleidungsgeschäft „Männersache“ nur eine Straße weiter an der Plaça Constitució, 6, und das Bekleidungsgeschäft „Capricho“ an der Plaça Constitució, 10. Egal, wo man in dieser Ecke einkauft, man landet bei den Messerschmidts. Die Nachricht vom Ladensterben können sie nicht bestätigen, auch persönliche Anfeindungen haben sie in ihrer gesamten Zeit hier noch nicht erlebt.
Das deutsche Unternehmerpaar stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und lebt bereits seit 30 Jahren auf der Insel. Am heutigen Tag stehen sie gerade gemeinsam im „Es Centre“ im Laden. „Früher hatten wir auch noch einen Möbelladen, einen Schmuckladen und einen Schuhladen im Ort. Aber es ist schwer, gutes Personal zu finden, und wir werden nicht jünger“, erzählt der gelernte Einzelhandelskaufmann. Es habe also nicht mit erhöhten Mieten zu tun, dass sie geschlossen hätten. „Wir genießen einen sehr guten Ruf im Ort. Unsere Vermieter sind Mallorquiner und schätzen uns sehr als zuverlässige Mieter“, erzählt Sabine Messerschmidt.

Sabine und Burkhard Messerschmidt in ihrem Bekleidungsgeschäft "Es Centre" in Santanyí / Nele Bendgens
Das Paar kam erstmals eigentlich durch Zufall auf die Insel: „Für 299 DM mit einer Roulette-Reise, bei der man nicht wusste, in welchem Hotel man landet – nach Cala Figuera“, erinnert sich Sabine Messerschmidt, die erst als Lehrerin in Essen arbeitete. Die beiden wollten aber schon immer auswandern, hatten erst Bali ins Auge gefasst, aber verliebten sich dann in die Insel im Mittelmeer. Den ersten Laden hatten sie in Cala d’Or, dann lernten sie Santanyí kennen und sahen hier Potenzial. Hier eröffneten sie als erste Deutsche ein Bekleidungsgeschäft.
Das idyllische Santanyí hat sich verändert
„Santanyí hat sich seitdem sehr gewandelt. Früher war hier so das typische Idyll. Der Mann setzt seine Frau schon mal am Markt ab, die kauft Blumen, Gemüse und Obst, und er parkt gemütlich und kommt dann angeschlendert. So ist es an Markttagen hier nicht mehr, seitdem der Ort so eine Berühmtheit erlangt hat“, sagt die Geschäftsfrau. Auch die Kundschaft habe sich gewandelt, die Deutschen hätten sich etwas mehr zurückgezogen, stattdessen seien die Kunden jetzt internationaler. Es kämen viele US-Amerikaner, aber auch Leute aus Kanada, Australien und Neuseeland. Besonders seitdem es mehrere Fünf-Sterne-Hotels in der Gegend gäbe. „Die Amis finden hier alles extrem günstig“, so Burkhard Messerschmidt.

Entspannte Atmosphäre im Innenhof des Ladens "3ssence“. / Nele Bendgens
Das schildert auch Christiane, die als Angestellte im Bekleidungsgeschäft mit High-End-Mode „3ssence“ im Carrer de Can Ferrereta, 3, steht. Fast schräg gegenüber befindet sich das 5-Sterne-Hotel Can Ferrereta mit der Hausnummer 12, und fast jeder, der dort absteigt, schaut auch im Laden vorbei.
"Gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, dass Santanyí nicht nur zu einer schönen Kulisse für Besucher wird, sondern ein lebendiger Ort für die Menschen bleibt, die hier das ganze Jahr wohnen und arbeiten.“
Jürgen Möllemann, einer der drei Ladeninhaber von „3ssence“, die eine zweite Filiale in Palmas Altstadt haben, merkt an: „Santanyí ist internationaler geworden, aber die Stärke des Ortes liegt weiterhin in seiner mallorquinischen Identität. Die neuen Geschäfte und internationalen Unternehmer bringen Investitionen, Kaufkraft und neue Konzepte. Gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, dass Santanyí nicht nur zu einer schönen Kulisse für Besucher wird, sondern ein lebendiger Ort für die Menschen bleibt, die hier das ganze Jahr wohnen und arbeiten.“
Der Ort wird wie die gesamte Insel stets immer internationaler
Möllemann hat in den sieben Jahren auf der Insel keine Probleme mit den Einheimischen erfahren: „Natürlich sind deutsche Unternehmer und Kunden in Santanyí deutlich sichtbar, aber sie sind nicht allein für die Veränderungen verantwortlich. Die mallorquinischen und spanischen Geschäfte haben sich ebenso weiterentwickelt und auf eine internationalere Kundschaft eingestellt.“ Der 60-jährige Unternehmer empfindet Internationalisierung prinzipiell als positiv. „Problematisch wird sie erst, wenn alltägliche Angebote verschwinden oder Santanyí außerhalb der Saison nicht mehr als echter Wohn- und Lebensort funktioniert.“

Farbenprächtige Designer-Mode bei 3ssence in Santanyí. / Nele Bendgens
Tanja Laurenco und Oliver Claessen sind seit 22 Jahren auf Mallorca und betreiben seit elf Jahren gemeinsam den Schmuckladen „Animo“ in der Carrer del Sol, 4. Die beiden haben mit dem Verkauf auf Märkten angefangen; Oliver steht da auch heute noch regelmäßig. „Santanyí hat durch seine beiden Markttage einen richtigen Hype erfahren. An den beiden Tagen machen wir hier im Prinzip den gesamten Wochenumsatz“, erzählt Laurenco, die aus Mönchengladbach stammt. Ihr Laden liegt hinter der Kirche, „eher in C-Lage. Nicht jeder macht die Kurve um die Kirche herum.“
Früher waren die meisten Kunden Deutsche, heute muss man auf Englisch sprechen können
Das Laden-Publikum habe sich schon nach Corona verändert. „Es gibt viel Agrartourismus in der Gegend. Wir hatten daher schon immer gut betuchte Kunden; viele waren jahrelang unsere Stammkunden“, schildert die 49-Jährige. Waren die Käufer erst zu 80 Prozent Deutsche, habe sich das in den letzten Jahren verschoben. Besonders seit es Direktflüge aus den USA gäbe, müsse sie viel auf Englisch kommunizieren.

Tanja Laurenco betreibt seit elf Jahren ihren Schmuckladen „Animo“ in Santanyí. / Nele Bendgens
Negative Erfahrungen mit Mallorquinern haben auch die beiden noch keine gemacht. „Das Einzige, was man sagen muss: Das Leben auf der Insel ist anders, als sich das viele Menschen vorstellen“, ergänzt Claessen. Gerade in der Hauptsaison sähe es so aus, als wäre immer viel los: „An den zwei Markttagen ist das hier ‚Rumble in the Jungle‘, da kommt Geld aus allen Ecken, absolute Volksfeststimmung.“ Mit dem normalen Alltag habe das jedoch nichts zu tun, denn vor allem von November bis März sei tote Hose. Daher müsse man weiterhin in der Saison genug verdienen, um auch durch den Winter zu kommen, sagt der 57-Jährige, der anfangs in einem VW Bulli auf der Insel lebte. Er sieht die Entwicklung der Massifizierung in den letzten Jahren eher kritisch: „Wenn das so weitergeht, ist in fünf Jahren nichts Schönes mehr von dieser Insel übrig. Man spürt mittlerweile überall richtig den Druck, und es wird immer schwerer, über die Runden zu kommen. Dafür bin ich nicht in den Süden ausgewandert.“
Santanyí – Ein Blick hinter die Kulissen der Idylle
Santanyí im Südosten Mallorcas gilt als einer der charmantesten Orte der Insel. Jeden Mittwoch und Samstag verwandelt sich das Städtchen mit seinem Markt zu einem Zentrum des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.
Santanyí galt lange als deutsche Hochburg. So auch der „Hamburger Hügel“ – die mit Luxusvillen gespickte Gegend zwischen Cas Concos, S’Alquería Blanca und Santanyí, die selbst von Einheimischen „colonia de Hamburgo“ genannt wird.
Im vergangenen Sommer wurden gezielte Schmierereien gegen einige deutsche Geschäfte und Fahrzeuge mit der Parole „Deutsche raus“ gemeldet. Wir haben unseren Lokalaugenschein genutzt, um ein Jahr danach auch zu diesem Thema ein Stimmungsbild zu erhalten.
Möchten Sie uns zu diesem oder einem anderen Thema etwas sagen? Wir freuen uns auf Ihre Mail an: red@mallorcazeitung.es
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